Montag, 26. September 2011

Der Zirkus um sexuelle Gewalt

Gefangene zur Neugierbefriedigung des Publikums? Wie stehen Beteiligte in Fällen sexueller Gewalt vor den Medien?

Mit dem Titel dieses Beitrages beziehe ich mich nicht auf das Disziplinarverfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater oder mein Promotionsverfahren an der Uni Hamburg, wo ich die Rolle des Clowns gespielt habe. Stattdessen denke ich im allgemeinen Sinne über die Behandlung von Fällen sexueller Gewalt durch die Medien nach.

Wenn man an einige der letzten Fälle denkt (Kachelmann, Assange, Strauss-Kahn und auch der Skandal der Uni Bielefeld), findet man Ähnlichkeiten in der Behandlung durch die Medien, die uns vermuten lassen, dass das, was eigentlich passiert ist weniger wichtig ist als der Skandal selbst, die Aufmerksamkeit, die Diskussionen, die praktisch an einen Kampf im römischen Zirkus erinnern, wo mutmaßliche Täter und Opfer behandelt werden, als ob sie die Gladiatoren wären.

Alles fängt fast gleich an und die einzelnen Schritte kann man ganz genau erkennen:

1.- Ankündigung des Falles: Fast wie der Einzug der Gladiatoren in den Zirkus, der mit einer großen Aufregung entgegengenommen wird. Die ersten von Überraschung geprägten Reaktionen und Kommentare sind eher kritisch gegenüber dem mutmaßlichen Täter und mitleidig gegenüber dem mutmaßlichen Opfer.

2.- Vorbestrafung des Beschuldigten: Haft in den meisten Fällen, Suspendierung des Professors im Fall von Bielefeld. Dies ist das Äquivalent zu den Peitschen und Ketten im Zirkus, womit allen mutmaßlichen, versteckten und zukünftigen Tätern eine Lektion erteilt werden soll.

3.- Der Wendepunkt: Die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers wird plötzlich in Frage gestellt und es verliert die Zuneigung des Publikums. Der Beschuldigte wird unterstützt, gelobt und man hat Mitleid mit ihm. Geschichten über das Opfer und den Beschuldigten, von denen vorher nie die Rede war, kommen ins Spiel. Dies kann man mit dem Kampf vergleichen, in dem der Verlierer „überraschenderweise“ aufholt.

4.- Höhepunkt des Kampfes und größte Aufregung im Publikum: Wenn ein Sexskandal diesen Punkt erreicht, zeigen sich die Meinungsunterschiede auf. Einige setzen sich ein für den Beschuldigten, schreiben Artikel und Kommentare, in denen das Opfer und die Vorgehensweise der Justiz und der Medien dem Beschuldigten gegenüber beschimpft wird und der Gewinn für die Anzeigeerstatterin (Geld, Aufmerksamkeit, Erfüllung einer Rache usw.) geschildert wird. Andere setzen sich für das mutmaßliche Opfer ein, sprechen über die Dunkelziffer bezüglich Sexualdelikten, die Blamierung der Opfer durch die Medien und die Justiz, die Banalisierung der Tat und die Verluste für die Anzeigeerstatterin (schlechter Ruf, Ausleuchtung des Privatlebens, Belastung eines Strafverfahrens usw.). Da die Meinungen sich nie einigen, kommen dann die „Agnostiker“ vor, deren Stellungnahme als Folgende dargestellt wird: „Wir wissen nicht, was passiert ist und wer schuldig ist. Deswegen sollen wir uns dazu nicht äußern.

Zum Schluss sieht es so aus, als ob die Agnostiker Recht hätten, da wir nie erfahren, was eigentlich passiert ist. So haben wir den Freispruch von Kachelmann, von Assange und Strauss-Kahn hört man nichts mehr und wir warten immer noch auf Neuigkeiten über die Verfassungsbeschwerde im Fall der Uni Bielefeld. In der Zwischenzeit besetzen andere Nachrichten die Schlagzeilen.

Und was machen die Leser, die diese Fälle verfolgt haben und lange darüber geschrieben und diskutiert haben? Ich habe die Befürchtung, dass diese Behandlung durch die Medien eine gewisse Gleichgültigkeit versteckt. Wir sind ein Publikum, das dieselbe Geschichte immer wieder hört, das immer zum Zirkus geht, um die gleiche Aufführung mit anderen Gladiatoren in der Arena der Justiz zu sehen. Wird es nicht auch zur Langeweile und Gleichgültigkeit der Gesellschaft führen, anstatt zu einer Aufklärung im Kampf gegen sexuelle Gewalt? Geht es den Medien bei der Veröffentlichung eines solchen Falles auch um die Meldung eines inakzeptablen Verhaltens oder in erster Linie doch eher um den Verkauf ihres Produkts?

Die Information, die wir in der Öffentlichkeit lesen, ist immer unvollständig. Es wird über Fakten und Urteile berichtet. Über die Fakten selbst können wir uns nicht sicher sein, denn viele Details ändern sich je nach Meldung, wie ich gemerkt habe, als ich über die Fälle an Hochschulen berichtet habe. Wir wissen sehr wenig über Gefühle, Leiden und Frustationen sowie die Nachgeschichte eines Verfahrens. Bleibt etwas für die Beteiligten im Zirkus abgesehen von den Ruinen zerstörter Leben, die dann von den Medien weggeräumt werden, um Platz für neue Nachrichten zu schaffen?

Kommentare:

  1. danke für diesen blog,
    ich bin durch sophie (liza) auf dich aufmerksam geworden & komme nun öfter vorbei.

    alles liebe, sarah

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  2. Liebe Sarah,

    ich freue mich auf Deine Besuche. Sophie ist sehr engagiert und gibt nie auf. Schön, dass sie auf meinen Blog verweist.

    LG Lucrezia

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  3. Wenn ich mir jetzt das Strauss-Kahn/Banon Verfahren anschaue, dann frage ich mich, welchen Stellenwert ein Geständnis des Beschuldigten hat, und was eigentlich für ein Opfer der bessere Weg ist, wenn man schon Kompromisse suchen muss.

    Das Verfahren wurde eingestellt, weil es sich nicht um eine versuchte Vergewaltigung handeln soll, sondern lediglich um eine sexuelle Aggression, was bereits verjährt ist.

    Ich schätze mal, dass es unrealistisch ist, eine versuchte Vergewaltigung nachweisen zu wollen (man kann sich ja immer herausreden, dass man DAS ja nicht vor hatte, er hätte schon knapp davor aufgehört...)

    Ist das eine Genugtuung, weil die sexuelle Aggression anerkannt wurde?

    Pech nur, dass das verjährt ist.

    Aber wenn die Anzeige rechtzeitig erstattet worden wäre, hätte er auch das wahrscheinlich nicht zugegeben. Er konnte es nur deshalb zugeben, weil er wußte, dass das verjährt ist.

    Eingestellt ist eingestellt, aber ich denke, dass diese offizielle Feststellung, dass eine Straftat stattgefunden hatte, für ein Opfer emotionell schon einen großen Unterschied macht.

    Und hätte die Staatanwaltschaft in Deutschland in dem Fall auch so gehandelt? Ich kenne es so, dass da nur geschrieben wird, dass das keine Straftat wäre (alles was verjährt ist, wird nicht mehr geprüft).

    Oder hatte man in Frankreich auch nur so viel Mühe gegeben, weil das Medieninteresse so groß war?

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  4. Ich kann mir vorstellen, dass mit Strauss-Kahn in Frankreich Ähnliches wie bei Kachelmann passiert ist. Diese Prozesse entsprechen in der Regel nicht dem durchschnittlichen Strafverfahren wegen solcher Delikte. Aufgrund der Aufmerksamkeit der Medien werden sie anders behandelt.

    Ich glaube auch, dass Strauss-Kahn nicht zugegeben hätte, was er Banon angetan hat, wenn das Delikt noch strafrechtliche Konsequenzen für ihn hätte. Bei den Geständnissen und Aussagen der "Promis" gegenüber den Medien fragt man sich immer, ob dies ehrlich ist oder eine Aktion nach Empfehlung des PR-Beraters. Ob Banon dies als Genugtuung empfindet und für sie im emotionellen Sinne etwas ändert, kann nur sie beantworten. Zumindest wird ihr Buch über den Vorfall sicher ein Bestseller.

    Die Verjährung der Sexualdelikte ist ein Schlag ins Gesicht für die Opfer. Damit sagen uns die Gesetze, was uns angetan wurde, ist nach einer bestimmten Zeit nicht mehr wichtig. So ignorieren sie auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Täter eine Tat bei jemandem anderen wiederholt. Norbert Denef und NetzwerkB kämpfen seit langem für die Aufhebung der Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch. Die typische Ausrede, um diese Initiative abzulehnen, ist die Schwierigkeit, derartige Delikte nach vielen Jahren zu beweisen.

    Wie ich im Post über die Petition schrieb, ist der Punkt nicht, ob ein Delikt zu beweisen ist oder nicht, sondern dass es als Delikt anerkannt wird. So wird es den Tätern bewusst sein, dass ihre Taten sie immer verfolgen könnten und wie eine Zeitbombe sind, die in jedem Moment explodieren wird. Und den Opfern wird immer diese Tür offen bleiben.

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  5. So weit ich das verstanden habe, war die Sache in Frankreich so:

    Sexuelle Aggression (was in Deutschland so ungefähr sexuelle Nötigung oder sexuelle Belästigung wäre): Verjährungsfrist 3 Jahre. Also schon verjährt.

    Vergewaltigung bzw. auch Versuch einer Vergewaltigung: Verjährungsfrist 10 Jahre. Also noch nicht verjährt.

    Also hat Strauss-Kahn nun eine sexuelle Belästigung (Küssen) zugegeben, aber Versuch einer Vergewaltigung nicht zugegeben.

    Wenn Banon aber gleich eine Anzeige erstattet hätte, hätte er aber wohl auch das Küssen nicht zugegeben? Also hätte es dann geheißen, dass da gar nichts gewesen wäre.

    Ich frage mich manchmal echt, ob es wirklich so sinnvoll gewesen ist, dass ich den Täter angezeigt habe. Wenn das Ergebnis ist, ist dass man offiziell bestätigt bekommt, dass da nichts Strafbares vorgefallen ist.

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  6. Die typische Verteidigungsstrategie besteht darin, alle Vorwürfe zu bestreiten, vor allem wenn keine Gewissensbisse seitens des Täters und keine eindeutigen Beweise vorliegen.

    Ob eine Anzeige direkt nach einer solchen Tat (ohne sichtbare Gewaltanwendung) zu einer Verurteilung führt, bezweifle ich auch, aber das Opfer wird meines Erachtens glaubwürdiger.

    Ich habe mich auch oft gefragt, ob die Anzeige gegen meinen ehemaligen Doktorvater sinnvoll war. Der Umgang mit der Justiz ist wirklich enttäuschend. Um das richtige zu tun und auch die gesellschaftliche Verantwortung als Opfer zu übernehmen, muss man in diesen sauren Apfel beißen. Ich bereue nicht, das Schweigen gebrochen zu haben, denke aber, dass die Schritte und die Zeitpunkte falsch waren. Der Sinn einer Aktion kann nicht nur in Bezug auf die Ergebnisse gemessen werden.

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  7. ..."der Sinn einer Aktion kann nicht nur in Bezug auf die Ereignisse gemessen werden" ... ja! Leider ist es heute noch irrelevant, wie der Täter(Patriarchat), die Justiz (blinde Justitia), die Öffentlichkeit (patriarchal ge....gewaschen) auf das Aufgebehren eines Opfers (hier Frau) reagiert; es ist viel entscheidender, dass eine Frau für sich realisiert, sich (endlich) zu wehren - besser sich zu befreien von patriarchaler Herrschaft - das macht Sinn für sie selbst und schließlich irgendwann in Zukunft für alle.
    Gruß c.

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