Mittwoch, 5. Oktober 2011

Eine Petition gegen sexuellen Missbrauch an Bildungseinrichtungen

Eine wichtige Petition ist jetzt im Portal des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages zu finden

Letzte Woche fand ich zufälligerweise eine öffentliche Petition im Deutschen Bundestag mit dem Titel: Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung – Sexueller Missbrauch von volljährigen Schülerinnen und Studierenden durch Lehrende an Bildungseinrichtungen. Diese Petition – die ich völlig unterstütze – steht bis zum 11. November 2011 zum Mitzeichnen vor.

Mit der Petition wird beabsichtigt, die Gesetzeslücke der §§ 177 und 240 StGB für Studentinnen u.a., die sexuelle Übergriffe durch Hochschullehrer erlitten haben, zu schließen. Wenn der Bundestag diese Petition berücksichtigt, werden Taten bestraft, deren Ausführung nicht ausreichend für den Tatbestand der Vergewaltigung bzw. sexueller Nötigung ist. Die Täterorientierung der Strafverfolgung ignoriert die schwierige und ausweglose Lage der Studentinnen, die in eine solche Situation verwickelt werden. Es wird ihnen sehr oft vorgeworfen, dass sie sich nicht körperlich gewehrt haben oder es ungenügende Gewaltanwendung seitens der Lehrenden gibt. Da die Professoren Autoritätsfiguren sind und die Studentinnen in einer starken Abhängigkeitsbeziehung zu ihnen stehen, lassen sie die Tat oft über sich ergehen, ohne dass der Täter Gewalt ausüben muss.

Obwohl oft gesagt wird, dass die Betroffenen volljährig sind und „Nein“ sagen könnten, trifft es zu, dass Professoren sehr oft kein „Nein“ seitens ihrer Studenten annehmen und falls ja können sie das sehr stark bestrafen in Form von akademischen und beruflichen Nachteilen unter Ausnutzung ihrer Position. Es gibt auch viele Formen eine Person zum Sex zu zwingen, nicht nur ganz ausdrücklich gegenüber Zeugen oder schriftlich zu sagen: „Wenn du mit mir nicht schläfst, dann werde ich deine Dissertation / Magisterarbeit durchfallen lassen“ o.ä. Ein „Nein“ ist im strafrechtlichen Sinne auch nicht ausreichend, da das Strafgesetz eher einen heldenhaften Widerstand seitens der Opfer erwartet. Ansonsten könnten die Täter sich nicht sicher sein über das fehlende Einverständnis der Opfer. So lautet die typische Erklärung, die diese Täterorientierung der Justiz hervorhebt.

Oft wird die sexuelle Ausbeutung durch Dozenten mittels angedeuteter Drohungen durchgeführt, die in der Regel als nicht ausreichend für den Tatbestand der Nötigung (§ 240 StGB) bewertet werden. Die spezielle Lage von Stipendiatinnen, ausländischen Studentinnen, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und anderen Lernenden, deren Lebensunterhalt, Berufsperspektiven und Aufenthaltsbewilligungen von diesen Dozenten abhängen, macht sie besonders anfällig. Eine Strafverfolgung in den aktuellen Umständen wird für sie nachteilig und aussichtslos ohne Beweise von Gewaltanwendung oder expliziten Drohungen. Die Behörden und Staatsanwälte (und viele andere Personen, die sich mit dem Thema nicht auskennen) erkennen weder diese Notlage noch die zahlreichen geschlossenen Türen für die Betroffenen, wenn sie sich wehren.

Die Berücksichtigung dieser Petition würde der Aufklärung und Prävention in Bildungseinrichtungen dienen. Bis jetzt ist derartigen Tätern die Straflosigkeit ihrer Taten bewusst, wenn sie es ohne Zeugen machen, wenn sie ihre Macht ganz subtil ausnutzen und so gut drohen können, damit das Opfer sich nicht traut, es direkt zu melden. So können sie ihr Delikt verüben und falls das Opfer sich traut, sie anzuzeigen, die typische Ausrede vom einvernehmlichen Sex oder der Verführung durch die Frau benutzen. In der Begründung der Petition wird das Dilemma der betroffenen Studentinnen sowie die Stellungnahme der Hochschule oder Bildungseinrichtung dargestellt, die in der Regel nichts unternimmt, wenn die Tat strafrechtlich nicht verfolgt wird.

Außerdem würde eine solche Erweiterung des Katalogs der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von volljährigen Schülerinnen und Studentinnen im akademischen oder Bildungsrahmen dem Artikel 36 der Konvention des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt – die von Deutschland unterschrieben wurde – entsprechen.

Das Problem der Beweissicherung sollte nicht verhindern, dass die §§ 177 und 240 StGB für diese Situationen erweitert werden. Ein Delikt ist immer verwerflich, egal ob es zu beweisen ist oder nicht. Auch wenn das Strafgesetzbuch im Sinne dieser Petition geändert wird, wird es sicher noch mehrere Fälle geben, wo die Beweise nicht ausreichend sind. Es wird aber nicht immer so sein.

Sexuelle Übergriffe durch Hochschullehrer und andere Lehrende dürfen nicht weiter als Kavaliersdelikt betrachtet werden. Das Erlebte hinterlässt tiefe Wunden bei uns Opfern. Ich habe selbst erlebt, was man alles verlieren kann, nur weil ein Professor Lust darauf hatte, seine Macht zu missbrauchen (darüber habe ich in meinen vorherigen Posts geschrieben). Alle, die studieren, sich sportlich und musikalisch vorbereiten, wissen wie viele Stunden beim Lernen / Trainieren / Üben man braucht, damit man eine vernünftige Leistung zeigen kann. Diese ganze Mühe kann an einem einzigen Tag mit einer solchen Tat kaputt gemacht werden. Es geht nicht nur darum, dass Karrieren, Stipendien, Stellen und Referenzen von einer einzigen Person abhängen können, sondern vor allem darum, dass die seelischen Schäden durch Sexualdelikte einen Neueinstieg in ein anderes Studium, in eine andere Laufbahn oder Berufsrichtung ganz schwierig machen. Ich erlebe das selbst. Obwohl mehr als ein Jahr vergangen ist, seitdem ich mich an die Gleichstellungsbeauftragte der Uni Hamburg gewandt habe und das Strafverfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater zu Ende ist, erleide ich immer noch Nervenzusammenbrüche, Konzentrationsprobleme und Depressionen. Mit Mühe gehe ich zwei Schritte vorwärts und plötzlich drei rückwärts.

Obwohl ich vor allem über die Situation von Studentinnen an Hochschulen spreche – weil ich es am besten kenne – gelten diese Argumente natürlich für viele andere. Die Petition betrifft auch die volljährigen Schülerinnen, die nicht mehr von den speziellen Schutznormen für Minderjährige geschützt werden und Lernende in allen anderen Bildungseinrichtungen. Ich bin auch der Meinung, dass die Fälle, die in der Presse öffentlich werden, nur die Spitze des Eisbergs sind. Es gibt viele Fälle, die von den Institutionen vertuscht werden und noch viele mehr, die im Dunkeln bleiben. Ich bin auch überzeugt, dass derartige Taten auch viele andere Formen haben als diejenigen, die uns bekannt sind. Zum Beispiel waren mir in meinem Heimatland Fälle von männlichen Studenten bekannt, die von Professorinnen belästigt wurden. Obwohl eine Professorin einen Studenten nicht vergewaltigen kann wie ein Mann es machen könnte, hat sie doch dieselben Mittel zur Erpressung. Die Konsequenzen für diese jungen Männer, die den Sex mit ihren Professorinnen verweigert haben, ließen nicht auf sich warten. Die Dozentinnen wurden nicht gemeldet, da die Betroffenen es peinlich gefunden haben und viele Leute sie auslachen würden – vor allem weil sie sich nicht wie „Machos“ benommen haben. Man könnte sich auch Fälle von Professoren und Studenten des gleichen Geschlechts vorstellen, wo die Anzeige auch mit Scham und Angst aufgrund der Diskriminierung wegen der Sexualrichtung verbunden ist.

Zum Schluss lade ich herzlich ein, diese Petition mitzuzeichnen, auch wenn man nicht betroffen ist oder keine Betroffenen kennt. Die Zeit ist gekommen, dieses Tabuthema der Gewalt und des Machtmissbrauchs in der Öffentlichkeit bekannt zu machen und sich diesem anzunehmen.

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