Montag, 8. August 2011

„Der Karpfenteich“ (von Carl-W. Voss)

Mein Exemplar des „Karpfenteichs“

Ich fahre mit meinen Kommentaren von Büchern über das Thema dieses Blogs fort und schreibe heute über den Roman Der Karpfenteich (2001). Der Roman wurde von einem Autor geschrieben, der das Pseudonym „Carl-W. Voss“ benutzt und gemäß Backcover des Buches ein Insider im Universitätsleben ist. Weitere Informationen des Verlages identifizieren den Autor als einen Juristen, der viele Jahre in leitenden Funktionen an verschiedenen deutschen Hochschulen gearbeitet hat.

Zur Handlung: An der fiktiven norddeutschen Universität Altenfurt ist Professor Johannes Hecht als Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät tätig. Am Abend nach einem Fakultätsfest begleitet er seine Doktorandin Silke Wittmann zu ihrer Wohnung und vergeht sich an ihr. Dabei steht er unter Alkoholeinfluss. Dieser Vorfall wird von Hecht als einvernehmlicher Sex und von Silke als Vergewaltigung empfunden. Die Absicht, die außergewöhnliche Nacht hinter sich zu bringen und das Geschehene zu verbergen, scheitert, als Hecht Briefe von einem Erpresser erhält und Silke feststellt, dass sie schwanger ist. In der Zwischenzeit ergibt sich für den Professor die Möglichkeit, sich als Kandidat zum Präsidenten der Uni zur Wahl zu stellen. Dies mittels einer Intrige, die die illegale Verwendung von Universitätsmitteln durch den aktuellen Präsidenten benutzt, um diesen aus dem Präsidentenamt zu entfernen. Wird ein einmaliger Vorfall mit seiner Doktorandin Hecht im Wege stehen und seinen universitären Aufstieg verhindern?

Der Er-Erzähler bewegt sich zwischen den verschiedenen Figuren. So erfahren wir Leser die Perspektive von Professor Hecht, der seine Handlung gegenüber seiner Doktorandin rechtfertigt, indem sie ihn an Heidrun, eine Liebe der Vergangenheit erinnert, sowie die Perspektive von Silke, die sich trotz ihrer Zuneigung zu ihrem Doktorvater und ihrer Liebe zu einem anderen älteren und verheirateten Mann vergewaltigt fühlt und zwischen ihrem Streben nach einer erfolgreichen Promotion und den Konsequenzen einer zu bereuenden Nacht schwankt.

     Sie wurde einfach mit dem Erlebten nicht fertig, verfiel immer wieder in tiefes Grübeln. Die Umstände der letzten Nacht waren schrecklich und bedeuteten einen so tiefen Einschnitt in ihr Leben, dass sie befürchtete, sich davon nicht wieder zu erholen. Natürlich hatte Hecht sie vergewaltigt! In abstoßender, brutaler Weise hatte er eine Situation ausgenutzt, zu der es durch ihre eigene Leichtfertigkeit gekommen war. Sie war verzweifelt. Sie legte sich in ihr Bett, hatte es aufgegeben, durch Waschen und Baden den Schmutz loszuwerden, von dem sie sich überzogen fühlte. Sie lag immer völlig angespannt und verkrampft, konnte nicht weinen, nicht sprechen, nicht schlafen. Wie kam sie jemals aus dieser Situation wieder heraus?(S. 86 f.)

Die schwierige Lage einer Doktorandin in einer starken Abhängigkeitssituation lässt sich im Roman gut betrachten. Ich konnte mich in dieser Verzweiflung wiedererkennen, da ich auch wie Silke nicht aus dem Stipendium aussteigen und die Dissertation so schnell wie möglich zu Ende bringen wollte, um vom Alptraum befreit zu werden.

     Die Situation war aussichtslos; das Stipendium, ihr Vertrag mit der Universität, die bei Hecht begonnene Dissertation – das alle knüpfte sich zu einem Strick zusammen, der ihr tödlich um den Hals gelegt war.(S. 87)

Die Sichtweise von Hecht gegenüber Silke änderte sich, als er gemerkt hat, dass es mehr war als das Vergnügen einer verrückten Nacht und schwere Konsequenzen nach sich ziehen konnte:

     An Heidrun erinnerte sie ihn jetzt nicht mehr stark, und unwillkürlich fragte er sich, was er an der Frau so absolut unwiderstehlich gefunden hatte; dafür seine berufliche Laufbahn und seine Familie aufs Spiel zu setzen, lohnte sich bestimmt nicht. Das machte ihn aber nicht beschämt und nachsichtig, sondern zornig. (S. 131)

Dies ist ein großes Paradox der Professoren, die ein solches Verhalten ausüben: Für eine kurzlebige Freude riskieren sie alles, was ihnen wichtig ist und schaden sich selbst, ohne die Folgen für das Leben der betroffenen Studentinnen in Betracht zu ziehen.

Mehr als eine Sammlung von Anekdoten über die dunkle Seite des Unilebens und deren Intrigen, Gerüchteküchen, fragwürdigen Methoden und Skandale ist Der Karpfenteich ein Roman über die Momente, die das ganze Leben verändern und uns gleichzeitig erlauben zu beweisen, was wir sind und wozu wir bereit sind.

Spoilerwarnung: Nachfolgend äußere ich meine Meinung über das Ende der Geschichte

Das Happy End für alle Beteiligten hinterließ bei mir einen bitteren Nachgeschmack und hat mich irgendwie empört. Nachdem der Erpresser, ein ewiger Student der Fakultät, den sexuellen Kontakt zwischen Hecht und Silke durch anonyme Flugblätter bekannt macht, will der Präsident die Vorwürfe gegen Hecht prüfen und erstattet eine Strafanzeige. Hecht denkt sich eine Geschichte aus. Er gibt zu, bei seiner Doktorandin gewesen zu sein, weil er nach dem Fakultätsfest betrunken war, bestreitet aber den sexuellen Kontakt. Silke bestätigt seine Version gegenüber dem Staatsanwalt und Hecht bleibt frei von Verdacht. Vorher treibt sie das Kind von Hecht in einer holländischen Klinik ab, was von ihm bezahlt und organisiert wurde. Der Besuch in der Klinik wird dabei detailreich beschrieben. Nach der „Klärung“ der Vorwürfe wird Hecht zum Präsidenten der Universität Altenfurt gewählt. Silke erhält dank der Unterstützung ihres Doktorvaters ein Stipendium bei der Columbia University. Zum Schluss wirft Hecht die einzigen Beweise des sexuellen Vorfalls ins Feuer.

Ich kann schwer verdauen, dass ein Opfer gegenüber einem Täter so kapituliert und ihre eigene Würde als Frau unter einer Fassade von erfolgreicher Nachwuchswissenschaftlerin begräbt, obwohl ich weiß, dass der Weg der Abwehr und des Strafverfahrens für Opfer sexueller Gewalt in Abhängigkeitsbeziehungen besonders schwer ist. Aber was ich interpretiere, wenn ich über den ganzen Roman nachdenke und mich auf dessen Titel beziehe, ist, dass die Uni wie ein Biotop mit ihrer eigenen Lebensweise funktioniert, wo die großen Fische die kleinen fressen und man verschiedene Strategien zum Überleben braucht, die nicht der menschlichen Ethik entsprechen. Der Titel des letzten Kapitels „Cosi fan tutte in Alterfurt“ (So machen es alle in Altenfurt) lässt uns vermuten, dass an der Uniwelt viele derartige Geschichten und Geheimnisse unter Akademikern vorkommen, auch mit denjenigen (oder vor allem mit ihnen) die hohe Leitungsstellen innehaben.

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Alle Quellenangaben beziehen sich auf die folgende Ausgabe:

Voss, Carl-W. (2001): Der Karpfenteich. o.O: Books on Demand GmbH.

Kommentare:

  1. Hallo,

    Danke für den Betrag. Insbesondere Deine Anmerkung zum "Happy End" hat mich sehr nachdenklich gemacht.

    So machen es ja viele Opfer (oder fast alle?)......

    Schweigen und dafür Karriere machen.

    Und irgendwo verstehe ich das auch, denn selbst wenn man den Mut aufbringt, auszusagen, bekommt man oft keine Gerechtigkeit, dann verliert man alles.

    Wenn ich mir bedenke, dass ich im meinem Falle von so einem Opfer sogar mit einer Verleumdungsklage gedroht wurde, wenn ich sie erwähnen würde, kann ich mir vorstellen, wie oft sowas vorkommt.

    Wahrscheinlich ist das die politisch korrekte Lösung an der Uni nach Vergewaltigungen.

    Hoffe, es geht Dir einigermaßen gut.

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  2. Hallo anonyme Leserin,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Das Ende des Buches hat mich auch sehr nachdenklich gemacht, da es diesen Widerspruch für die Opfer zeigt. Sie können Karriere machen, indem sie darüber schweigen, was ihnen angetan wurde. Dann käme die Frage, ob der Preis nicht zu hoch für so eine Karriere ist. Oder ist der Preis den man dafür bezahlt, das Schweigen zu brechen und das Richtige zu tun, höher?

    Wenn die Kultur des Wegschauens und des Schweigens weiter gefördert wird, dreht man sich im Kreis und es gibt nie einen Ausweg für vergewaltigte und genötigte Studentinnen an der Uni, außer der Kapitulation.

    In Deinem Fall finde ich es traurig, dass Du andere Opfer kennst und sie es nie gewagt haben, auszusagen, was auch die Uni auf die Handlungen des Professors aufmerksam gemacht hätte. Wenn andere Opfer sich gemeldet hätten, wäre der Fall vielleicht anders von der Hochschule und der Staatsanwaltschaft behandelt worden.

    Meine Stimmung ist schwankend. Es hat damit zu tun, dass ich sehr oft merke, dass die Wunden immer noch tief und frisch sind. Mein Selbstvertrauen wurde sehr stark beeinträchtigt. Es ist unglaublich, wie die Erfahrung der sexuellen Nötigung so zerstörerisch sein kann und wie schwierig ist es, das Verlorene wiederzuerhalten.

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