Sonntag, 15. Januar 2012

Neues Jahr, neues Glück? Über den Rücktritt vom Promotionsverfahren und die Suche nach neuen Perspektiven

Wann wird nach vielen Tagen mit dunklen Wolken ein Licht am Horizont auftauchen?

Vor einem Jahr habe ich die ersten Posts dieses Blogs veröffentlicht. Damals lief noch das Strafverfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater. Unabhängig vom Resultat dieses Verfahrens habe ich mit einer positiven Bewertung meiner bereits eingereichten Dissertation gerechnet und glaubte an neue Karriereperspektiven in meinem aktuellen Wohnort. Ich kann mich nicht mehr an meine Vorsätze für das Jahr 2011 erinnern, weil die Ablehnung meiner Dissertation alles überdeckt hat. Ich fühle mich blöd, wenn ich an alle Stellen und Möglichkeiten für Habilitationsprojekte denke, die ich in Betracht gezogen habe. Vielleicht hat meine Erstgutachterin mich ausgelacht, als ich sie im Februar 2011 nach dem Datum meiner Disputation gefragt habe.

Das Widerspruchsverfahren gegen die Ablehnung meiner Dissertation hatte Anfang August 2011 Erfolg und die Ablehnung wurde aufgehoben. Obwohl die Promotionsordnung ganz deutlich für mich sprach und das Verhalten des Promotionsausschusses definitiv illegal war, befürchtete ich, dass ich vielleicht vor Gericht gehen müsse und dieses Verfahren ewig dauern würde. Zum Glück war dies nicht so. Der Widerspruchsausschuss der Uni Hamburg hat die Entscheidung getroffen. Dies bedeutet, dass ich mich wieder im Stadium vor der Abgabe der Dissertation befand und ich sie wieder hätte einreichen können. Da es keine Person an der Uni Hamburg gab, die bereit wäre, meine Dissertation zu betreuen (falls doch hätte ich angesichts aller Probleme nicht an deren Objektivität geglaubt), hatte ich keine andere Wahl als vom Promotionsverfahren zurückzutreten. 

Ich habe meinen Antrag auf Rücktritt der Promotion Mitte August eingereicht. Erst im November habe ich die Antwort über die Stattgabe meines Rücktritts erhalten, nachdem ich meinen Anwalt danach gefragt habe und er bei der Uni intervenierte. Die Entscheidung wurde vom Promotionsausschuss Ende September getroffen und erst nach Anfrage leiteten sie meinem Anwalt fast zwei Monate später die Antwort weiter. Die Universität Hamburg hat meine Wartezeiten in vielen Aspekten so lang wie möglich gemacht, seitdem ich das Delikt durch meinen Professor gemeldet habe. 

Am Tag an dem ich erfuhr, dass mein Widerspruchsverfahren erfolgreich war, habe ich mich sehr gefreut. Leider dauerte meine Freude so lange wie ein Teelicht. Dies war wie das Ende eines Krieges, wenn man alles ansieht, was zerstört ist und sich fragt: Und jetzt? Lange vor der Ablehnung war es mir klar, wie wenig ich meine Doktorarbeit mochte. Sie war mit der schlechtesten Zeit meines Lebens verbunden, das Mittel meines Doktorvaters, mir zu drohen, was eine bisher erfolgreiche und vielversprechende Laufbahn kaputtmachte. Ich habe wirklich keine Lust, an dieser Dissertation weiter zu arbeiten, obwohl viele Leute es mir empfohlen haben. Ansonsten sei die ganze Zeit und Mühe der letzten Jahren umsonst. Aber mein Selbstvertrauen ist jetzt sehr niedrig, ich bin oft deprimiert und ich sehne mich nach einer neuen Perspektive. Irgendwie habe ich das Gefühl, als Doktorandin an einer anderen Uni würde sich die Geschichte wiederholen. Natürlich nicht die sexuelle Nötigung, aber nochmal die Abhängigkeit vom guten Willen eines Professors, zu hohe Ansprüche für geringe oder gar keine Belohnung, nochmal die Verbindung mit dieser akademischen Welt, von der ich so enttäuscht bin und die mir so wenig Zufriedenheit gegeben hat.

Welche Vorsätze soll ich mir dieses Jahr vornehmen? Die Kilos abnehmen, die ich gewonnen habe, während ich letztes Jahr aus Frust gegessen habe? Mir noch mehr Mühe geben, um einen Job zu finden? Ich habe so viele verschiedene Empfehlungen gehört, dass 48-stündige Tage nicht ausreichen würden, um allen zu folgen: Eine neue Sprache zu lernen, im Ausland zu arbeiten, ein neues Masterstudium / Doktorat oder Diplom zu machen, Sport zu treiben, selbstständig zu werden, freiwillig zu arbeiten, weiter gegen sexuelle Gewalt zu kämpfen, mich sozial und politisch zu engagieren, ein Kind und ein Haustier zu haben.

Man kann nicht alle Wege gleichzeitig einschlagen. Das Leben ist nicht wie ein Wald, in den man mit einer Waffe hineingeht  und wild drauflos schießt, bis man etwas trifft. Alles sieht sehr schwierig aus, vor allem in meinen Umständen, weil ich sehr demotiviert bin und es mir so schwer fällt, etwas zu finden, worin ich aufblühen könnte. Im Allgemeinen merke ich, dass ich alles um die Verfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater und meine Hamburger Promotion als extrem belastend empfinde. Deshalb zweifle ich daran, etwas mit der alten Dissertation zu machen und diesen Blog weiter zu führen, obwohl ich positive Rückmeldungen bekommen habe.

Vor fast zwei Jahren habe ich mich an die Gleichstellungsbeauftragte der Uni Hamburg gewandt und hatte zum letzten Mal eine bezahlte Arbeit. Wie kann es sein, dass die Zeit vergeht und ich über das Erlebte nicht hinwegkommen kann? Ich habe fast zwei Jahre mit Warten verbracht und das finde ich schrecklich.

Ich weiß, dass das Thema der sexuellen Gewalt an Hochschulen wichtig ist und oft ignoriert wird, dass man kämpfen muss, damit sich etwas ändert. Aber ich will aus diesem Blog nicht eine Chronik meiner Depression machen, sondern etwas, das beiträgt, mehr Bewusstsein über die Problematik zu wecken und Betroffenen und Nicht-Betroffenen eine andere Perspektive anbieten. Ich will mich noch nicht verabschieden, weil ich noch nicht sicher bin, ob ich mit dem Blog aufhören möchte. Ich weiß nur, dass ich nicht alles gleichzeitig machen kann und meine Energien auf etwas konzentrieren sollte, was mich aus dem Loch bringt.

Die traurige Wahrheit bei den Betroffenen ist oft so: Die Jahre fangen an oder enden, die Zeit vergeht und alles bleibt gleich. Es ist eine Realität, dass viele sich in unendlichen Therapien befinden, auf Antworten von Straf- und Zivilverfahren warten, nicht wissen, was zu tun, um ein erfülltes Leben zu haben und immer noch unsicher sind, weil alle Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung tiefe Wunden hinterlassen.

Man wird todmüde, immer zu kämpfen und nichts zu schaffen: Trotz aller Schwierigkeiten eine Dissertation zu schreiben, die dann als total mangelhaft bewertet wird – obwohl die Erstugutachterin mir vorher positive Gutachten geschrieben hat und in früheren Besprechungen nie gesagt hat, sie habe meine Arbeit so schlecht gefunden. Viele Bewerbungen zu schreiben, bereit zu sein, in anderen Städten, zu schlechten Uhrzeiten, mit niedrigen Löhnen und anstrengenden Bedingungen zu arbeiten und nichts zu finden. Für die Gerechtigkeit zu kämpfen, meine gesellschaftliche Verantwortung als Opfer zu übernehmen und nur schlechte Konsequenzen und Feinde daraus zu ziehen.

Ich habe oft gedacht, es wäre besser gewesen, meinen Doktorvater nie gemeldet zu haben. Ich hätte die Promotion mit einer eleganten Ausrede aufgeben sollen, was nicht zu Strafanzeigen ohne meine Zustimmung, ewigem Warten für ein schlechtes Ende und zur Ablehnung meiner Dissertation geführt hätte. Wenn ich so gehandelt hätte, hätte mir dies weniger gesundheitlichen Schaden verursacht? Weniger Leiden? Oder hätte ich eventuell bereut, nicht gekämpft zu haben? Es ist schwer zu sagen, wie alles gewesen wäre, wenn ich einen anderen Weg genommen hätte. Besser ist es, zu entscheiden, was ich jetzt tun will.

Mit weniger Elan als vor einem Jahr bleibe ich immer noch hier. Hoffentlich wird sich eine neue Perspektive eröffnen, die mir erlauben wird, aus der schlechten Erfahrung zu wachsen und ohne Groll und Angst nach hinten zu blicken. Ich wünsche allen, die sich auch fragen, was sie machen wollen oder können, dass sie auch den Weg finden, der sie zu neuem Glück führt.

Keine Kommentare: