Donnerstag, 27. Oktober 2011

Warum wir nicht ernst genommen werden

Unsere Eichhörnchen-Arbeit wird so einfach überrollt...

Seit letzter Woche bin ich besonders deprimiert. Das Jahr ist bald zu Ende, ich habe es vor allem beim Warten auf Antworten (der Verfahren, der Jobbewerbungen usw.) verbracht, ich finde noch keinen Job und weiß nicht, was ich mit der Dissertation tun sollte, obwohl ihre Ablehnung bereits vom Widerspruchausschuss der Uni Hamburg aufgehoben wurde.

Vorgestern überlegte ich mir, ob ich alle meine Energien auf den (noch unbekannten) neuen Weg meines Lebens konzentrieren und mich von diesem Blog verabschieden sollte, der immer das Erlebte in Hamburg lebendig erhält. Dann fand ich einen Kommentar zur Moderation, der bezüglich der Vorurteile der Gesellschaft zum Thema sexuelle Belästigung und Gewalt an Hochschulen auf eine Zeitungsnachricht über die neue Ausgabe des Playboy verweist. Das Cover mit dem Titel „Playboy Uni-Sex: Deutschlands schönste Studentinnen“ zeigt sechs Studentinnen, die für das Männermagazin posiert haben.

Die kommentierende Person schreibt: „Dass solche Vorurteile aktiv propagiert werden, macht mich sehr wütend und traurig“, was nicht verwundert. Sie gibt auch einen Link zur Ausgabe der Hamburger Morgenpost vom 12. Oktober an. Ich verlinke das hier nicht, da ich der Sache keine Werbung schenken möchte. Nicht nur die erwähnte Zeitung, sondern viele andere mehr und auch ein paar Blogs verweisen auf diese Ausgabe des Playboy. Alle Nachrichten enthalten einen relativ kurzen und sehr ähnlichen Text. Die fotografierten Studentinnen erzählen, wo man am besten Sex an der Uni haben kann. Eine empfiehlt das Zimmer des Professors und beichtet, von einem Professor geschwärmt zu haben, obwohl sie keine Affäre mit ihm hatte.

Unabhängig von den Klischees des Covers, das die Studentinnen mit Tweed-Miniröcken und Strumpfhaltergürteln in einer ganzen Lolita-Fantasie zeigt, und dem Sexismus in Schlagzeilen wie „Bildung lohnt sich: Studentinnen zeigen im Playboy, was sie zu bieten haben“, erhalten Leser die Botschaft, dass es an deutschen Hochschulen schöne, liberale und provokative Studentinnen gibt, die bereit sind, Sex mit Professoren zu haben und man muss sie einfach suchen. Am Ende der Nachrichten wird dann noch aufgeführt, welche Unis und Studiengänge einen höheren Frauenanteil haben.

Die Tatsache ist klar: Eine Playboy-Ausgabe wird mit Pauken und Trompeten angekündigt und wir Betroffene sexuellen Missbrauchs müssen für unsere Stimme kämpfen. Wir geben uns Mühe, gute Texte in unseren Blogs zu schreiben, unsere Stellungnahme so deutlich wie möglich auszudrücken, vernünftige Argumente zu präsentieren und auch die Gefühle und den subjektiven Anteil, der bei dieser Problematik des sexuellen Missbrauchs wichtig ist, um es zu verstehen. Dann kommt Playboy mit dieser großen Medienbombardierung und überrollt mit einem kurzen Text und ein paar Aktfotos unsere Aufgabe.

Mehr als die Richtung des Männermagazins, von dem man weiß, was man zu erwarten hat, kritisiere ich, wie die anderen Zeitungen diese Ausgabe präsentieren. Natürlich verstärken sie die Mythen und Vorurteile der Gesellschaft gegenüber der Situation von Opfern sexueller Belästigung und Gewalt an Hochschulen. Aufgrund solcher Nachrichten wird unser Problem nicht ernst genommen. Die Medien stellen dar, wie „schön Studieren sein kann“ oder „wie schön Uni-Sex ist“. Leider ist dies die Seite, die viele – oder die meisten? – sehen wollen: Eine unkomplizierte Uni, voller schöner spielbereiter junger Frauen. Nicht die Uni, wo Machtkämpfe und Machtmissbrauch herrschen, vor allem nicht die Studentinnen, die die Jugend, die Figur und die Lebensfreude aufgrund eines traumatischen Erlebnisses verloren haben. Keine Zeitung will diese dunkle, „hässliche“ Seite des Studierens zeigen.

Solange es Medien gibt, die solche Vorurteile propagieren – wie die kommentierende Person in meinem Blog schreibt –, werden wir nie ernst genommen. Dabei meine ich nicht nur die Nachrichten in den Zeitungen, sondern auch die Filme über „verbotene unkonventionelle Liebe“ zwischen Professoren und Studentinnen und über falsch angeschuldigte Männer wegen sexueller Belästigung bzw. Vergewaltigung. Bisher wird oft die Opferperspektive ausgeblendet und der Täterperspektive eine Plattform geboten. Die Stimme des Opfers ist nicht so auffällig in den Medien und in der Fiktion. Dadurch, dass wir noch nicht ernst genommen werden und es so wichtig ist, dass die Gesellschaft aufmerksam auf solche Vorurteile wird, bleibe ich noch hier, damit diese Stimme und diese Seite des akademischen Lebens gehört und gelesen wird.

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