Montag, 18. Juli 2011

Fehlentscheidungen und fehlende Information

Wie können Opfer sexueller Gewalt an Hochschulen richtige Entscheidungen treffen, wenn alle Wege schwierig und unbekannt sind?

Vielleicht bin ich nicht die geeignetste Person, um Ratschläge über “richtige Entscheidungen” zu geben, genau weil ich viele falsche getroffen habe. Aber ich weiß, weshalb dies geschehen ist. Meine Fehlentscheidungen – sowie viele bittere Momente während der Verfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater – schulde ich der fehlenden Information. Man kann keine richtige Entscheidung treffen, wenn man nicht die notwendige Information über die Handlungsmöglichkeiten hat.

Die erste wichtige Entscheidung für ein Opfer sexueller Gewalt ist oft, ob es Anzeige erstatten will oder nicht. Im Rahmen der Hochschule kann es eher sein: den Vorfall an der Uni zu melden oder nicht, unabhängig von der strafrechtlichen Relevanz der Tat. Andererseits fragt man sich: Was soll ich mit meiner Dissertation / Abschlussarbeit / Stelle / Studium tun?

Bezüglich eines Strafverfahrens sollte dem Opfer klar sein, was eine Anzeige wegen Sexualdelikten mit sich bringt. Man muss über Folgendes Bescheid wissen: die Rechte (z.B. Nebenklage), die Risiken (z.B. Verleumdungsklage), die Auswege (nicht auszusagen), der Ablauf der Verfahren. Im akademischen Sinne sollte man auch dasselbe wissen. Die Situation ist nicht gleich, wenn man einen Arbeitsvertrag an der Uni hat oder nicht. Die Promotionsordnungen unterscheiden sich je nach Uni und Fakultät.

Um die notwendigen Informationen zu erhalten, damit man schwierige Entscheidung treffen kann, würde ich Folgendes raten:

1.- Sich an geeignete Ansprechpartner wenden

Manchmal erwarten wir, dass Personen, die keine Ahnung vom Thema haben, uns eine Antwort geben. Wir sollten uns an Personen wenden, die aus beruflichen Gründen über die Information verfügen oder die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Wenn man eine Frage über Strafrecht hat, sollte man sich bspw. nicht an den Mann der Cousine wenden, der Wirtschaftsanwalt ist und keine praktische Erfahrung mit solchen Angelegenheiten hat oder an Kolleginnen, die auch in einer Abhängigkeitssituation sind, aber nie etwas Ähnliches erlebt haben, weshalb sie eine andere Perspektive der Situation haben werden.

Damit meine ich nicht, dass man mit vertrauenswürdigen Personen nicht über das Problem sprechen darf, weil sie die Kenntnisse nicht haben, sondern dass wir nicht erwarten sollten, dass sie uns genau sagen werden, was zu tun ist.

Ich frage mich, ob Kontaktstellen innerhalb der Uni oder Psychologen gute Ansprechpartner sind, um Entscheidungen zu treffen und ich glaube, leider nicht. Man hat oft falsche Erwartungen. Wir denken, dass ein Therapeut die „richtige“ Antwort für uns hat oder wir vergessen, dass die Ansprechpartner der Kontaktstellen zur Uni gehören und nicht ganz unparteiisch sind.

2.- Bereit sein zu investieren, was man braucht, um diese Information zu bekommen

Oft muss man Termine mit Professoren, Mitarbeitern von Beratungsstellen, Universitätsangestellten oder Anwälten vereinbaren und mit verschiedenen Personen telefonieren. Dies benötigt Zeit und oft auch die Überwindung von Scham, da sensible Themen besprochen werden. Eventuell ist dies auch eine Geldfrage (im Fall von rechtlicher Beratung häufig).

3.- Nach allen Seiten der Situation fragen und nicht davon ausgehen, dass etwas ist, wie man sich das vorstellt

Manchmal haben wir Angst, Fragen zu stellen, weil wir befürchten, als dumm oder aufdringlich zu wirken. Oft haben wir Vorurteile über das, was passieren wird („niemand wird mir glauben“, „niemand wird meine Arbeit betreuen“, „niemand wird mich unterstützen“) oder wir sind zu zuversichtlich gegenüber bestimmten Situationen, ohne objektive Gründe zu haben. In meiner Angelegenheit hatte ich mehrmals gefragt, was passieren würde, wenn meine Dissertation abgelehnt wird und ich war „ruhig“ mit der Sicherheit, dass ich gemäß Promotionsordnung die Möglichkeit einer Wiedereinreichung einer überarbeiteten Version hatte. Was ich nicht wusste war, dass meine Erstgutachterin in diesem Fall mit mir gar nicht sprechen würde. Ich ging davon aus, dass ich in einer solchen Ausnahmesituation mit ihrer Beratung rechnen konnte und ich habe mich geirrt. Aber ich habe sie nie gefragt, was sie machen würde, falls sie meine Diss. ablehnen würde. Vielleicht hätte sie mir keine ehrliche Antwort gegeben, aber das werde ich nie wissen, weil ich dies nicht getan habe.

Eine häufige Angst besteht auch darin, dass die Frage selbst unerwünschte Konsequenzen mit sich bringt. Dies kann im Fall der Polizei wahr sein, da die Strafverfolgungsbehörden verpflichtet sind zu ermitteln, wenn sie von einem Delikt erfahren. Hingegen handeln die Organisationen und Beratungsstellen für Opfer sexueller Gewalt in der Regel nicht ohne die Zustimmung der Betroffenen.

4.- Die individuelle Lage betrachten und nicht nur im allgemeinen Sinne

Wir wissen, wie schwierig es sein kann, ein Sexualdelikt zu beweisen. Die Opfer werden sehr oft beschimpft und deren Glaubwürdigkeit in Frage gestellt. Wir haben schon über Assange, Kachelmann und Strauss-Kahn gelesen. Dies bedeutet aber nicht, dass wir genau das Gleiche erleben werden. Viele Aspekte beeinflussen den Unterschied und manchmal spielen kleine Details eine große Rolle. Wenn man den Fall der Uni Bielefeld mit meinem Fall vergleicht, merkt man, dass der Ablauf bezüglich der Reaktion der Universität, der Strafe für den Professor und den akademischen Konsequenzen für die Doktorandin ganz anders war.

5.- Erhaltene Information verifizieren, um sicher zu sein, dass sie richtig ist

Ich habe oft widersprüchliche Informationen zu verschiedenen Aspekten bekommen: zum Beispiel ob die Uni Hamburg eine Anzeigepflicht hatte oder nicht, ob man ein Schriftstück als Teil der Aussage bei der Polizei abgeben konnte, ob es sinnvoll ist, die eigene Therapeutin von der Schweigepflicht zu entbinden. Man sollte auch sicher über die Quellen dieser Informationen sein, ob die Person aus eigener Erfahrung spricht, ob es sich nur um theoretische Informationen handelt, ob es eine andere Stadt oder ein anderes Land betrifft usw.

Es ist nicht einfach, Opfer zu sein und es ist nicht einfach, eine Lösung zu finden. Deswegen sollte man sehr skeptisch gegenüber einfachen Lösungen sein und nicht damit rechnen, dass man zu einer schnellen Lösung kommen kann. Zum Beispiel: „Ich habe jetzt einen Anwalt. Alles wird gut laufen“. Oder: „Ich habe mich an die Gleichstellungsbeauftragte der Uni gewandt. Sie wird sich um mein akademisches Problem kümmern“. 

Natürlich kann es passieren, dass man trotz allen Informationen eine Fehlentscheidung trifft. In diesem Fall kann man sich selbst nicht vorwerfen, eine rasche Entscheidung auf der Basis von Vorurteilen und mangelnder Information getroffen zu haben. Auch wenn die Ergebnisse nicht die gewünschten sind, hat man eine gewisse Ruhe, wenn man mit der Sicherheit handelt, aus eigener Sicht das Richtige getan zu haben.

Kommentare:

  1. Meine Erfahrung ist, dass man um eine professionelle, unabhängige Beratung nicht drum herum kommt.

    Ich habe mich seinerzeit vor der Anzeige bei allen relevanten und nicht ganz so relevanten Beratungsstellen nachgefragt. Das waren vielleicht so um 50 (!) Stellen. KEINE einzige Beraungsstelle kannte sich mit den juristischen Themen aus. Die beste Stelle war der Fraunnotruf, welcher zumindest Erfahrungen mit Prozessbegleitung hat.

    Auch Anwälte haben unterschiedliche Sichtweisen, da muss man sich einen aussuchen, der zu einem passt, und der einem die letzte Entscheidung überlässt. (Wer ängstlich ist, würde mit einem Anwalt, der mit allen Mitteln vehement gegen den Täter vorgehen will, nicht klar kommen. Anderseits gibt es auch Opfer, welche alles gegen den Täter machen wollen, auch wenn man selbst dabei zugrunde geht. Oder, wenn man mit einem Täter weiterhin noch zu tun hat, der muss anders vorgehen als wenn man den Täter nach dem Prozess nie sehen muss). Der Anwalt muss dem Opfer gleichzeitig zwei widersprüchliche Sachen klar machen: dass er einem glaubt, dass die Sache ganz schlimm war und dass die eigene Empfindung richtig ist UND dass das Rechtssystem aber ihre eigene Gesetzlichkeiten hat, und dass §177 nicht ohne ist. Ein Anwalt, der sagt "so ein Schwein, der Täter muss auf jeden Fall bestraft werden, das schaffen wir!" - ist genauso verantwortungslos wie die anderen Variante, die sagt "das bringt eh nichts, der dachte bestimmt, dass Sie es auch wollten". Der Anwalt muss auch genug Praxis haben, um zu wissen dass die Praxis oft ganz anders aussieht als die Theorie - und es kann sogar sein, dass Staatsanwalt X eine Sache anders sieht als Staatsanwalt Y. Auch wenn dieses Erkenntnis letzendlich an der Entscheidung nichts ändert, so hilft es doch emotional, den Zusammenhang zu verstehen.

    Als Fazit kann ich sagen, dass ein Opfer zuerst ganz egoistisch an sich denken soll. Er soll dran denken, was er will, und nicht dran, was die anderen von ihm erwarten.

    Und dann soll es sich beraten lassen, ob das, was er will, erreichbar ist. Und auch hier, geht es drum, was erreichbar ist, und nicht drum, was erreichbar sein sollte.

    Eine naive Anzeige, weil man an der "Nein bedeutet Nein"-Definition der Vergewaltigung geglaubt, kann ungeahnte Folgen haben.

    Ein Opfer sollte auch wissen, dass sowas relativ vielen passiert. Nur weil es noch nie von sowas gehört hat, heißt nicht, dass es anderen nie passiert. Man ist nicht allein.

    Und: dass einem sowas passiert ist, ist kein Schande. Shit happens.

    Eine richtige Entscheidung gibt es nicht. Es gibt höchstens eine glückliche Entscheidung - ob eine Entscheidung glücklich war oder nicht, stellt sich erst später heraus.

    Eine Entscheidung ist besser als keine Entscheidung, egal wofür man sich entscheidet. Man sollte Vertrauen an sich haben, dass man auch mit einer unglücklichen Entscheidung klar kommt.

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  2. Hallo, sehr guter Beitrag, meine empfehlung ist einfach eine Beratung in anspruch zu nehmen. Die wird bestimmt helfen

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  3. Die Auswahl eines Anwalts ist eine der schwierigsten. Die meisten Anwälte sind aber bereit, kostenlos mit potentiellen Mandanten zu telefonieren und so kann man sich einen ersten Eindruck verschaffen. Durch diesen ersten Kontakt habe ich Anwälte entdeckt, die aus verschiedenen Gründen nicht zu mir passten. Ob sie tatsächlich gut beraten und für den Fall richtig und engagiert arbeiten, kann man nur wissen, wenn man sie bevollmächtigt. Aber Geldfragen, eine erste grobe Bewertung des Falles und Bereitschaft zur Vertretung sind möglichst im Voraus zu klären.

    Die Beratungsstellen für Opfer von Sexualdelikten müssen sich mit juristischen Themen auskennen. Ansonsten können die Betroffenen nicht richtig beraten werden, da praktisch die einzige Alternative gegen die Ausbreitung solcher Delikte die Anzeige ist. Wenn die Beratungsstellen nicht über diese Kenntnisse verfügen, sollte man darauf aufmerksam machen. Das habe ich bei der Kontaktstelle bei sexueller Diskriminierung und Gewalt an der Uni Hamburg gemerkt, was bedenklich ist. Ich habe der Gleichstellungsbeauftragten der Uni meine Unzufriedenheit im Sinne der Beratung und Handlung zum Ausdruck gebracht. Es ist wichtig, dass die Personen, die im Bereich Opferschutz u.Ä. arbeiten, die Mängel ihres Angebots bzw. ihrer Beratung erfahren, damit sie sie beheben können. Hoffentlich werden wir beide nicht mehr Opfer solcher Taten, aber die Mitarbeiter dieser Beratungsstellen werden bestimmt weitere Opfer beraten.

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  4. Letzte Woche war hier "Tag der Zivilcourage".

    Ich kam dort mit zwei Mitarbeiter der "gerichtlichen Zeugenbetreuung" der Justizbehörde ins Gespräch und war entsetzt.

    Ich hatte das Problem der Rechtsberatung (Qualität, Kosten) für Vergewaltigungsopfer angesprochen. Und diese Mitarbeiter sagten mir:

    "Beim Geld hört die Freundschaft auf".

    "Einige Vergewaltigungsopfer machen es ohne Anwalt, also geht das auch ohne".

    "Nicht alle Täter stehen dann nach der Anzeige vor der Haustür, und falls ja, dann kann man immer noch die Polizei rufen".

    "Opfer können doch einfach eine Anzeige machen, und schauen, was daraus wird. Wenn eine Anklage erhoben wird, kann man ja immer noch überlegen, was man macht".

    Hallo??????

    Verstehen die denn überhaupt, was Vergewaltigungsopfer in einem Strafverfahren durchmachen???

    Das nennt sich "Opferschutz" und "Zeugenbetreuung"?

    Zivilcourage ist, wenn dem Opfer nicht geholfen wird, und das Opfer trotzdem für andere eine Anzeige macht?

    Und die Opfer sollen sich - wenn es zu einer Anklage kommt - von solchen Zeugenbetreung-Mitarbeitern betreuen lassen und ihnen Vertrauen entwickeln?

    Entsetzte Grüße aus Hamburg

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  5. Ich danke Dir dafür, dass Du mich auf die Hamburger Tage der Zivilcourage aufmerksam gemacht hast. Obwohl meine Erfahrung mit der Polizei Hamburg nicht positiv war, habe ich die Hoffnung, dass eine solche Aktion irgendwie Anklang bei jemandem findet, zumindest um der Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber Kriminalitätsopfern entgegenzutreten.

    Ich finde es natürlich bedenklich, dass Mitarbeiter von Beratungsstellen die Problematik der Opfer im Strafverfahren nicht verstehen. Wenn das so ist, frage ich mich, wieso sie in solchen Berufen landen.

    Zivilcourage sollten alle haben, auch Beamte der Strafverfolgungsbehörden. Man muss nicht ein Spider-Man oder ein Batman werden, die gegen alle Verbrecher heldenhaft kämpfen, um Zivilcourage zu zeigen. Für mich geht es eher um Details, Hilfeangebote, Worte, die die schlechte Erfahrung für die Opfer weniger unangenehm machen. Im Fall von Leuten, die im Opferhilfebereich arbeiten, gehört es dazu, sich auszubilden und eine gute Beratung anzubieten.

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