Mittwoch, 23. Mai 2012

Fünfzehn Aktivitäten, die Betroffenen von Sexualdelikten helfen können

Kleine Möglichkeiten, aus dem Loch herauszukommen

Alle, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, wissen, wie schwer die Überwindung ist, wie oft die Verzweiflung, Depression und Ungewissheit vorkommen und dass wir in bestimmten Momenten kein Licht am Ende des Tunnels sehen. Nach drei Monaten Pause in diesem Blog, wo ich Distanz zum Erlebten an der Uni Hamburg schaffen konnte und an meiner Heilung gearbeitet habe, möchte ich fünfzehn Aktivitäten empfehlen, die man sofort oder innerhalb kurzer Zeit machen kann, ohne viel Geld auszugeben und einem auf diesem schwierigen Weg begleiten und helfen können, damit man den Heilungsprozess in Bewegung setzen kann.

Dieser Artikel ist nicht an Betroffene gerichtet, die vor einer wichtigen Entscheidung stehen (anzeigen oder nicht anzeigen, Notfallmaßnahmen nach einem Sexualdelikt, Gefahr eines Delikts, u.ä.). Für diejenigen in solchen Situationen habe ich bereits einen Post geschrieben. Die folgenden Vorschläge sind für Überlebende oder Opfer, die alles tun möchten zum Überleben, die im strafrechtlichen Sinne nichts mehr tun können, keinen Kontakt mehr zum Täter haben und sich am Anfang oder inmitten eines Heilungsprozesses befinden.

1. Ein Selbsthilfebuch für Betroffene lesen, z.B. Trotz allem: Wege zur Selbstheilung für Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben von Ellen Bass und Laura Davis.

2. Ein Tagebuch führen, um Gedanken, Ideen, Erinnerungen und Ziele festzuhalten.

3. Ein sachliches Buch über die Problematik von Betroffenen im Alltag, in spezifischen Umgebungen oder im Umgang mit der Justiz lesen, z.B. Sine laude! Sexismus an der Hochschule von Monika Gerstendörfer oder Trauma und Justiz: Juristische Grundlagen für Psychotherapeuten – psychotherapeutische Grundlagen für Juristen von Kirsten Stang und Ulrich Sachsse.

4. Wissenschaftliche Artikel oder Vorträge über das Thema lesen oder hören, z.B. „Geschlechterstereotype, Sexualitätsmythen und opferbeschuldigendes Alltagswissen bei der Strafverfolgung von Sexualdelikten“ von Ulrike Lembke.

5. Ein autobiographisches Buch eines Betroffenen lesen, wie Ich wurde sexuell missbraucht von Norbert Denef.

6. Einen offenen Film ohne Tabus sehen, der Hoffnung gibt, wie Precious.

7. An einer Kampagne teilnehmen wie #ichhabnichtangezeigt.

8. Sich für den Kampf gegen sexuelle Gewalt und für die Rechte der Betroffenen einsetzen, indem man sich einem Verein einschließt – wie netzwerkB oder gegen missbrauch e.V. –, ehrenamtlich arbeitet – z.B. im Weissen Ring – oder einen eigenen Blog startet.

9. Einen oder mehrere Artikel über die eigene Erfahrung schreiben und ihn oder sie in einem Blog oder in anderen Medien teilen. Sehen Sie als Beispiel die Initiative „Coming-Out der Opfer“ von netzwerkB und die Blogparade gegen sexualisierte Gewalt.

10. An einer Selbsthilfegruppe oder einem Forum teilnehmen, wie Weggeschaut.

11. Ein neues (Lebens-)Projekt starten, das nicht mit sexualisierter Gewalt zu tun hat.

12. Alte Hobbies wiederentdecken.

13. Mit einem Kind oder Haustier spielen.

14. Mit anderen Betroffenen Erfahrungen austauschen.

15. Mit anderen Personen über Themen sprechen, die uns faszinieren.

Wenn Sie auch betroffen sind, welche von diesen Aktivitäten machen Sie jetzt? Was hat Ihnen am meisten geholfen? Wenn Sie noch etwas empfehlen können, was hilfreich für hier und jetzt ist, freue ich mich auf Ihre Kommentare.

Kommentare:

  1. Die meisten Empfehlungen sind intellektueller Art, weil ich die Realität durch Lesen und Schreiben gerne wahrnehme. Aber ich kann nachvollziehen, dass andere Personen sich eher mit gestalterischen Aktivitäten, Musik oder Sport besser fühlen würden.

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  2. Sport finde ich total gut, mir hilft aber auch, gerade wenn ich traurig bin, putzen oder aufräumen, absurderweise, weil ich eigentlich eine Chaotin bin.

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  3. Abgesehen davon, dass ich ziemlich faul für Sport bin, lässt er meine Gedanken frei und manchmal fallen mir traurige Erinnerungen ein. Putzen oder aufräumen ist etwas anderes, weil man sofort die Resultate sieht und sie den Eindruck geben, dass man Ordnung in ein chaotisches Leben bringt.

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  4. ich habe das Buch "Trauma and Recovery" von Judith Herman gelesen, fande ich sehr hilfreich, weil wissenschaftlich und doch leicht verständlich über Traumata, Folgen, und Therapiemöglichkeiten geschrieben wird

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  5. Hallo Mira. Danke für die Empfehlung. Ich kannte das Buch nicht, aber ich werde es suchen.

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