Freitag, 8. Juli 2011

Die Belastung eines Widerspruchsverfahrens an der Uni

Es ist so schwierig, mit dieser Belastung der Verfahren vorwärts zu gehen

Jedes Mal, wenn ich eine Nachricht aus Hamburg erhalte, fühle ich mich als ob ich eine Briefbombe aufmachen würde. Im Laufe dieses Jahres habe ich schon viele Nachrichten bekommen, die mich aufgeregt haben (Verweigerung der Information über die Note meiner Arbeit, Ablehnung meiner Dissertation, Einstellung des Strafverfahrens gegen meinen ehemaligen Doktorvater, seine Teilnahme an einem Kongress am Tatort). Es wäre naiv von mir zu denken, dass keine weiteren kommen könnten.

Das Problem besteht darin, dass ich mit der Zeit weniger Geduld und Kraft habe und Kleinigkeiten für mich extrem belastend wirken. Wenn ich eine E-Mail an jemanden in Hamburg schreiben muss, neige ich dazu, die Aufgabe lange hinauszuschieben und muss mich zwingen, um es endlich zu machen. Dies ist einer der Gründe, weshalb es mich erleichtert, auf das Klageerzwingungsverfahren im Strafverfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater verzichtet zu haben. Ich hatte keine Lust darauf, mich wieder mit den Akten des Strafverfahrens auseinanderzusetzen, vor allem für ein Resultat, das leicht voraussehbar ist.

Jetzt läuft das Widerspruchsverfahren gegen die Ablehnung meiner Dissertation, wo ich anwaltlich vertreten bin. Ich habe keine Lust darauf, mit meiner Erstgutachterin, der Verantwortlichen der Prüfungsabteilung, den Mitgliedern meiner Prüfungskommission, dem Vorsitzenden des Promotionsausschusses und den neuen Figuren, die in dieser Geschichte vorkommen, zu sprechen. Wenn ich mit ihnen Kontakt aufnehme, handeln sie so, als ob es eine große Belastung wäre, mit mir zu telefonieren oder mir eine E-Mail zu schreiben.

Gegenüber meinem Anwalt ist dies nicht viel anders. Mir wurde mitgeteilt, dass die Entscheidung über die Aufhebung der Ablehnung meiner Dissertation in einer Sitzung des Promotionsausschusses am 3. Juni gefällt würde. Nachdem mein Anwalt den Vorsitzenden des Promotionsausschusses um Sachstandsmitteilung gebeten hat und wir den ganzen Monat auf eine Antwort gewartet haben, erhielten wir eine kurze E-Mail mit der Nachricht, dass die Angelegenheit an den Widerspruchsausschuss in Promotionsangelegenheiten abgegeben worden sei. Mit anderen Worten ist dies die unendliche Geschichte: Jedes Mal, wenn man denkt, jetzt ist es soweit, kommt ein weiterer Schritt und alles braucht länger als geplant.

Übrigens finde ich es einen großen Zufall, dass alle entscheidenden Momente mit den Ferien kollidieren. Obwohl ich meine Diss im August 2010 abgegeben habe (ja, Sommerferien, selber schuld), wurde die Note erst im Februar vor dem Anfang der vorlesungsfreien Zeit des Wintersemesters festgelegt und die Mitteilung am 31. März (nach Drängen meinerseits), Ende der Ferien, mir zugeschickt. Das Widerspruchsverfahren wurde im April von meinem Anwalt eröffnet, aber wir bekamen erst im Juli (vor den Sommerferien!) die Mitteilung, dass ein Widerspruchsausschuss es prüfen wird. Anscheinend sollte ich mich glücklich schätzen, wenn ich eine positive Antwort vor Ende des Jahres erhalten werde.

Zum Glück hängt mein Leben nicht von dieser Entscheidung ab. Ich bin überzeugt, dass es sich nicht lohnt, diese Dissertation zu retten. Die Reaktionen der Professoren, wenn sie vom Hintergrund der Betreuungssituation erfahren, sind verletzend genug für mich. Ich möchte keinen Kreuzweg auf der Suche nach offenen Ohren mit einer abgelehnten Dissertation anfangen, die praktisch zum Symbol des Misserfolgs und Leidens für mich wurde. Bevor ich wusste, dass meine Diss abgelehnt wurde, war ich schon bereit, den Forschungsschwerpunkt zu verlassen. Nach der sexuellen Nötigung durch meinen Doktorvater war die Arbeit an dieser Diss nicht mehr gleich, ich hatte nie mehr die Leidenschaft, mit der ich an allen meinen vorherigen Projekten gearbeitet habe und ich bereue es, in diesen Umständen weiter gearbeitet zu haben.

Bezüglich der Schritte nach der Ablehnung der Dissertation lassen sich die Leute, die mich beraten, meistens in zwei Gruppen einteilen. Einerseits sind da diejenigen, die sagen, ich sollte in Hamburg oder am besten an einer anderen Uni die Arbeit retten, weil diese Promotionsjahre ansonsten umsonst gewesen seien. Für diesen Schritt ist natürlich eine positive Antwort des Widerspruchsverfahrens erforderlich. Es gibt andererseits diese, die meinen, der Kampf sei vergeblich und ich sollte schon das Handtuch werfen, obwohl es so aussehen würde, als ob die Promotionsordnung sehr deutlich für mich spreche. Kein Gericht oder universitärer Ausschuss werde einer ausländischen Studentin Recht geben, vor allem wenn meine Erstgutachterin Direktorin des Instituts ist und mein ehemaliger Doktorvater vorher der Direktor war.

Ich habe mich für das Widerspruchsverfahren entschieden, weil die Situation zu unfair ist, um sie einfach zu akzeptieren. Ich denke nicht, dass meine Absichten zu anspruchsvoll sind. Ich erwarte nicht, dass meine Erstgutachterin – oder ein anderes Mitglied der Prüfungskommission – gezwungen wird, die Betreuung meiner Arbeit zu übernehmen; noch weniger, dass meine Diss in ihrem aktuellen Stand angenommen wird. Auch nicht, dass andere Gutachter beauftragt werden, dass die Uni Hamburg einen anderen Betreuer für mich sucht oder ein Professor einer anderen Uni als Betreuer akzeptiert wird. Ich will nur die Anerkennung, dass das Promotionsverfahren fehlerhaft war und dass die Ablehnung der Diss aufgehoben wird. Ist das wirklich zu viel zu erwarten?

Nach allem was ich mit dieser Dissertation erlebt habe, würde ich niemandem empfehlen, sich im Fall von Betreuungsproblemen an die Hilfe einer Universität zu wenden. Wenn man Probleme mit der Betreuung hat – egal aus welchem Grund – sollte man kein Verfahren an der Uni anfangen. Diese juristischen Schienen sind sehr steil, obwohl die Regelungen und Promotionsordnungen oft deutlich aussehen. Wenn man die Möglichkeit hat, seine eigenen Lösungen selbst zu suchen, sollte man dies machen, anstatt zu warten, dass die Uni etwas entscheidet, wofür sie kein Interesse hat. Ich glaube auch nicht, dass die Gerichte die besten Institutionen sind, um universitäre Probleme zu lösen. Dies kann man am Fall der Rostocker Doktoranden sehen. Wenn ich es im Nachhinein betrachte, merke ich, es wäre besser gewesen, meine Diss früher aufzugeben, als eine Lösung der Uni zu akzeptieren, die mich von Anfang an nicht überzeugt hat.

Ich bin jetzt in diesem Bus des Widerspruchsverfahrens, weil ich im akademischen Sinne nichts mehr zu verlieren habe. Wenn das Verfahren das gewünschte Resultat bringt, würde ich den Status als durchgefallene Doktorandin verlieren – was selbst kein großer Gewinn ist. Ich bin bereit, in diesem Bus bis zur Endstation zu fahren, egal wie belastend und steinig dieser Weg ist, aber es freut mich nicht. Man verliert zu viel Energie und Kraft (und auch Geld) auf dem Weg und ich merke, dass es mit der Zeit immer schwieriger für mich wird. Man kann sich nicht daran gewöhnen, inmitten eines Verfahrens zu sein.

Kommentare:

  1. Das kann ich nachvollziehen. Die Einstellung meines Strafverfahren kann ich mittlerweile akzeptieren, ich habe verstanden, wie das deutsche Rechtssystem funktioniert, und vielleicht ist es gar nicht mal so übel. Jedenfalls finde ich es viel besser, dass mein Fall eingestellt wurde, als wenn der Täter nach medialem Interesse wie beim Kachelmann letztendlich vorm Gericht freigesprochen worden wäre.

    Aber in einer Sache kämpfe ich noch, weil ich da auch finde, dass das zu ungerecht ist, um es stehen zu lassen, und weil ich denke, dass ich nicht zuviel verlange, wenn ich wenigstens diese eine kleine Genugtuung und Anerkennung von der Gesellschaft will. Erst dann kann ich das Ganze abschließen. Es ist eigentlich so wenig, was ich will, und trotzdem sitze ich auch schon ein Jahr dran.

    Wichtig für mich ist aber zu wissen, dass mein Leben davon nicht abhängt.

    Das Schlimmste für mich bei dieser Tat war - wie Du auch beschreibst - dass die Leidenschaft und Vertrauen verloren gegangen sind. Früher habe ich nicht gelernt oder gearbeitet wegen Geldes, Zeugniss oder Karriese, sondern einfach weil die Sache mich interessierte und ich mehr wissen wollte. Diese Leichtigkeit ist mir durch die Gewalttat verloren gegangen - danach war das Studium nur "Zweck zum Mittel", also Job zum Geldverdienen oder Karriere oder was auch immer. Und da macht es auch kein Spaß mehr.

    Ich wünschte, ich hätte damals wagen können, noch einen saubereren Schnitt zu machen, und mich beruflich komplett umorientiert, fachlich wie auch wohnortsmäßig. So dass ich nicht immer an diesen Täter und seine Beschüter denken muss - zwar bin ich weg von der Uni, aber wenn man im Fach ist, begegnet man die Leute ja immer wieder. Ich hatte das Fach geliebt und dachte, ich wäre stark, wenn ich es trotzdem noch schaffe. Ich hätte nicht gedacht, dass die Gewalttat so tiefe Spuren in mir hinterlässt.

    3 Jahre Promotionszeit zu verlieren ist bitter. Aber denk' auch an die Zukunft, dass Du nicht die nächsten 30 Jahre auch noch verlierst. Ich weiß - man ist erst mal auch gelähmt und kann sich gar nicht mehr umorientieren - dann gönne Dir mal eine Auszeit, das Leben ist noch lang genug.

    Ich hoffe und wünsche Dir, dass Du gut für Dich sorgen kannst!

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  2. Hallo, danke für Deinen Kommentar! Es ist anstrengend, immer für unsere Rechte zu kämpfen. In einem bestimmten Moment möchte man aufgeben und endlich Frieden finden. Aber wie kann es Frieden ohne Gerechtigkeit geben?

    Ich finde es auch sehr schlimm, dass man die Leidenschaft für die eigene Arbeit verliert. Nach der Gewalterfahrung merkt man, dass viele Sachen, die man für wichtig hielt, wirklich nicht so wichtig sind.

    Es tut mir besonders weh, dass ich bei meiner Suche nach Hilfe Personen vertraut habe, die ich fast nicht kannte und denen ich mich offenbart habe, wie meiner Erstgutachterin. Es ist so enttäuschend, wenn man verzweifelt etwas so Sensibles mit einer anderen Person spricht und eine verletzende Reaktion bekommt. Ich kann wirklich nicht verstehen, wieso sie auch das akademische Gespräch mit mir verweigert.

    Als Opfer braucht man diese Genugtuung und Anerkennung der Gesellschaft, aber leider ist dies am Schwierigsten zu schaffen. Wenn ein Strafverfahren eingestellt wird, bleibt für Außenstehende immer der Zweifel, ob man gelogen hat oder nicht. Hauptsache ist, dass man weiß, dass die Tat stattgefunden hat und man es gemeldet hat, unabhängig davon, ob es Beweise gibt.

    Ich hoffe auch, dass Du in Deinem aktuellen Kampf schaffst, was Du Dir wünschst.

    LG Lucrezia

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  3. Hallo,

    Es ist ja eigentlich auch kein Frieden, was man erreichen kann, sondern schlicht Abschließen. Die Sache als eine abgeschlossene Lebenserfahrung hinter sich lassen. Es war mal. Und dann nach vorne blicken.

    Aber solange so ein Verfahren läuft, und solange man kämpft, bleibt es Gegenwart. Man kann es nicht hinter sich lassen, denn man muss sich ja damit noch weiter beschäftigen. Man darf nicht vergesssen. Man schleppt es immer mit sich - man kann höchstens mal Pause einlegen und vom Thema "Urlaub" nehmen.

    Das ist anstrengend, und wahrscheinlich auch nicht gesund.

    Genugtunng und Anerkennung - das wünschen sich alle Opfer, denke ich mal. Dafür muss es nicht mal eine Verurteilung geben, denn da geht es um den Täter. Im Nachhinein denke ich, dass das Ergebnis aus meinem Strafverfahren das Maximale war, was man daraus machen konnte (bei "she said / he said" Situation beim
    Sexualverbrechen wäre es wohl unrealistisch, dass der Täter tatsächlich verurteilt wird - da bleibt es nur Freispruch oder Einstellung, und ich muss sagen, dass Einstellung mir immer noch lieber ist als Freispruch). Es gilt ja die Unschuldsvermutung, das ist die wichtigste Säule im Strafrechtssystem, und dazu stehe ich auch. Wenigstens wurde meine Glaubwürdigkeit nicht in Frage gestellt - auch wenn es ziemlich schockierend war, zu erfahren, dass die Tat strafrechtlich in Ordnung geht. Aber da kann man sich ja über die Gesetzeslage empören.

    Aber mein kleiner Kampf, da geht es auch um Genugtuung und Anerkennung - dass man als anzeigende Opfer wenigstens ein bißchen Anerkennung dafür bekommt, dass man aufgestanden ist, und eine Anzeige gemacht hat, auch zum Schutz der anderen. Auch wenn es nicht zu einer Verurteilung kommt.

    Der Mann kann von mir aus weiterhin als unschuldig gelten. Und trotzdem erwarte ich eigentlich einen Dank von der Gesellschaft für die Mühe und die Zeit, die ich für die Anzeige investiert habe! Das muss nicht widersprüchlich sein.

    Wie schwer diese Solidarität ist, das habe ich auch erfahren. Was mich echt verletzt hat, ist der Umgang des Weißen Ringes mit mir. Das sollte eigentlich eine Opferhilfeorganisation, aber ich habe das Gefühl, dass diese Organisation nur ihre eigene Zwecke und Prinzipien verfolgen, und die Opfer dazu instrumentalisieren/missbrauchen. Ich ärgere mich gerade ziemlich mächtig drüber, was die Organisation aus meinem Fall gemacht hat. Das war nur Machtmissbrauch seitens der Organisation. Dass sie damit letztendlich Täter schützen, drüber haben sie nicht nachgedacht und das wollen sie auch nicht sehen.

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  4. In Bezug auf Deinen Wunsch nach Anerkennung, frage ich mich Folgendes: Wenn die Gesellschaft nicht anerkannt hat, dass Du ein Opfer bist, wie kann sie sich bei Dir bedanken? Man kann immer denken, dass die anzeigende Frau nur Rufmord mit der Anzeige gemacht hat und das Leben des Beschuldigten zerstören oder einen Skandal machen wollte. Auch wenn Du sagst, dass Du in Deinem Fall als glaubwürdig befunden wurdest und es eher um die strafrechtliche Relevanz der Tat ging, ist das leider das Gleiche. Wenn Du einen Vorfall meldest, der kein Delikt ist, haben die Strafverfolgungsbehörden aus ihrer Sicht die Zeit verschwendet und wir als Opfer verbleiben als übertreibende Frauen.

    Ich habe schon akzeptiert, dass die Gesellschaft im weitesten Sinne nicht anerkennen wird, dass ich ein Opfer meines ehemaligen Doktorvaters war. Dafür bräuchte man eine Verurteilung. Aber es gibt Individuen, die mich verstehen, meine Sicht teilen, mich mutig finden und sich auch über diese Situationen an Hochschulen empören. Die Personen, die mir wichtig sind, gehören zu dieser Gruppe und das reicht für mich. Jetzt da das Strafverfahren vorbei ist, möchte ich mich lieber auf meine Genesung konzentrieren. Leider erlaubt dieses Widerspruchsverfahren es nicht ganz und die Wunden durch die Erfahrung sind tief und noch zu frisch.

    Ich bin überzeugt, dass jedes Opfer, das eine Strafanzeige erstattet, etwas für die Gesellschaft beigetragen hat: die Aufmerksamkeit auf das Delikt, die Benennung des Verantwortlichen, die Möglichkeit, dass andere Opfer desselben Täters sich melden. Leider ist dies nicht so fassbar, da gesellschaftliche Verantwortung und Sinn für Gerechtigkeit nicht immer über das persönliche Drama hinwegtrösten können.

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  5. Meine Antwort ist eigentlich Teil der Antwort in dem anderen Thread.

    Ich sagte dort, dass ich eine professionelle, unabhängie Rechtsberatung für unabdingbar halte. Und wie Du dort schriebst, kostet das Zeit und Geld.

    Zeit muss man selbst investieren. Es geht nicht anders.

    Aber Geld?

    Da kämpfe ich momentan drum, dass für das Opfer Strafverfahren, zumindest bis zur Einstellung, kostenneutral bleibt (wenn man gegen die Einstellung Widerspruch einlegen will, da wäre ich damit einverstanden, dass man es selber zahlen muss - denn geht man gegen eine staatliche Entscheidung vor). Und zwar, unabhängig davon, wie das Verfahren ausgeht (außer man kann nachweisen, dass es sich um eine Falschanschuldigung handelte).

    Ich habe in diesem Zusammenhang oft gehört: es gibt auch Lügenrinnen unter den Anzeigenden, warum sollten diese von den Steuerzahlen unterstützt werden? Früher habe ich mich über diese Argumentation, denn das klang für mich, als ob man alle Anzeigende (mich inklusive) als potenzielle Lügnerin sehen würde, obwohl man immer so schön vom Opferschutz redet.

    Auch das sehe ich inzwischen lockerer und differenzierter.

    Wenn das Opfer nicht lügt, dann hat es Solidarität der Allgemeinheit beim Strafverfahren verdient - durch eine Anzeige können weitere Taten verhindert werden. Die Allgemeinheit profitiert von der Anzeige.

    Wenn die Frau lügt, dann ist es besser, dass sie von einer neutralen Person rechtzeitig gebremst wird. Es ist für alle Beteiligten in dem Falle besser, dass man die Sache fallen lässt, bevor die Sache in die Öffentlichkeit gekommen ist.

    Der Kachelmann-Prozess wäre vielleicht nie zur Anklage gekommen, wenn die Frau nicht zumindest teilweise falsche Angaben gemacht hatte - unbewußt oder bewußt falsch. Also, wenn die Frau von vornerein einen anständigen Anwalt zur Seite gehabt hätte, und die Sache eingestellt worden wäre, weil die Aussage für eine Anklage nicht ausgereicht hätte 1) wäre es dem Staat im Endeffekt viel billiger gekommen als diesen ausufernden Schauprozess und 2) damit auch zwei Leben gerettet.

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  6. Die Kollision zwischen der akademischen und der strafrechtlichen Ebene macht unsere Situation als Opfer an Hochschulen schwieriger, denn einige Aspekte sollten speziell betrachtet werden. Einer ist Geld, da die meisten Studenten sich eine anwaltliche Vertretung nicht leisten können. Zweitens haben wir ein akademisches Problem, das viele Fragen aufwirft, wie ich im Post über die Fehlentscheidungen geschrieben habe. Normalerweise wird ein Anwalt für Strafrecht sich nicht um diese Sachen kümmern. Ich habe von Ausnahmen gehört, aber in meinem Fall weigerten sich die Strafrechtler, mir mit dem akademischen Problem zu helfen, weil sie sich nicht auskannten. Bedeutet dies, dass man zwei Anwälte braucht oder einen Teil des Problems opfern muss?

    In diesem Fall bräuchte man als Studentin diese professionelle, kostenlose und unabhängige Rechtsberatung. An der Uni Hamburg gibt es eine Rechtsberatung für ausländische Studierende, die ich nie in Anspruch nahm, weil ich zur Zeit ziemlich misstrauisch gegenüber den Anlaufstellen der Uni war. Außerdem sind dies ganz komplizierte Probleme und ich war nicht sicher, ob eine solche Rechtsberatung bereit war, sie zu behandeln. Die Trennung der beiden Ebenen ist unmöglich. Sie zu versuchen ist sinnlos und nicht zweckmäßig. Die Ablehnung meiner Dissertation kann man nicht außerhalb der Rahmen der Strafverfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater verstehen und keine Lösung kann rein akademisch sein.

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  7. Das sehe ich etwas anders.

    Ein Anwalt, ein Allrounder nur für sexuellen Missbrauch auf der Uni, kann es schon allein aus Kostengründen nicht geben, es sei denn er ist für alle Unis in Deutschland zuständig oder so.

    Man muss tatsächlich zu mehreren Anwälten gehen.

    Das ist bei anderen Missbrauchsopfern auch so, je nach Situation (Strafrecht, Verwaltungsrecht, Sozialrecht, Familienrecht, Zivilrecht, Ausländerrecht, Arbeitsrecht). Z.B. wenn es drum geht, ob ein Kind einen Vergewaltiger-Vater nach Trennung besuchen gehen soll. Oder ob eine Angestellte nach ihrer Eigenkündigung wegen Vergewaltigung durch Chef Anspruch auf Arbeitslosengeld hat. Oder ob eine Ausländerin nach vergewaltigungsbedingter Trennung von ihrem deutschen Mann den Aufenthaltserlaubnis verliert.

    Das gehört zusammen, und doch sind sie zwei Gebiete.

    Im Idealfall gibt es ein Netzwerk von Anwälten, die zusammen arbeiten.

    Was man aber auch nicht vernachlässigen soll, ist, dass viele Probleme nicht durch Justiz zu lösen ist.

    Letzendlich hätte ja die Uni in Deinem Fall auch anders entscheiden können bezüglich Lösungen für die Dissertation. Wie die Kollegen des Täters letztendlich verhalten werden, das kann kein Anwalt vorhersehen.

    Das ist ein menschliches bzw. psychologisches Problem, dafür ist die Justiz nur bedingt zuständig. Die Beratungsstellen wie z.B. Frauennotruf sind zum Besprechen dieser psychologischen Probleme geeignet. Die Qualität des gesprächs hängt natürlich von jeweiliger Beraterin ab (die i.d.R. Psychologin oder Sozialpädagogin ist).

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  8. Natürlich kann kein Anwalt die Reaktion der Professoren bestimmen bzw. vorhersehen, aber sie können besser über die Handlungsmöglichkeiten informieren. Studenten sind sich i.d.R. sehr wenig bewusst über ihre Rechte. Man neigt zu denken, dass alles, was die Professoren sagen, stimmt und in meinem Fall habe ich oft falsche und verwirrende Informationen erhalten. Ich glaube, dies war so, weil das Personal der Uni ein Interesse daran hatte, meinen ehemaligen Doktorvater und ihren eigenen Ruf zu schützen.

    Du hast Recht: Viele Probleme sind nicht nur durch Justiz zu lösen. Außerdem gibt es theoretische rechtliche Lösungen, die in der Praxis je nach den individuellen Umständen nicht anwendbar sind. Nach einer positiven Antwort des Widerspruchsausschusses hätte ich die Möglichkeit, einen neuen Betreuer zu finden, die Dissertation zu überarbeiten und sie später einzureichen. Trotzdem kann ich gut nachvollziehen, dass aufgrund des Vorgefallenen kein Mitglied meiner Prüfungskommission – an deren Objektivität ich sowieso nicht glaube – mich betreuen würde. Die Suche nach einem anderen Professor außerhalb Hamburgs – der bereit wäre, an einem solchen Promotionsverfahren teilzunehmen – stelle ich mir wie eine Odysee vor und ich habe weder Lust noch Kraft mehr dafür. Ich habe leider die Chance einer guten Lösung für die Dissertation verpasst. Deswegen finde ich schade, eine rechtliche Beratung vorher nicht in Anspruch genommen zu haben, damit wir nicht zu diesem Punkt gekommen wären.

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