Donnerstag, 25. August 2011

Die schwerste Folge der sexuellen Nötigung

Das Selbstvertrauen liegt zerstört am Boden  

Das Strafverfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater ist seit Monaten vorbei, vom aktuellen Stand des Disziplinarverfahrens habe ich keine Ahnung und ich warte auf die letzten Entscheidungen der Uni Hamburg bezüglich meines Promotionsverfahrens. In der Zwischenzeit kämpfe ich immer noch mit den zahlreichen Folgen der sexuellen Nötigung durch meinen Professor. Diese Woche musste ich mich bspw. um Probleme kümmern, die nichts damit zu tun haben, aber daduch entstanden sind, dass ich während meiner Depressionen aufgrund des ganzen Traumas viele Dinge vernachlässigt habe.

Wenn ich über das Trauma der Nötigung, der Straf- und Disziplinarverfahren und des Promotionsverfahrens nachdenke, merke ich, welche die weitreichendste Folge des Erlebten ist: Nicht die Ablehnung meiner Dissertation, nicht die verlorene Zeit, nicht die immer noch verbleibenden Schamgefühle nach den Anhörungen an der Uni und der Polizeivernehmung, sondern der Vertrauensverlust.

Meine Perspektive der Welt hat sich verändert und ich habe jetzt eine sehr misstrauische Sicht, die ich vorher nicht hatte. Heutzutage frage ich mich, wenn ich eine Therapeutin oder einen Anwalt besuche, ob sie mich wirklich unterstüzen, weil sie mich verstehen und mir glauben, oder nur weil sie bezahlt werden. Ich frage mich, ob meinen Kollegen bewusst ist, dass ich Opfer einer schlimmen Tat war – unabhängig von der Einstellung des Strafverfahrens – oder ob sie denken, dass ich mir alles selbst gesucht und einfach eine schlechte Doktorarbeit gemacht habe.

Leider haben viele meiner letzten Erlebnisse dieses Misstrauen bestätigt. Zum Beispiel hat mein erster Anwalt für Strafrecht sehr schlecht reagiert, als ich das Mandatverhältnis beendet habe, weil ich ganz unzufrieden mit seiner Beratung war. Daraufhin hat er sein Mandatsgeheimnis verletzt und noch ein weiteres großes Problem für mich verursacht. Ähnliches ist bei meinem letzten Therapieversuch in meinem aktuellen Wohnort geschehen. Nach einigen Sitzungen habe ich der Therapeutin gesagt, dass ich Zweifel an der Therapierichtung hätte – was ich besprechen wollte. Sie hat mich praktisch aus der Therapie ausgeladen mit der Drohung, es werde mir weiterhin schlecht gehen. Wegen solchen Anekdoten empfinde ich, dass die Unterstützung durch diese Fachleute einfach nicht ehrlich ist, sondern durch Geld bedingt, weil sie denjenigen helfen müssen, die sie beauftragen.

Nicht weniger kann ich sagen von der Erst- und der Zweitgutachterin meiner Dissertation. Ich habe beiden anvertraut, was mit meinem Professor passiert ist. Die Reaktion von ihnen war sehr kühl und verletzend und jetzt verweigern beide das Gespräch mit mir. Ich verdächtige auch, dass die Professoren der Uni Hamburg – mein Doktorvater eingeschlossen – Hintergedanken hatten, als sie mich nach meinen zukünftigen Plänen gefragt haben und sie die von mir gegebenen Information gegen mich benutzen wollten.

Nicht nur habe ich das Vertrauen in die anderen verloren, sondern vor allem mein Selbstvertrauen. Dies ist wirklich schlimm, weil ich mich in diesem Moment nicht fähig fühle, etwas Gutes und Nutzbares zu machen. Seit mehr als einem Jahr bin ich arbeitslos, ich suche einen Job, ich wandere um mehrere Möglichkeiten herum, ohne etwas zu finden, was mich wirklich überzeugt. Aber ich muss gestehen, dass ich mich irgendwie erleichtert fühle, weil ich nichts finde, da ich denke, dass ich kein Talent, Fähigkeiten oder Kenntnisse habe, egal für welchen Job, in meinem vorherigen Berufsfeld oder in einem anderen.

Nach dem Vorfall hat mein ehemaliger Doktorvater mich und meine Dissertation ständig beleidigt und meine Fähigkeiten für das wissenschaftliche Arbeiten in Frage gestellt. In diesem Sinne behandelte er mich ähnlich wie der Schullehrer, der mich als 13-Jährige missbrauchte. Im Unterricht hat er immer meine Leistungen gegenüber anderen Schülern kritisiert und mich persönlich immer wieder klein gemacht.

Eine typische Strategie der Täter besteht darin, das Selbstvertrauen der Opfer zu zerstören, damit sie sich nicht trauen, sich zu wehren und das Schweigen zu brechen. Das weiß ich, aber was mein ehemaliger Betreuer und mein Lehrer gemacht haben, hat mich damals trotzdem sehr verletzt. Die Studien waren mir immer sehr wichtig und jahrelang mein einziger Trost in einem sehr isolierten Leben. Im akademischen Bereich hatte ich vorher die Anerkennung und Zufriedenheit gefunden, die ich in anderen Lebensbereichen nicht hatte. Aber mein ehemaliger Doktorvater hat auch das zerstört und meine Gutachterinnen haben dies auch mit ihren Gutachten bestätigt, obwohl ich weiß, dass das ganze Promotionsverfahren illegal war und es mehrere Indizien für die Befangenheit der Erstgutachterin gibt.

Aufgrund dieses mangelnden Selbstvertrauens erlebe ich eine allgemeine Handlungsblockade, die mich praktisch bewegungslos inmitten des Weges lässt und mich hindert, weiter zu gehen. Auch deswegen schreibe ich nicht mehr so oft in diesem Blog.

Wenn man niemandem vertrauen kann, bedeutet dies, man sieht in jeder Person einen potentiellen Feind oder Betrüger. Man weiß nicht mehr, was man von sich selbst preisgeben darf, ohne das Risiko einzugehen, dass diese Information gegen einen selbst benutzt wird. Außerdem kann man mit sich selbst auch nicht rechnen, weil das Selbstvertrauen verloren ist. Als Folge verbleibt eine tiefe Hoffnungslosigkeit, die das ganze Leben prägt. Kann eine Verarbeitung der belastenden Erfahrung ohne Vertrauen auf jemanden oder etwas anfangen? Muss man wieder lernen, Vertrauen aufzubauen, auch mit dem Risiko, wieder enttäuscht und betrogen zu werden? Wie kann man ein totes Selbstvertrauen zum Leben erwecken?

Kommentare:

  1. Oh ja....... Ich kann vielem zustimmen, was Du schreibst.

    Ich denke sogar, dass das Misstrauen auch berechtigt ist. Es gibt tatsächlich gerade im helfenden Bereich viele Fachleute, welche ihrerseits Machtmissbrauch betreiben. Sie haben einen Helferberuf ergriffen, weil sie wissen, dass sie dann mit Schwächeren zu tun haben. Wenn diese vermeintlichen Schwächeren aufstehen und was sagen, fühlen sich diese Fachleute angegriffen, weil sie dann überfordert sind, sie sind es nicht gewöhnt, in Augenhöhe zu reden.

    Es ist gut, dass Du noch die Kraft hattest, Deiner Therapeutin zu sagen, dass Du nicht sicher wärst, ob die Therapierichtung stimmt.

    Blöd ist nur, wenn man Hilfe sucht und stattdessen immer wieder gegen irgendwas ankämpfen muss.

    Ja, dass die Leute mich dann ausgeladen haben, wenn ich ihnen zu unbequem wurde - egal ob Krankenhaus, Beratungsstelle, Anwalt, Opferhilfe, Behörde, Weißer Ring - das habe ich auch oft erlebt. Wenn irgendein Telefonat schwierig wird, sagen sie einfach "ach ja, dann wollen Sie keine Hilfe" (oder noch verletzender: "Sie können sich auf Hilfe nicht einlassen"), legen die einfach auf.....

    Und jedes Mal fühlt man sich so ohnmächtig wütend, und hat das Gefühl, dass alle Leute mit geballter Kraft versuchen, mich zu zerstören und mich am Leben zu hindern.

    Dass diese negativen Erfahrungen besonders stark in Erinnerung bleiben, das scheint aber tatsächlich traumabedingt zu sein. Habe schon mal irgendeine Studie drüber gelesen, dass das Gehirn durch ein Trauma so verändert wird, dass es fortan sensibler werden für Gefahrensituationen.

    Und ja, dass der Täter versucht, einen klein zu machen, das hat mein Täter auch gemacht. Ich werde nie vergessen, wie er mir paar Minuten vor einem wichtigen Termin sagte, dass er besser wäre als ich, und dass ich das merken solle. Und dass ich ins Ausland gehen solle, weil ich in Deutschland nie einen Job finden würde. Ist ja klar, warum er sowas sagt.....

    Irgendwie empfinde ich es bei mir so, dass ich erst nach dem Strafverfahren in ein wirklich tiefes Loch gefallen bin. Während des Strafverfahrens war ich in ständiger Kampfbereitschaft. Erst nach dem Strafverfahren, wo der Kampf vorbei war, kam der ganze Schmerz hoch.

    Wobei ich denke, dass diese schmerzhafte "Ruhephase" für die Verarbeitung auch ganz wichtig ist. Sonst macht man immer nur "Augen zu und durch". Einfach ist es aber nicht. Insbesondere wenn man das Gefühl hat, dass man auf sich selbst auch nicht mehr verlassen kann, weil man Gefühle hat, was man sonst gar nicht so kannte.

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  2. Hallo Lucrezia,

    Wollte Dir zu meinem Post noch was privat mitteilen. Habe Deine Mailadresse vermasselt, und mein Browser kann mit Deiner Profilseite nichts anfangen. Gibst Du sie mir nochmal bitte?

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  3. Hi,
    ich lese deinen Post schon eine ganze Weile. Mir ist was ähnliches passiert und ich hatte Glück. Ich habe Freunde, die mich aufgefangen haben und mich zur Polizei begleitet haben. Und so schlimm auch alles ist (das Verfahren steckt in der Berufung, obwohl die Richterin letztes Jahr sagte, dass das nichts mehr bringen würde für den Täter) habe ich eine gute Therapeutin gefunden, die sich sehr für mich einsetzt und mit der ich gut auskomme. Ich habe davor aber auch mit sicher 40 Ärzten telefoniert um überhaupt eine Psychologin zu finden. Mir geht es fast 2 Jahre nach der Tat noch immer nicht super toll aber ich kämpfe, weil ich mir mein Leben von so einem Schwein nicht zerstören lassen will.
    Ich denke, dass ist etwas, dass man in sich finden muss. Trotz aller fiesen und gemeinen Dinge, die einem der Täter danach noch antut über Anwälte etc. im Inneren zu sagen, dass er einen nicht fertig machen kann. Nur dann ist man wirklich frei denke ich und kann sein Leben wieder normal beginnen...

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  4. Zum Kommentar vom 28. August um 12:52

    Leider kommt es nicht selten so mit den Fachleuten im Hilfebereich vor: Sie missbrauchen ihre Macht und landen aus falschen Gründen in diesen Berufen. Ich finde es auch schwierig, mit Psychologen und anderen Beratern auf Augenhöhe zu reden. Als Hilfesuchende sind wir automatisch in einer „tieferen“ hierarchichen Position, ähnlich wie Studenten gegenüber Professoren.

    Ich weiß, dass es nicht einfach und ziemlich frustierend ist, Opfern zu helfen, auch für die engagierten Fachleute. Die Probleme sind schwer und vielfältig. Oft entscheiden sich die Berater, den Opfern die Verantwortung zu überlassen, weil sie keine „Haftung“ für die Folgen eines falschen Rates oder einer fehlerhaften Vermittlung übernehmen möchten. Aber Opfer sind i.d.R. nicht gelassen genug, um gute und vernüftige Entscheidungen selbst zu treffen, vor allem sind sie oft unter Zeitdruck.

    Je mehr Enttäuschungen ich erlebe, desto schwächer fühle ich mich. Irgendwie denke ich, dass das Erlebte mich nicht stärker gemacht hat oder zumindest noch nicht. Es ist traurig, dass die schlechten Erinnerungen oft mehr wiegen als die guten und sie unsere Leben so stark prägen...

    Bei mir war es während und nach dem Strafverfahren anders. Als ich in Hamburg inmitten des Strafverfahrens war, hatte ich eher eine „Fluchtbereitschaft“ und wollte nur alles schnell erledigen und hinter mir lassen. Meine Kampfbereitschaft tauchte erst in der späteren Phase des Verfahrens auf, als ich ins Ausland umgezogen war und als Opferzeugin nichts mehr zu tun hatte. Zu spät vielleicht?

    Diese schmerzhafte Ruhephase ist unvermeidbar für die Verarbeitung. Wie lange es dauert und was sich daraus ergibt, können wir leider nicht vorhersehen.

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  5. Meine E-Mail-Adresse für privaten Austausch ist stimmelucrezia@gmail.com

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  6. An die anonyme Kommentatorin vom 29. August

    Danke für Deinen Beitrag. Dein Fall zeigt, dass die Verarbeitung der Tat im engen Verhältnis zur erhaltenen Unterstützung steht. Du hast gute Freunde und eine Therapeutin, mit der Du zufrieden bist. Leider können dies nicht alle sagen, da zur Erfahrung von vielen Opfern gehört, von verschiedenen Personen (Freunden, Partner, Familie, Verwandtschaft u.a.) verlassen zu werden.

    Ich finde es schön, dass Du für Dich und Deine Heilung kämpfst. Es ist bewundernswert, dass man die Kraft findet, sich trotz der Schwierigkeiten weitere Hilfe zu suchen. Man braucht Mut, mit 40 Ärzten zu telefonieren oder mit allen Beratungsstellen einer Stadt Kontakt aufzunehmen – wie eine andere Leserin einmal schrieb.

    Ich frage mich nur: Wieviele Opfer können diese erste Angst überwinden und Hilfe suchen? Wieviele versuchen es weiter, wenn die ersten Reaktionen der anderen verletzend und enttäuschend sind? Wie kann man die Kraft in sich selbst finden, wenn der Bekanntenkreis des Opfers keine Unterstützung anbietet? Deswegen benötigt jede Opferhilfe auch eine Arbeit in die Richtung der Sensibilisierung der Gesellschaft, die langfristig und unabhängig von einzelnen Opfern ist.

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