Dienstag, 28. August 2012

Über einen Artikel im NEON Magazin: „Die dunkle Seite der Uni“

Ein Magazinartikel bringt wieder Empörung für diejenigen, die sexuelle Gewalt bzw. Nötigung an Hochschulen erlebt haben oder verstehen, wie die Situation für Opfer ist (Bild aus der Webseite von NEON)
In seiner gedruckten Ausgabe vom August 2012 veröffentlichte das Magazin NEON einen Artikel mit dem Titel „Die dunkle Seite der Uni“, der sexuelle Belästigung an Hochschulen thematisiert. Bevor ich Gelegenheit hatte, den Artikel zu lesen, habe ich zuerst die Kommentare auf der Homepage der Zeitschrift und auf ihrer Facebook-Fanpage gesehen. Die saloppe Art, wie die Diskussionsfrage gestellt wurde („Wurdet ihr schon mal von einem Professor angebaggert?“) und die Antworten, die eher über die umgekehrte Situation sprachen, ließen mich das Schlechteste vom Artikel erwarten. Am nächsten Tag wurde im Blog Mädchenmannschaft ein Post darüber veröffentlicht: „Wie NEON sexualisierte Gewalt an Unis verharmlost“. Um eine Meinung äußern zu können, habe ich die Zeitschrift gesucht und den Artikel gelesen.


Der Haupteil des Artikels (S. 92-95) befasst sich mit der Erfahrung einer Studentin – im Magazin Anna genannt –, die von zwei Professoren belästigt wurde. Eine Sektion auf der Seite 94 enthält ein Interview mit einer Beraterin der Universität Bremen. Die Resultate einer Studie der Uni Bochum wurden erwähnt und als statistischer Rahmen des Artikels benutzt.
Erstens finde ich den Titel ein bisschen sensationalistisch für das Thema. Wenn wir über „die dunkle Seite der Uni“ sprechen würden, sollten wir die Machtverhältnisse, Politik, Korruption und Ausnutzung von billigen Arbeitskräften (ergo HiWis, Doktoranden und Assistenten) unter dem Versprechen einer erfolgreichen Karriere thematisieren, die eine Fassade von „Wissenschaft“ und Prestige erlauben.
Im Vergleich zu meiner Erfahrung der sexuellen Nötigung durch meinen ehemaligen Doktorvater und den in diesem Blog dargestellten Fällen ist die Geschichte der Studentin Anna sehr mild. Keine Straftat lag vor, die Studentin konnte ohne Schwierigkeiten den ersten belästigenden Betreuer für ihre Prüfung wechseln und ihre Rückweisung des zweiten Profs hatte keine Art von Konsequenzen für sie.
Der beste Teil des NEON-Artikels ist das Interview mit der Beraterin. Trotzdem – wie es bei Mädchenmannschaft richtig pointiert wird – verharmlosen die Fragen der Verfasser des Artikels die Situation. Die Journalisten erwähnen, dass sie nie in ihren Studentenleben von einem solchen Fall – wie dem von Anna – gehört haben (wirklich?) und fragen, wie sehr die Studentinnen sich geschmeichelt fühlen, wenn sich ein Professor „unter den tausenden Kommilitoninnen“ für sie interessiert.
Die Antworten der Beraterin waren sehr angemessen und belegen Kenntnis über die Schwierigkeit der Situation. Drei Punkte möchte ich gerne hervorheben:
1.- „Niemand spricht darüber“. Hier hat man den Nagel auf den Kopf getroffen. Dies ist die größte Barriere, vor der Betroffene sexualisierter Gewalt an Hochschulen stehen. Die Kommilitonen wollen nichts davon wissen, die Professoren noch weniger, die Unis schwanken zwischen der Vertuschung, der Gleichgültigkeit, der Mediation und der Ausgrenzung der Studentinnen. Die Leute außerhalb der Uni verstehen die Dimension der Abhängigkeit von den Professoren nicht. Wir Betroffenen sind total beschränkt bei der Öffentlichmachung unserer Anliegen und Erfahrung. Die meisten würden es auf keinen Fall machen. Denjenigen, die noch in Strafverfahren verwickelt sind, wird davon abgeraten. Wenn alles vorbei ist und man darüber sprechen möchte, darf man es nicht mit dem eigenen Namen, denn man geht das Risiko von Unterlassungklagen und Verleumdungsanzeigen ein, was zur Folge hat, dass die Betroffenen das Gesicht nicht zeigen und es den einzelnen Fällen immer an Transparenz mangeln wird.
2.- Die Mythen bezüglich sexualisierter Gewalt spielen eine Rolle. Die Medien haben dazu beigetragen, diese Mythen zu verbreiten. Wenn wir denken, dass Playboy „die schönste Seite der Uni“ präsentiert hat und NEON als „dunkle Seite“ einen relativ harmlosen Fall von Belästigung schildert, den es noch weiter verharmlost, können wir uns vorstellen, wie alles weitergehen wird...
3.- Die Studentinnen können nichts zur Prävention von solchen Situationen machen, weil sie nicht von ihnen ausgehen. Dies ist sehr wichtig, denn es zeigt uns: Was die Studentinnen machen, ist nicht die Ursache des Verhaltens der Professoren. So wird die Verantwortung der Lehrenden wahrgenommen. Es wäre ein großer Fortschritt, endlich die „Heiligkeit“ der Professoren in Frage zu stellen, anstatt immer wieder Opfer zu blamieren. Mit anderen Worten würde der Fokus nicht mehr auf die Handlungen der Studentinnen gerichtet, damit sie keine Opfer von solchen Taten werden, sondern darauf, was man unternehmen kann, damit die Professoren mit Belästigung und Nötigung aufhören.
Ein weiterer Treffer von Mädchenmannschaft war zu erkennen, wie schlimm das Ende des Artikels ist: „Sie [die Betroffene Anna] bekommt in ihrer Prüfung eine 1,0. Sie weiß, dass sie eine sehr gute Studentin ist. Sich monatelang gut vorbereitet hat. Die gute Note hat sie verdient.“ Hier wird gemeint: Dadurch, dass Anna ihre Prüfung mit der besten Note bestanden hat, war dann alles in Ordnung. Wir dürfen nicht denken, dass es erträglich ist, von Professoren belästigt bzw. genötigt zu werden, sofern Betroffene gute Noten erhalten und nur wenn solche Erfolge bedroht sind, gibt es eine Gefahr. Was falsch ist, ist falsch, egal ob dies Konsequenzen für uns hat oder nicht. Vielleicht wird hier eher gemeint: „Wenn Du eine gute Studentin bist, hast Du nichts zu befürchten. Wenn nicht, hast Du sowieso kein Recht“.

Andererseits geht man mit diesem Absatz von NEON davon aus, dass gute Studentinnen immer eine Lösung finden. Meine Leistungen waren hervorragend, bevor ich die Nötigung an der Uni Hamburg erlebt habe, und ich fand keine Lösung. Oder wollte NEON hier eine Geschichte mit Happy End schildern, um die Botschaft zu verbreiten: „Man kann Grenzüberschreitungen rechzeitig erkennen und Avancen der potentiellen Täter abwehren, ohne Folgen daraus zu erleiden“? Wenn es eine solche Formel gäbe, hätte ich sie gerne erfahren.

Ich weiß nicht, aus welchem Grund NEON sich für dieses Thema entschied. Vielleicht weckt sich langsam das Interesse an solchen Fällen angesichts mehrerer Probleme an Hochschulen. Leider ist diese Annäherung nicht die Beste. Hoffen wir, dass die nächsten Medien, die das Thema angehen, seine Relevanz erkennen und endlich etwas für die vielen Betroffenen beitragen, die schweigend an ihren Hochschulen leiden, während sie sich einen Ausweg überlegen oder für diejenigen, die schon Studium und Selbstwertgefühle verloren haben und alles mit Traurigkeit von außen betrachten, in der Hoffnung, die Sachen würden sich mal ändern.

Kommentare:

  1. Liebe Lucrezia. Ich habe eben per Zufall Ihren Blog gefunden, gelesen, (geweint), ich bin empört und zutiefst erschüttert und fassungslos.
    Ich möchte Sie um Ihre Erlaubnis bitten, diesen Beitrag auf meinem Blog mittels Link darstellen zu dürfen. http://my-sweet-lemons.blogspot.com.
    Ich finde es ungeheuerlich, was Ihnen passiert ist, und wie mit Ihnen umgegangen wurde, und ich habe große Ängste, meine eigene Tochter betreffend (grundlos, hoffe ich).
    Ich möchte dieses Thema auf meine Art in das Licht der Öffentlichkeit rücken.
    Vielleicht kommt Ihnen mein Blog "zu bunt" vor (ich hatte letztens erst einen erheiternden Kommentar dieser Art), aber das bedeutet nicht, daß ich oberflächlich denke, sondern daß ich die schönen Seiten des Lebens bejahe und darstellen möchte. Und nicht nur diese - auch die weniger schönen Seiten, die von der modernen Gesellschaft gern unter den Tisch gekehrt werden - weil eben nicht sein kann was nicht sein darf. Die Frauen im bunten Bloggerversum sind viel zu sehr von ihren Stickereien und Häkeleien und bunten Stoffen eingenommen, daß ihnen ein Blick über den Tellerrand ins reale häßliche Leben mal ganz guttäte.
    Sie brauchen meiner Bitte nicht nachzukommen, ich könnte das sehr gut verstehen, aber ich möchte Ihnen sagen, daß Sie nicht allein sind. Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, den Schmerz, die Demütigung, das Gefühl der Ungerechtigkeit, zu überwinden und wieder zu sich selbst zu finden.
    Mit den herzlichsten Grüße, Sathiya

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  2. Liebe Sathiya,

    ich danke Ihnen sehr für Ihre Worte und Ihre Solidarität. Wenn Sie von Ihrem Blog auf meinen Post verweisen möchten, können Sie das gerne tun. Es ist mir eine Freude, dass Sie ihn lesenswert finden und mit Ihren Lesern teilen möchten.

    Natürlich sollte man mit Gleichgewicht über die schönen sowie die "hässlichen" Seiten des Lebens berichten. Wenn wir zu viel zu einem Pol gehen, vergessen wir den anderen. Als ich diesen Blog angefangen habe, wusste ich selbst auch nicht wie sich die Geschichte entwickeln würde. Ich dachte nicht, dass alles so schwer zu überwinden und der Schmerz immer noch so präsent sei. Unterstützende Nachrichten wie Ihre helfen immer zu wissen, dass ich nicht allein bin.

    Alles Gute zu Ihrem heutigen Geburtstag. Liebe Grüße

    Lucrezia

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