Mittwoch, 1. Februar 2012

Betreuerwechsel? Was man vorher wissen sollte...

Ist die Auswahl gering und sehen alle gleich aus? 

Nicht wenige Leser finden diesen Blog durch den Suchbegriff „Doktorvater wechseln“. Als ehemalige Hamburger Doktorandin, die einen Antrag auf Betreuerwechsel eingereicht hat und in Verletzung der betreffenden Promotionsordnung eine Erstgutachterin – nicht eine Betreuerin – bekommen hat, die ihre Dissertation ablehnte, kann ich etwas dazu schreiben.

Man sollte sich zuerst fragen, ob man wirklich einen Betreuerwechsel oder eher einen Promotionsabbruch, Uni-, Fach- oder Themenwechsel will oder braucht. In der Regel wollen die Doktoranden, die sich einen Betreuerwechsel überlegen, einen anderen Doktorvater bzw. Doktormutter haben und den Fachbereich, das Dissertationsvorhaben und oft dieselbe Uni behalten.

Wenn man an den Prozess der Suche nach einem Doktorvater bzw. einer Doktormutter denkt, ist es nicht überraschend, dass viele Doktoranden in einer bestimmten Phase der Promotion sich wünschen, den Betreuer zu wechseln. Einige wählen Betreuer aus, die sie schon kennen und bei denen sie vielleicht die Diplomarbeit geschrieben haben.

Andere, wie ich, schauen die Lebensläufe der Professoren auf den Webseiten der Unis, schreiben denjenigen, die an ihrem Forschungsschwerpunkt gearbeitet haben und schlagen ein Thema vor. Wenn der potentielle Betreuer damit einverstanden ist, vereinbart man einen Termin oder trägt sich in seine Sprechstunde ein. Beim Gespräch stellt man sich und das Projekt vor. Wenn alles gut läuft, erklärt sich der Professor bereit, das Dissertationsvorhaben zu betreuen und der zukünftige Doktorand ist überglücklich.

Dies ist das akademische Äquivalent, eine Person zu heiraten, die man durch einen Katalog kennengelernt und nur bei einem Date gesehen hat. Im Fall der Doktoranden, die erst nach Europa kommen, wenn ihnen ein Stipendium – und dementsprechend ein Studentenvisum – zugesagt wurde, kann man das „Date“ streichen. Man findet sich plötzlich in einem fremden Land, mit einem anderen Hochschulsystem und einem unbekannten Professor, der uns während mindestens 3 Jahren bei unserem Forschungsprojekt begleiten wird.

Überrascht es uns wirklich, dass das Betreuungsverhältnis oft nicht klappt? Laut Umfragen des Hochschulkonsortiums GATE-Germany sind ausländische Studenten mit der Betreuung an deutschen Universitäten nicht so zufrieden. Wir wollten aus verschiedenen Gründen im Ausland studieren und lassen uns auf ein starkes Abhängigkeitsverhältnis mit jemandem ein, den wir kaum (oder gar nicht) kennen. Was passiert nachher? Man entdeckt die Wahrheit. Ob die Professoren chaotisch oder anspruchsvoll sind, ob sie die Materialien lesen oder nicht, ob sie Zeit für die Doktoranden finden oder nicht, ob sie wirklich bei den Problemen oder Zweifeln im Laufe der Forschung helfen oder eher mehr Probleme und Zweifel verursachen, ob sie mit unserer wissenschaftlichen Annäherung einverstanden sind oder ihre Vision verlangen.

Wenn man diese Wahrheit entdeckt, ist es i.d.R. zu spät. Man hat sich an der Uni immatrikuliert, hat ein Jahr lang an der Dissertation gearbeitet, ist umgezogen, hat bereits ein Stipendium oder eine mit der Diss verbundene Stelle. Aber man ist mit dem Doktorvater bzw. der Doktormutter nicht zufrieden. Was soll man dann tun?

Oft habe ich den Eindruck, dass viele Leute den Doktoranden bei Problemen mit den Betreuern zu einfach und zu schnell einen Wechsel anraten und die Schwierigkeiten kaum beachten. Ein Betreuerwechsel ist weder einfach noch schnell zu schaffen, falls er überhaupt klappt. Hier präsentiere ich ein paar Punkte, über die man nachdenken sollte, bevor man die Schritte für einen Betreuerwechsel einleitet.

1.- Die Fachbereiche sind klein. Einige sind so klein, dass man die Anzahl von Spezialisten in einem Land an den Fingern einer Hand abzählen kann. Höchstwahrscheinlich kennen sie sich alle. Andere Fachbereiche sehen sehr groß aus, aber wenn man zu den Einzelheiten des Themas kommt, merkt man, dass es doch wenige Professoren gibt, die sich genau mit dem Schwerpunkt auskennen. In anderen Worten heißt das: Wenn man den Betreuer wechseln und das geplante Dissertationsvorhaben ohne Änderung behalten möchte, ist die Auswahl an potentiellen neuen Betreuern sehr gering.

2.- Man hat vielleicht falsche oder zu hohe Erwartungen an den Betreuer (z.B. wir wollen einen Mentor, Berufsberater und Freund, der uns ständig ermutigt und mit dem wir alle Probleme im Laufe der Promotion besprechen können). In diesem Fall wird ein Wechsel das Problem nicht lösen, denn mit großer Wahrscheinlichkeit wird der neue Betreuer diese Erwartungen auch nicht erfüllen. Wenn man die Auswahl des neuen Professors nochmals durch denselben Prozess macht, der zur Auswahl des aktuellen geführt hat, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit fast so groß (oder so klein?) wie vorher.

3.- Das Dissertationsthema könnte problematisch sein. Wenn ein Thema nicht mehr so viel Spaß macht oder einem nicht mehr als relevant oder originell vorkommt, nachdem man eine Zeit lang tief recherchiert hat, wird ein neuer Betreuer daran nichts ändern. In diesem Fall sollte man sich ein anderes Thema überlegen, was eventuell zu einem anderen Betreuer führen wird.

4.- Lebensperspektiven ändern sich. Motivationstiefs, Unklarheit der Berufschancen nach der Promotion, Enttäuschung in der bisherigen Tätigkeit, schwierige persönliche Umstände können (mehrmals) im Laufe einer langjährigen Promotion auftreten. Vielleicht findet man das akademische Leben nicht mehr so attraktiv. Vielleicht hat man die Promotion aus den falschen Gründen angefangen und möchte aus den falschen Gründen fortfahren. Vielleicht haben sich die Lebensumstände geändert und man setzt andere Prioritäten. Wenn dies passiert, findet man beim Promovieren Nachteile, die man vorher nicht gesehen hat und wird die Unzufriedenheit mit dem Betreuer als unerträglich empfinden. Ein Promotionsabbruch könnte hier die Antwort sein.

So wichtig wie es ist, die falschen Gründe für einen Betreuerwechsel zu erkennen, ist es festzustellen, wann man auf keinen Fall mit einem Betreuer bleiben darf, auch wenn dies bedeuten könnte, dass man nicht promovieren wird. Wenn man vom Professor bzw. der Professorin ausgebeutet, plagiiert, sexuell genötigt, zu illegalem oder nicht ethischem Verhalten gezwungen wird, sollte man eine weitere Betreuung durch diese Person nicht akzeptieren. Zu denken, dass eine solche Geschichte gut enden kann, ist illusorisch.

Auch wenn man sicher ist, dass ein Betreuerwechsel sinnvoll ist und dass die Gründe der Probleme am Betreuer und nicht an uns selbst oder den Themen liegen, könnte es passieren, dass man keinen findet oder zumindest nicht einen, der das gewünschte Projekt betreuen will. Es ist besser, dieses Risiko einzugehen als etwas Demütigendes zu tolerieren oder sich zu einer konfliktbehafteten Promotion zu zwingen, was eventuell psychologische und gesundheitliche Kosten nach sich zieht. Obwohl es zu einer riesigen Enttäuschung und einer Phase der Verzweiflung kommen kann, wird man langfristig stärker, um einen neuen Weg auszuprobieren.

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