Sonntag, 22. Mai 2011

Welche Hilfe brauchen Opfer an Hochschulen?

Wie kann man Opfer aus dem Sumpf von Problemen ziehen?

Vor einigen Tagen habe ich auf dem Facebook-Konto der Webseite „Weggeschaut – gegen sexuelle Gewalt“ eine Frage gesehen, welche an die Leser gerichtet war: Wie könnte Opfern besser geholfen werden? Dies ist eine wichtige Frage, die für viele Leute schwer zu beantworten ist, vielleicht auch für die Opfer selbst, deren Bedürfnisse sich im Laufe der Zeit ändern und je nach Situation unterschiedlich sind. Diese Frage kann nicht gleich beantworten, wer jahrelang über sexuellen Missbrauch stillgeschwiegen hat oder wer sich inmitten eines Strafverfahrens befindet oder wer vor kurzem sexualisierte Gewalt erlebt hat und sich überlegt, was zu tun.

In diesem Post möchte ich mich genau mit der Frage „Wie könnte Opfern sexueller Gewalt oder Belästigung an Hochschulen geholfen werden? auseinandersetzen. Ich erlaube mir, einige Antworten dieser Umfrage von Weggeschaut zu übernehmen, andere selbst zu erwähnen und zu erläutern, was man mit den Fällen an Hochschulen tun könnte.

1.- (Härtere) Strafen für die Täter

Die Frage nach der Strafe für meinen ehemaligen Doktorvater war in den ersten sechs Monaten der Verfahren gegen ihn absolut irrelevant für mich. Wenn ich vor einem Jahr eine objektive Betreuung gehabt hätte, die mir erlaubt hätte, mein Promotionsstudium in Frieden fortzuführen und eine gute Dissertation abzugeben, wäre es für mich egal, ob der Professor bestraft würde oder nicht. Später habe ich gemerkt, warum es wichtig ist, dass die Täter bestraft werden. Einerseits kann man so andere potentielle Opfer schützen und dem Täter zeigen, dass seine Handlungen falsch waren. Andererseits ist das für ein Opfer die Anerkennung, dass ein Delikt passiert ist, dass jemand ihm etwas ganz Schlimmes angetan hat.

Nachdem ich in praktisch allen Lebensbereichen aufgrund des Delikts geschlagen wurde und es jetzt so schwierig ist, über dieses ganze Problem in Hamburg hinwegzukommen, empfinde ich es als unerträglich, dass mein ehemaliger Doktorvater weiterleben und arbeiten kann, als ob nichts passiert sei. Jetzt kann ich sehr gut verstehen, warum es für Opfer wichtig ist, dass der Täter seine richtige Strafe bekommt und auch eine Strafe, die passend zum Schaden seitens des Opfers ist, nicht einfach so eine milde Strafe. Ich habe schon geschrieben, eine milde Strafe sei besser als gar keine (vgl. mein Post über den Fall der Uni Hannover im Jahr 2004). Ich denke so, weil mein ehemaliger Doktorvater nie zur Rechenschaft gezogen wurde, aber wenn er eine milde Strafe bekommen hätte, würde ich vielleicht noch mehr erwarten.

2.- Mehr Beratungsmöglichkeiten

In Theorie gibt es Beratungsmöglichkeiten für Studenten, die Opfer sexueller Gewalt an Hochschulen sind. In Hamburg haben wir die Kontaktstelle bei sexueller Diskriminierung und Gewalt, die von der Gleichstellungsbeauftragten der Uni geleitet wird und die Zentrale Studienberatung, wohin man sich bei solchen Problemen auch wenden kann. Die Beratungsmöglichkeiten sind nicht eine Frage der Menge (wieviele Stellen) sondern der Qualität und der Eignung für das Problem. In der Kontaktstelle bekam ich Information, die nicht genau der Wahrheit entsprach. Das Strafverfahren wurde als ganz einfach dargestellt und mir wurde vieles versprochen, was nicht passiert ist, z.B. Vermittlung bei meinem Stipendiengeber, eine adäquate Betreuung für meine Diss und Respekt vor meinen Wünschen. Nicht nur ich wurde falsch informiert, sondern auch meine Erstgutachterin. Bis heute denkt sie, dass sie gezwungen wurde, die Begutachtung meiner Dissertation zu übernehmen, weil mein Stipendiengeber sich das wünschte. Natürlich gehört zu diesen Problemen auch der Fall der Anzeige ohne meine Zustimmung und ohne darüber informiert zu werden, ein ganz schlechter Ausgangspunkt für ein Strafverfahren.

Die Beratung der Uni Hamburg ist praktisch ein Muster von allem, was man mit einem Opfer nicht machen darf. Im Allgemeinen sollten die Beratungsmöglichkeiten für Studenten folgende Merkmale haben: kostenlos, einfach zugänglich, effektiv und wahrheitsgetreu. Ich hätte lieber vor einem Jahr gehört: „Die Uni kann Ihnen keine Lösung anbieten“ als das, was ich erlebt habe. Allerdings sollte die Uni Lösungen anbieten, die den Studenten nicht schaden. Eigentlich werden diese Delikte durch Unipersonal und mit Hilfe der hierarchichen Strukturen der Uni ausgeübt. Die Beratung sollte das Akademische und das Rechtliche verbinden, zu anderen Beratungsstellen weiterleiten. Als Opfer sollte man die Wahl haben, was man machen möchte und nicht wie ein Schaf zum Schlachthof geführt werden, ohne eine Ahnung zu haben.

3.- Mehr Unterstützung von der Uni

Damit meine ich nicht nur die Unileitung, sondern auch Professoren, Kommilitonen und Universitätsmitarbeiter. Wenn alle Professoren sich auf die Seite des Täter stellen – und leider nicht weil sie ihm glauben oder mit ihm befreundet sind, sondern weil der Täter Macht hat und ihnen auch schaden könnte –, wenn die Kommilitonen die Betroffenen auch nicht unterstützen möchten, weil dies Konsequenzen für sie haben könnte und auch die Mitarbeiter sich lieber mit dem Strom bewegen möchten, hat kein Opfer eine Umgebung, um das Schweigen zu brechen und zu melden, was eigentlich an der Uni passiert. Wie ich vorher geschrieben habe, wird ein Opfer, das erfährt, was mir an der Uni passiert ist und wie ich diskriminiert wurde und wie ich alles im akademischen Sinne verloren habe, absolut nichts erzählen. Wenn man die Täter schützt, geht dies zu Ungunsten der ganzen Uni, weil solches Verhalten den Machtmissbrauch unterhält und nicht erlaubt, dass Betroffene sich zur Sache äußern. Leider ermöglicht die aktuelle Struktur der Uni keine Unterstützung, weil alles über Empfehlungen läuft und ein aufgebautes Netzwerk so wichtig ist. Sobald ein Student die Unterstützung verliert, wird er zum Außenseiter.

Die Unterstützung für die Betroffenen sollte vorhanden sein, egal ob sie einen Arbeitsvertrag an der Uni haben oder nicht, ob sie sich in einer Betreuungssituation befinden oder der Täter ein Seminarleiter oder externer Professor ist.

4.- Kostenlose Therapie (und Anwaltskosten) solange wie notwendig

An der Uni Hamburg bietet die zentrale Studienberatung wenige kostenlose Therapiesitzungen für Studenten an. Zwei Monate nach dem sexuellen Vorfall mit meinem ehemaligen Doktorvater hatte ich mich an eine psychologische Beratung für ausländische Studierende gewandt, wo ich die Möglichkeit gehabt hätte, kostenlose Beratung zu erhalten. Leider fühlte ich mich von der Beraterin nicht genügend unterstützt und wollte von ihr nicht weiter beraten werden. Dann kommen wir zur Frage: Bedeutet „kostenlos“ schlecht? Ist etwas was man bezahlt besser? Nachdem ich verschiedene kostenlose und kostenpflichtig Angebote in Anspruch nahm, kann ich folgendes sagen: Das hängt von der Person ab. Es gibt kostenlose Therapeuten und Berater, die ganz engagiert sind und gut arbeiten und andere, die sich nicht kümmern, unabhängig davon, ob sie Geld bekommen oder nicht. Die Sache von guten Therapeuten (und auch von guten Anwälten) ist fast eine Glücksache, ob man an die richtige Person gerät oder nicht.

Eine kostenlose Therapie hätte ich mir gewünscht, weil meine Krankenversicherung diese Kosten nicht deckte. Für uns Studenten ist es sehr schwierig, Zugang zu verschiedenen Hilfemöglickeiten zu haben, weil sie auch viel Geld kosten. Wenn wir keine Familienangehörigen haben, die das für uns bezahlen, ist dann unmöglich etwas zu machen. In diesem Fall sollte man sich überlegen, mehr Hilfemöglichkeiten anzubieten: Angebote von Zusatzversicherungen oder Rechtsschutzversicherungen für Studenten; Bezahlung von Psychotherapie durch die Krankenversicherungen, welche die Stipendiengeber anbieten, und Hilfe für Anwaltskosten.

5.- Möglichkeit von Austausch mit anderen Opfern

Die Perspektive von anderen Personen, die das Gleiche erlebt haben und sich mit Hochschulen auskennen, weil sie in diesem Abhängigkeitsverhältnis Gewalt oder Belästigung erlebt haben, ist ganz hilfreich. Nachdem meine anderen Freundinnen, die an der Uni Hamburg studiert haben, mir eher gesagt haben, dass ich alles vergessen sollte und ich merkte, dass sie nicht über das Thema sprechen wollten, weil sie Seminare bei meinem ehemaligen Doktorvater und meiner Erstgutachterin besucht haben, habe ich mit einer Betroffenen einer anderen Uni oft telefoniert oder gechattet und Meinungen und Erfahrungen mit ihr geteilt. Dies hat mir sehr geholfen. Außerdem sind die Meinungen der Betroffenen eine Bereicherung für die Diskussionen über das Thema. Ich habe den Eindruck, viele externe Personen sprechen über die Opfer, während diese irgendwie „versteckt“ bleiben, weil sie Konsequenzen fürchten oder sich schämen. Deswegen sollte man Möglichkeiten schaffen, damit die Opfer Kontakt miteinander knüpfen können, wie Selbsthilfegruppen, Netzwerke oder universitäre Vereine.

Alles was ich hier auflistet habe, richtet sich an die Studentinnen, die schon Opfer wurden und darunter leiden. Natürlich gibt es extrem viel zu tun im Bereich der Prävention solcher Delikte an Hochschulen und der Meinung und Vorurteile der Anderen. Bis jetzt wurden viele Richtlinien geschrieben, die in der Praxis anscheinend nicht angewandt werden und lediglich eine Illusion einer Hilfe oder Gleichbehandlung erwecken. Außerdem gibt es viele Leute, die sich gegen Gewalt an Hochschulen im Allgemeinen erklären, aber wenn ein konkreter Fall bekannt gemacht wird, kommen die Mythen vor, die die Situation der Opfer nicht anerkennen. Eine Erklärung in dem Sinne wäre auch notwendig, damit die Studentinnen wissen, was in solchen Fällen zu tun ist, wer ihnen helfen kann. Bis jetzt stehen viele Strukturen, die eine richtige Aufarbeitung einer solchen Erfahrung an der Uni nicht ermöglichen.

Kommentare:

  1. Ein sehr guter Fachartikel zum Thema:

    http://www.arthur-kreuzer.de/Gi_Allg05_2011_Misshandlungen.pdf

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  2. Das deckt auch mit meinen Erfahrungen.

    Also fände ich wichtig, dass die Opfer merken, dass es auch ein Leben außerhalb der Uni gibt, und dass nicht alles im Leben verloren ist.

    Unabhängige Beratungsstellen außerhalb der Uni ist auch deswegen sehr wichtig.

    Für Dich ist gibt es natürlich zusätzlich das besondere Problem, dass Du Ausländerin bist - da hat man von vornerein weniger Rechte, weil der deutsche Staat Dich nicht unbedingt schützen muss. Und da wo Du nicht mehr hier bist, fallen die vorhandenen Hilfsangebote auch weg.

    Bei der deutschen gesetzlichen Krankenkasse hätte man z.B. Anspruch auf Psychotherapie, zumindest bis zu einer gewissen Anzahl von Stunden.

    Dein Land würde Dich aber wahrscheinlich auch nicht unterstützen?

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  3. Hallo,

    danke für den Artikel. Die Gemeinsamkeiten zwischen Opfern in verschiedenen Einrichtungen lassen sich in den Folgen für die Opfer, die Reaktion der Institutionen, wo die Delikte stattgefunden haben und die Behandlung durch die Strafverfolgungsbehörden erkennen. Bezüglich der Frage „was ist zu tun“ sollte man diese drei Aspekte berücksichtigen und gleichzeitig beachten: die Opfer, die Institutionen und die Justiz. Wenn die Institutionen keine Transparenz schaffen und das Rechtssystem keine Gerechtigkeit für die Opfer anbietet, werden sie immer mehrfache Opfer bleiben: als Opfer eines Sexualdelikts, Opfer einer Institution und Opfer des Strafverfahrens.

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  4. Zum Kommentar vom 28. Mai um 22:25 Uhr.

    Jetzt bin ich Außenseiterin und das Problem mit den Hilfsangeboten habe ich auch an meinem aktuellen Wohnort. Kurz nachdem ich hierher umgezogen bin, habe ich Kontakt mit einer Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt aufgenommen. Mir wurde einfach so gesagt: Da ich keine Staatsangehörige dieses Landes bin und die Tat nicht in diesem Land passiert ist, habe ich auch nicht das Recht auf einen Termin bei dieser Stelle.

    Im juristischen Sinne haben wir Ausländer nicht weniger Rechte, aber faktisch sind die Unterschiede zu den Deutschen enorm und unsere Position ist nachteiliger und schwächer. Es gibt mehr Vorurteile gegenüber uns und mehr Schwierigkeiten wegen befristeten Aufenthaltsbewilligungen, beschränkten Finanzierungsmöglichkeiten, kulturellen Unterschieden und der Fremdsprache.

    In meinem Heimatland gibt es im Bereich Opferhilfe noch viel aufzuholen. Da würde ich noch weniger Leute finden, die mich unterstützen würden.

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  5. Jedenfalls habe ich Angst vor dem, was heute alles in den Medien zu sehen wird.... Der Fernsehen rüstet sich schon drauf, den Kachelmann-Prozeß von allen möglichen Leuten kommentieren zu lassen. Wahrscheinlich haben die Redaktionen schon Plan A und Plan B, je nachdem wie das Urteil ausfällt.

    Und sowas wäre eigentlich das Letzte, was ein wirkliches Opfer gebrauchen kann.

    Leider hat man das Gefühl, dass nur Prozeßbeteiligten, die diesen Rummel mitmachen bzw. selber veranstalten, weiter kommen.

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