Donnerstag, 9. Juni 2011

Der Fall Kachelmann als Rahmen der Verfahren an der Universität Hamburg

Eine Zeitung auf einem Sitzplatz in einem Bus am Tag nach dem Freispruch Kachelmanns

Seit Beginn der Verfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater habe ich immer wieder Vergleiche zum Fall Kachelmann gehört. Im Februar 2010 habe ich mich an die Gleichstellungsbeauftragte der Universität Hamburg gewandt und da waren die Vorwürfe gegen Jörg Kachelmann ganz frisch.

Bevor ich das Schweigen gebrochen habe, habe ich mich oft gefragt, ob ich glaubwürdig wäre, wenn ich ein Delikt durch meinen Doktorvater melde. Einen Tag nach dem Vorfall habe ich bereits gedacht, ich hätte die Chance schon verpasst, zur Polizei zu gehen. Nach eineinhalb Jahren fand ich die Erstattung einer Strafanzeige als verspätet und absurd. Das Einzige, das mich interessierte, war meine Promotion zu retten – und dies ist zum größten Misserfolg meines Lebens geworden. Damals dachte ich, niemand würde mich ernst nehmen. Mein Doktorvater war nicht ein Unbekannter, der in der Nacht aus einem Gebüsch sprang. Obwohl er unangemeldet bei meiner Wohnung erschien, ließ ich ihn rein. Dazu haben mir mehrere Leute gesagt, dass das seine Schuld nicht lösche und ich dies auch im Fall Kachelmann sehen könne, weil seine Ex-Freundin ihn wegen Vergewaltigung angezeigt hatte und es sich dort um eine Beziehungstat handelte, also um einem Vorfall zwischen zwei Personen, die sich kennen. In meinem Fall hatte ich noch mehr Gründe für eine Anzeige, weil ich in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zu meinem Doktorvater stand.

Außerdem haben mir einige Personen Fragen gestellt, die den Fall Kachelmann mit den Verfahren an der Uni Hamburg verbunden haben, wie etwa „Warum war Kachelmann in Haft und dein Doktorvater wurde noch nicht für einenTag suspendiert?

Der Anfang der Gerichtsverhandlung gegen Kachelmann war praktisch gleichzeitig wie mein Wegzug aus Deutschland. Als ich nicht wusste, ob das Strafverfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater zur Anklage kommen würde, habe ich den Kachelmann-Prozess verfolgt und mich gefragt, ob eine Verhandlung in Hamburg auch so wäre. Insbesondere interessierte mich die Frage nach der Relevanz der Aussagen des eigenen Therapeuten. Das mutmaßliche Opfer Kachelmanns war in einer Therapie bei dem Traumatologen Prof. Günter Seidler, der vor Gericht ausgesagt hat. Zu dieser Zeit hatten meine Therapeutin und die Beraterin der Uni, an die ich mich zwei Monate nach der Tat gewandt habe, dies noch nicht gemacht. Einmal hatte ich die Versuchung, nach Mannheim zu fahren und einen Tag des Prozesses selbst zu beobachten, um mir ein Bild des Prozessablaufs zu machen, falls wir auch so weit wären, aber Mannheim liegt ziemlich weit weg von meinem aktuellen Wohnort.

Ende des vergangenen Jahres, als ich mit anderen Personen über die große Wahrscheinlichkeit der Einstellung des Strafverfahrens gesprochen habe, haben sie mir gesagt: „Genau so wie bei Kachelmann. Man kann voraussehen, dass er freigesprochen wird“. Auch im April dieses Jahres, als ich das Problem mit der Ablehnung der Diss hatte und mich über die zahlreichen Konsequenzen für mich beschwert habe, sagte mir jemand: „Das Problem ist, dass ein Gericht nicht herausfinden kann, was geschehen ist. Wie im Fall Kachelmann: nur die Beteiligten wissen, was an diesem Abend passiert ist“.

Am 31. Mai haben alle erfahren, dass Jörg Kachelmann freigesprochen wurde – was mich nicht überraschte. Seitdem habe ich oft gehört: Wenn nach so vielen Verhandlungstagen, mehreren Gutachten und einer vielfältigen Ermittlung niemand die Wahrheit kennen konnte, wie konnte ich erwarten, dass mein Doktorvater verurteilt würde?

Vielleicht war der Vergleich zum Fall Kachelmann unvermeidbar aufgrund der zeitlichen Parallelen mit den Verfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater. Vor drei Wochen habe ich erfahren, dass die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg meiner Beschwerde gegen die Einstellung des Strafverfahrens nicht abgeholfen hat. Da ich aus verschiedenen Gründen auf ein Klageerzwingungsverfahren verzichte, kann man sagen, dass das Strafverfahren gegen ihn vorbei ist.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich viele Personen, die in ein Strafverfahren wegen Sexualdelikten verwickelt waren, im Fall Kachelmann irgendwie wiedererkennen konnten. Ich bin sicherlich nicht die Einzige, die zum Zeitpunkt des Falles Kachelmann als Geschädigte in einem Strafverfahren beteiligt war. Ich frage mich, ob ich nach Kenntnis dieses Falles gewagt hätte, an der Uni zu erzählen, was mein Doktorvater mir angetan hat. Jede Frau, die denkt bzw. weiß, dass die Beweise nicht ausreichend sind, um eine Vergewaltigung oder ein anderes Delikt zu beweisen und dass der Täter deswegen nicht verurteilt wird, könnte sich fragen: Warum werden wir das überhaupt machen? Ich glaube, der Prozess gegen Kachelmann war für viele ein Modell davon, wie und vor allem wie belastend ein Strafverfahren sein kann . Ich glaube, dass kein Beschuldigter und kein Opfer sich so etwas wünschen. Die Aufmerksamkeit der Medien war extrem und ich denke, dass sie eher in Richtung Skandal ging und nicht immer in Richtung Reflexion über die juristischen oder psychologischen Probleme einer Straftat. Um Opfer sexueller Gewalt an Hochschulen zu beruhigen, kann ich sagen, dass ich bezweifle, dass ein Fall an einer Uni so von den Medien behandelt wird. Die Hochschullehrer sind keine Promis und mit ihnen als Angeschuldigte lassen sich nicht so viele Zeitungen verkaufen, es sei denn eventuell, der Präsident einer Uni wird angezeigt.

Um noch mal die Verfahren an der Uni Hamburg mit dem Fall Kachelmann zu vergleichen, beziehe ich mich auf die erste Frage, die in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ am 31. Mai gestellt wurde: „Kann man eigentlich sagen, nach diesem Urteilsspruch, Kachelmann hat gesiegt?“ Obwohl er gesiegt hat, im Sinne dass er nicht verurteilt wurde, hat er wirklich vieles im Laufe dieses Verfahrens verloren. Er war in Haft, er musste immer sein Gesicht gegenüber den Medien zeigen, viel Geld in seine Verteidigung investieren und er war bei jedem Verhandlungstag dabei. Hingegen war mein Doktorvater nie bei einer Behörde oder in einer Anhörung, der Fall wurde nie öffentlich gemacht, er wurde auch nie suspendiert, nur ganz wenige Leute an der Uni Hamburg wissen, dass ihm ein Delikt vorgeworfen wurde. Wie die Uni Hamburg alles behandelt hat, war ganz anders als bei anderen Unis (vgl. Fall der Uni Bielefeld). Ich glaube, wenn man in einem Strafverfahren über „Sieger“ sprechen kann, kann man sagen: Mein Doktorvater hat gesiegt.

Ich habe im Disziplinar- und Strafverfahren gegen meinen Professor nicht ausgesagt, um zu „gewinnen“, Geld aus zivilrechtlichen Ansprüchen zu holen oder um ihn hinter Gitter zu schicken – das habe ich mir nie gewünscht. Mir ging es darum, meine Promotion zu retten und vor allem das Recht auf eine normale und objektive Betreuung meiner Diss zu haben. Ich wusste von Anfang an, dass es möglich war, dass ich sie nicht retten konnte. In einem bestimmten Moment war meine Promotion weniger wichtig als das, was ich erlebt habe. Ich musste mich wehren und das Schweigen brechen und ich habe mich mit voller Überzeugung von der Richtigkeit meiner Handlung an die Gleichstellungsbeauftragte der Universität Hamburg gewandt. Es ist unvermeidbar, dass diese juristischen Verfahren für Täter und Opfer von einem internen emotionellen Prozess begleitet werden. Was aus diesen internen Prozessen kommt, was man lernt, wird nicht von Urteilen oder Verfahrenseinstellungen bestimmt.

Trotz allen Medienberichten über den Fall Kachelmann wird das ganze Publikum, das dieses Verfahren verfolgt hat nicht wissen, wie Jörg Kachelmann und das mutmaßliche Opfer sich fühlen und ob sie sich selbst als Sieger oder Verlierer sehen. Nach dem Ende eines Strafverfahrens kann man endlich aufatmen und ich habe die Hoffnung, meinen Heilungsprozess endlich zu beginnen.

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