Sonntag, 8. Mai 2011

„Schande“ (von J. M. Coetzee)

Englische und deutsche Ausgabe des Romans „Schande“ (Originaltitel: Disgrace) von J. M. Coetzee

Wie versprochen, fange ich hier mit einer Reihe von Kommentaren über Bücher und Filme an, die sich mit dem Thema „Sex zwischen Professoren und Studentinnen“ beschäftigen.

Der Roman Schande des südafrikanischen Nobelpreisträgers J. M. Coetzee handelt von David Lurie, einem 52-jährigen Professor in Kapstadt, der eine Affäre mit seiner Studentin Melanie hatte. Er wird gegenüber der Uni angezeigt und erklärt sich schuldig, will sich aber nicht entschuldigen. Deswegen kündigt er seine Stelle und der Fall wird überall bekannt. Daraufhin zieht er zu seiner Tochter Lucy um, die eine Farm betreibt und einfach und unabhängig wohnt. David Lurie hilft inzwischen in einer Klinik, wo kranke Tiere eingeschläfert werden. Eines Tages werden Lucy und David von drei Männern brutal überfallen und Lucy wird von ihnen vergewaltigt. David kann nichts machen, um sie zu schützen. Später wird er machtlos, da er keine Rolle in den Entscheidungen und späteren Handlungen seiner Tochter spielt.

Der Professor verliert seine Stelle nicht wegen des sexuellen Hintergrunds und es gibt keine strafrechtlichen Massnahmen. Seine Universitätskollegen waren bereit, ihm das Dienstvergehen zu „verzeihen“, aber der Stolz von David war stärker. Er wollte sich nicht entschuldigen, weil er empfand, dass er nichts Schlechtes getan hatte. Er hat die Affäre mit Melanie nicht bereut. Diese Tatsache macht das Verhalten von David fast heldenhaft – und sehr unglaubwürdig, wenn man erfährt, wie beschuldigte Professoren sich verteidigen und was sie alles machen, um ihre Stellen nicht zu verlieren. David Lurie verliert alles, dies aber nicht wegen seiner Dienstvergehen, sondern weil er seinen Gefühlen und seinem Glauben treu war.

     »Und bist du denn so perfekt, daß du nicht ein bißchen Beratung gebrauchen könntest?«
     »Das erinnert mich zu sehr an Maos China. Widerruf, Selbstkritik, öffentliche Entschuldigung. Ich bin altmodisch, ich würde es vorziehen, an eine Wand gestellt und erschossen zu werden. Es hinter mich zu bringen.«
     »Erschossen? Weil man eine Affäre mit einer Studentin hat? Das ist ein bißchen extrem, meinst du nicht auch, David? Das muß doch ständig passieren. Es passierte auf jeden Fall, als ich Studentin war. Wenn sie jeden Fall verfolgen würden, würde der Berufsstand dezimiert.«
     Er zuckt mit den Schultern. »Wir haben puritanische Zeiten. Das Privatleben interessiert die Öffentlichkeit. Lüsternheit ist respektabel, Lüsternheit und Sentimentalität. Sie wollten ein Schauspiel: an die Brust schlagen, Reue, wenn möglich Tränen. Eigentlich eine Fernsehshow. Den Gefallen habe ich ihnen nicht getan.« (S. 88)

In diesem Roman wird die Universität als eine Institution dargestellt, die keine wahre Sorge um die Studentin zeigt und sich nicht wirklich um das Geschehene kümmert. Eher wollte die Unileitung den äußeren Schein bewahren: Der Vater einer Studentin meldete ein Dienstvergehen und sie wollte zeigen, dass etwas gegen den Beschuldigten getan wurde. Falls David sich entschuldigt hätte, hätte er seine Stelle behalten können, als ob nichts passiert wäre.

     „Im Campus findet gerade eine Aktionswoche gegen Vergewaltigung statt. Women Against Rape (Frauen gegen Vergewaltigung), WAR, organisiert eine vierundzwanzigstündige Mahnwache als Akt der Solidarität mit den »Opfern der jüngsten Zeit«. Ein Flugblatt wird unter seiner Tür durchgeschoben: »frauen erheben ihre stimme«. Mit Bleistift ist unten darauf eine Botschaft gekritzelt: »deine tage sind vorbei, casanova.« (S. 58)

Dieses Wortspiel mit den Initialen der Studentengruppe (War = Krieg) finde ich ganz lustig. Ich habe das Gefühl, ich befinde mich in einem Krieg, seitdem die Verfahren gegen meinen ehemaligen Doktorvater angefangen haben.

Man könnte sich die Frage stellen, ob die Vergewaltigung von Lucy eine Art Gerechtigkeit oder Bestrafung des Lebens für David war. Er nutzte seine Position als Professor aus und dann musste er die brutale Vergewaltigung seiner Tochter machtlos miterleben. So kann er die Situation des Vaters Melanies verstehen. Der Vater von Melanie hat David konfrontiert. Sie wurde auch von ihrem Freund verteidigt und unterstützt. Im Gegensatz dazu hört man die Stimme des Opfers nicht. Wir Leser wissen nie, was Melanie über die ganze Situation – auch die Beziehung zu David– denkt oder fühlt, da der Er-Erzähler die Perspektive des Professors präsentiert. David kann sich jedoch vorstellen, dass Melanie die sexuellen Handlungen nicht ganz duldet. Eine Blog-Leserin hat mich auf diesen Zitat aufmerksam gemacht:

     “Es ist keine Vergewaltigung, nicht ganz, aber doch unerwünscht, gänzlich unerwünscht. Als hätte sie sich entschlossen, ganz schlaff zu werden, sich tot zu stellen, solange es dauert, wie ein Kaninchen, wenn die Fänge des Fuchses sich in seinem Nacken verbeißen. So daß alles, was man mit ihr macht, sozusagen weit weg geschieht.“ (S. 35)

Nach der Beschuldigung schafft David es nicht mehr, mit seiner Studentin zu reden. Die Rolle von Melanie ist sehr passiv entlang des Romans. Der Fall von Lucy ist anders: Sie resigniert und kapituliert. Sie denkt, das musste sie machen, um die Farm zu behalten. Bei ihr spürt man den ganzen Schrecken eines solchen Erlebnisses. Der folgende Zitat hat mich besonders beeindruckt:

     »Haß... Wenn es um Männer und Sex geht, David, da überrascht mich nichts mehr. Vielleicht finden Männer Sex aufregender, wenn sie die Frau hassen. Du bist ein Mann, du solltest es wissen. Wenn du Sex mit einer Unbekannten hast – wenn du sie packst, sie unter dir festhältst, dein ganzes Gewicht auf sie legst – ist das nicht ein wenig wie Töten? Das Messer hineinstoßen; wie aufregend, wenn man danach den blutbefleckten Körper zurückläßt – ist das nicht ein Gefühl wie beim Morden, wie ungestraft morden zu können?« (S. 206).

Aus der Kapitulation von Lucy mit den Verbrechern und der ungewissen Zukunft des Professors ergibt sich eine hoffnungslose Perspektive, die das Buch verstörend macht. Vor der Vergewaltigung seiner Tochter hatte David Lurie schon vieles verloren: seinen Job, seinen Ruf und die Möglichkeit, an einer anderen Uni zu arbeiten. Nachher gibt es einen Bruch zwischen Lucy und ihm. David verliert auch die Vertrauensbeziehung zu seiner Tochter.

     »Lieber David, Du hast mir nicht zugehört. Ich bin nicht der Mensch, den Du kennst. Ich bin ein toter Mensch, und ich weiß noch nicht, was mich wieder ins Leben zurückführen wird. Ich weiß nur, daß ich nicht fortgehen kann.
     Du begreifst das nicht, und ich weiß nicht, was ich noch tun soll, damit Du es begreifst. Es ist, als hättest Du freiwillig beschlossen, in einer Ecke zu sitzen, wo die Sonnenstrahlen nicht hindringen. Für mich verhältst Du Dich wie einer der drei Affen, der mit den Pfoten über den Augen.“ (S. 209)

Bei der ersten Lektüre – und vor allem am Anfang – des Romans nervte mich der Stalker-Stil des Professors. Nicht nur hat er die Prostituierte Soraya verfolgt, sondern er hatte die  Initiative gegenüber seiner Studentin Melanie und war sehr aufdringlich. Nachdem ich in Ungnade gefallen bin, kann ich mich paradoxerweise mit ihm und seiner Situation identizifieren. Lurie verliert alles, er zieht um und muss sich an ein neues Leben gewöhnen, das ihn nicht ganz überzeugt. Seine Ziele bestehen aus Fantasien und Träumen, die zu nichts Konkretem führen – wie seine Oper über Lord Byron.

Opfer oder Überlebende sexueller Gewalt, die Empowerment, Trost und Hoffnung suchen, werden sie in diesem Buch nicht finden. Das Buch ist einfach zu lesen im sprachlichen Sinne, aber die behandelten Themen sind schwierig zu verdauern. Es hat mich gleichzeitig entsetzt und fasziniert. Deswegen widmete ich ihm eine zweite Lektüre.
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Alle Quellenangaben beziehen sich auf die folgende Ausgabe:

Coetzee, J. M. (2000): Schande. Frankfurt am Main: Fischer.

Kommentare:

  1. Weißt Du.... Ich finde es nicht so unglaubwürdig, dass David hier die Verlogenheit der anderen Professoren schlimmer findet als seine eigene Tat, und dass er eine Entschuldigung verweigert hat, auch wenn er seine Stelle mit einer Entschuldung hätte retten können.

    Von der psychologischen Aussage her, war das Thema Verlogenheit des Systmes dem Autor vielleicht sogar wichtiger gewesen als das Thema Vergewaltigung selbst, wenn man bedenkt, dass die Handlung in Südafrika abspielt.

    Ich kann das sogar als Opfer ein Stück weit verstehen. Ich finde mittlerweile, dass ich durch so manche Reaktion des Umfeldes mehr geschädigt wurde als durch die Tat selbst. Und das ist noch Deutschland, wo die Gesellschaft sexuelle Gewalt eigentlich nicht mehr toleriert. (In Südafrica gibt es z.B. eine Studie, wo 1/4 der gefragten Männer angegeben hatten, dass sie schon mal eine Frau vergewaltigt hatten. Und 1/3 der Frauen gaben an, schon mal vergewaltigt geworden zu sein. Vergleich auch der Sex-Prozss um Zuma.)

    Wir hatten in der Politikstunde in der Schule Rollenspiele gemacht. Da haben wir gelernt, dass hinter jeder politischen Forderung auch eigene Interessen mitspielen. Eine Delegation eines Landes spricht keinesfalls für das Gesamtvolkes des Landes - sondern z.B. nur für die wahlberechtigte Schicht.

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  2. ..das ist übrigens eine ganz normale Reaktion, dass man "sich tot stellt", es duldet, zumindest dann, wenn man traumatisiert wird:

    "Ein Trauma ist dadurch gekennzeichnet, dass es überwältigend ist, d.h. nicht mit den üblichen Strategien handhabbar gemacht werden kann. Seele und Körper können der Situation nicht entgehen, weder Flucht noch Kampf (flight or fight) sind möglich. Die Seele greift dann zu einer Notfall-Reaktion, indem sie „dissoziiert“ (Dissoziation=Abspaltung). Dies ist eine Art Flucht nach innen, um das Erleben auszublenden, sich vor Schmerz und Ohnmacht zu schützen. Ein Mechanismus, der hilft nichts mehr zu fühlen, sondern Unerträgliches abzuspalten, vielleicht sogar ganz zu vergessen. Dies entspricht dem Totstell-Reflex im Tierreich, wenn ein Tier sich massiv bedroht fühlt." Quelle: (Spangenberg, Ellen. (2008). Trauma und Bewältigung. Kassel Ellen Spangenberg ist Fachärztin für Allgemeinmedizin mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie).

    "Manche habe Alpträume und Schlafstörungen, andere erleben vor ihrem inneren Auge immer wieder das schlimme Erlebnis und es hat den Charakter, als ob es noch einmal passiert, obwohl derjenige schon weiß, dass es eigentlich Vergangenheit ist - doch es fühlt sich nicht so an. Wenn man sich das Modell der Informationsverarbeitung noch einmal vor Augen ruft und dazu an Forschungen u.a. von B. van der Kolk denkt, die zeigen, dass das Sprachzentrum eine ungewöhnlich geringe Aktivität zeigt, wenn Betroffene über das erlebte Trauma versuchen zu sprechen, wird klarer, dass die Weiterleitung der Informationen über das Trauma nicht an das Sprachzentrum weitergeleitet werden bzw. dort nicht verarbeitet werden. Die ganzen Sinneseindrücke und Gefühle bleiben also praktisch in den Amygdala "stecken" und es ist physiologisch so, als ob derjenige beständig in der alten Gefahrensituation ist. Es scheint so, als ob unser Gehirn ab einem gewissen Ausmaß intensiver Gefühle von Angst, Wut, Scham, Schmerz und Trauer seine übliche Verarbeitungsprozedur nicht mehr durchführen kann." Quelle: http://www.hausarzt-vluyn.de/html/traumatherapie_dr_med__jens_bo.html.


    Schön, dass Du etwas zu diesem Buch geschrieben hast, denn ich finde es sehr gut.
    Melanie wurde für mich vergewaltigt, denn ihr Verhalten zeigt Symptome einer Traumatisierung.

    Das Totstellen ist ja eine Art Schutzmechanismus in dem Sinne, dass man Angst hat, dass wenn man sich zu stark bewegt, man innere Verletzungen davonträgt. Das ist normal, nur für die Justiz ist es dann wahrscheinlich keine Vergewaltigung, weil man keine Gegenwehr versucht hat.

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  3. ...hier noch mal was zum Lesen:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14333818.html
    Dort heißt es:
    "Mord an der Seele" nennt der Anti-Vergewaltigungsfilm "Der Schrei aus der Stille" das Männer-Delikt. Jede Vergewaltigung gefährdet die physische, psychische und soziale Identität des Opfers. Sie ist, so der Münchner Kriminologe Kurt Weis, "der totale Angriff auf die ganze Person".

    "Keine Straftat ist derart mit Mythen und Vorurteilen belastet wie diese; keine Beschuldigung ist so leicht zu erheben, so schwer zu beweisen und so schwer zu entkräften."

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  4. Wo wir bei Mythen sind:

    Es gibt Vergewaltigungen auch in anderen Konstellationen, d.h. auch an Männer und auch von Frauen.

    Haruki Murakami: Im Norwegischen Wald

    (Da wird eine Lehrerin von einer lesbischen Schülerin vergewaltigt und anschließend vom Vater der Schülerin angezeigt).

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  5. David Lurie ist kein „Böser“, der absichtlich Frauen schadet. Er ist einfach egoistisch und denkt an seine eigenen Wünsche. Ihm fällt es nicht ein, dass er Melanie etwas Schlimmes antut. Mit Soraya passiert ihm dasselbe. Er hatte Lust, sie wieder zu sehen. Deswegen erkundigt er sich nach ihrer privaten Wohnadresse. Er denkt nicht, dass er sie in Schwierigkeiten bringen kann und dass er so aufdringlich wirkt. Diese mangelnde böse Absicht entläßt ihn aber nicht aus der Verantwortung seiner Tat.

    Die Ungerechtigkeit ist zu sehen, indem man ihn mit den Vergewaltigern von Lucy vergleicht. Ihre Motivationen und Handlungen sind ganz anders als die von David. Er hat einen höheren Preis für die Affäre mit Melanie bezahlt. Hingegen bleiben gefährliche Vergewaltiger frei und unbestraft. Niemand wagt, sie anzuzeigen, obwohl man weiß, wer sie sind.

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  6. Zum Kommentar vom 8. Mai um 18:58

    Ich denke auch, dass Melanie Symptome einer Traumatisierung zeigt, obwohl es David nicht bewusst ist. Außerdem hat sie Angst vor ihm. Ansonsten würde sie zu einer Sitzung seines Seminares nicht in Begleitung ihres Freundes gehen. Ich interpretiere, dass ihr Vater sie ermutigt hat, das Schweigen zu brechen, weil sie es selbst nie gewagt hätte. Trotzdem will David glauben, dass Melanie manipuliert wurde.

    „Melanie hätte von sich aus einen solchen Schritt nicht getan, davon ist er überzeugt. Sie ist dafür zu unschuldig, kennt ihre Macht nicht. Er muß dahinterstecken, der kleine Mann in dem schlecht sitzenden Anzug, er und Cousine Pauline, die Unattraktive, die Anstandsdame. Sie müssen ihr das eingeredet haben, sie bearbeitet haben, und dann sind sie schließlich mit ihr zum Studentensekretariat marschiert.“ (S. 53)

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  7. ...ja, nur dies ist auch sehr gefährlich, denn ich wurde auch von meinem Vater ermutigt, meinen Täter anzuzeigen.

    Das wird dann in einem Strafverfahren negativ ausgelegt (ich betone: das Disziplinarverfahren hat nichts damit zu tun), denn dann heißt es, dass man die Anzeige NICHT aus freien Stücken geschaltet hat. Das ist natürlich Blödsinn, denn eigentlich möchte man vor Erstattung der Anzeige nur auch seine Eltern informieren, damit sie das nicht aus der Zeitung heraus erfahren und sich dann "hintergangen" fühlen, sie würden sich verletzt fühlen, denn sie glauben ja, dass man ihnen vertraut.

    Auch dies ist also ein Teufelskreis, denn ich würde niemals so einen Schritt machen (Anzeige), ohne meinen Mann und meinen Vater zu informieren. Als ich damals auf einer Tagung war und merkte, dass ein Übergriff absehbar ist, habe ich bei meinem Papa angerufen und bei meinem Mann und sie gefragt, ob sie mich abholen können, doch sie wussten ja nicht, warum ich wirklich dort weg wollte und sie sagten mir, dass das doch einen schlechten Eindruck bei meinem Chef hinterließe, wenn ich vorzeitig fahre. Ich solle mich zusammenreißen und noch bis Freitag durchhalten. Und dann ist es Donnerstagnacht zu einem Übergriff gekommen und im Nachhinein sagen sie: Warum hast Du nichts gesagt?

    Ich denke, ich wollte das Problem einfach vermeiden, wollte es nicht ansprechen, weil ich unsicher war, denn bis zu den Telefonaten war es ja noch NICHT zu einem Übergriff gekommen und deshalb wollte ich nur präventiv weg. Ich glaube, dass alles hätte anders werden können, wenn mich damals jemand abgeholt hätte, und ich sage gleich dazu: dadurch, dass ich aus Sorge zwei Nächte nicht geschlaffen hatte, ging es mir total schlecht, um alleine zu fahren, außerdem hatte ich Angst davor, dass meine Eltern mir die frühzeitige Rückkehr übel nehmen und mein Chef auch.

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  8. Gerade gefunden: http://www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/graz/2730735/jetzt-muss-opfer-vor-gericht.story

    Ich lasse jetzt mal so stehen, dass als das Disziplinarverfahren gegen meinen Prof losging, mich jemand drauf ansprach, dass der Prof seinen Rechner hat konfigurieren lassen. Das habe ich damals durch den Flurfunk gehört, bzw. Leute haben mich gefragt, ob ich wüsste, warum X, der Medienbeauftragte, bei ihm war.

    Ich ärgere mich so doll darüber, dass mein Rechner damals ca. sechs Monate vor Beginn des Verfahrens abstürzte, denn ich hatte Skype-Protokolle, die sehr belastend waren.

    Zwar habe ich der Staatsanwaltschaft gesagt, sie sollen diese Protokolle versuchen anzufordern, doch in diese Richtung wurde nicht ermittelt. Aber die Ermittlungstätigkeit allgemein war nicht unbedingt sehr intensiv. Wundern tut es mich in der Nachschau auch nicht wirklich.

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  9. Das ist auch gefährlich, weil es schwarze Schafe auf beiden Seiten gibt, und man letzendlich nicht wissen kann, wie die Wirklichkeit war. Es geht immer nur um Interpretationen und Entschätzungen.

    Deine Idee, dass an der Uni immer der Chef die Verantwortung übernehmen soll, kann auch nach Hinten gehen. Angenommen, eine relativ junge Dozentin (weltfremde, brave, schöne Frau, die sehr zielstrebig an ihre Karriere gearbeitet hatte, und Männer nicht als Männer sah) wird von einem ebenfalls gutaussehenden, charismatischen Studenten vergewaltigt. Man kann aber strafrechtlich eine Vergewaltigung nicht nachweisen. Also wird das als einvernehmliches Sex gewertet. Muss die Dozentin jetzt entlassen werden?

    Ich selber habe auch schon mal brenzlige Situationen erlebt, wo ein Junge vor mir plötzlich exobistisch wurde. Ich fühlte mich dadurch sehr belästigt und hatte Angst. Und trotzdem war die Sorge größer, dass wenn eine falsche Person das sieht und die Situation falsch interpretiert, ich dann eine Missbrauchsanzeige am Hals hätte, und dass vielleicht keiner mir dann glaubt. Auch wenn es sich hinterher rausstellt, dass da nichts war, ist ja so eine Anzeige stigmatisierend und könnte sozial gravierende Folgen haben.

    Im Übrigen ist eine Traumatsieriung ist kein Beweis für eine Vergewaltigung im juristischen Sinne, weil man auch durch Unfälle (oder aber auch Naturkatastrophen, Krieg usw.) traumatisiert werden kann.

    Spntan hatte ich beim Roman eher gedacht, dass es um Verlust von verlogener Macht geht, und wie ein Mensch dran zerbricht, wenn sein Wolkenhaus zusammenbricht.

    Dass die Weißen dort nicht mehr die Privilegien hatten, wie früher. Dass die Universität, mit welcher er sich identifiziert hatte, in der Gesellschaft nicht mehr die Authorität hatte, wie früher (früher durften nur die Weißen und Priviligierten studieren). Dass sein eigentliches Fach nicht mehr gefragt war (da kolonial) und er was Praktischeres, Zukunftsweisendes unterrichten musste, womit er sich nicht wirklich identifizieren konnte. Und dann sollte er sich entschuldigen bei einer Uni-Instanz, welche selbst auch nur an ihrer früheren Macht klebte, welche aber objektiv nicht mehr wirklich vorhanden war (während Apartheid hätte keiner einem Professor kritisiert, wenn er mit einer farbigen Frau geschlafen hätte). Trotzdem tat es ihm weh, da von der Uni weg zu müssen, weil das lange sein Anker war.

    Dann erlebt er, wie machtlos er ist, gegenüber den brutalten Vergewaltigern. Hier ist es bezeichnend, dass es sich um Schwarze handelt - insbesondere da man hier ein moralisches Dilemma hat, ob die Wegfall der weißen Macht auch bedeutet, dass die Polygamie als Kultur akzeptiert werden muss. Auch hätte eine weiße Frau früher bei einem Vergewaltigungsprozess in Südafrika viel bessere Chancen gehabt, da die Schwarzen keine Rechte hatten - nun ist es aber anders. Schließlich verliert er noch die Macht über seine Tochter, weil sie ihm nicht mehr vertraut. Letzendlich verliert er alles - und weiß nicht, was er nun stattdessen machen kann, wenn er gänzlich ohne Macht einfach nun als ein Mensch leben muss.

    Und das berührt mich dann auch, weil ich ja früher letzendlich irgendwo auch diese Macht angestrebt hatte (gutes Zeugnis, gute Stelle, und durch diese gesellschaftliche Stellung mir Einfluss und Respekt verschaffen usw.), und jetzt - als Opfer - auch überlegen musste und weiterhin muss, wie ich sozusagen nun ohne diesen Schutz als ein einzelner, nackter Mensch leben und überleben kann. Und ich will ja nicht wie Lurie mein Leben beenden, sondern eine Zukunfsperspektive finden. Diese Art Leben ist nämlich zwar sehr befriedigend aber auch sehr anstrengend.

    Und ich sage mir auch, dass mein Täter - auch wenn er strafrechtlich nicht verurteilt wurde - irgendwann mal seine gerechte Strafe vom Himmel bekommen wird.

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  10. GANZ klar. Es geht nicht darum, dass immer der oder die Ranghöhere bestraft wird, sondern dass die Person dann bestraft wird, wenn nachweisbar ist, dass die Lehrperson den Schüler in eine private Beziehung verwickelt hat, wenn nachweisbar ist, dass der Prof eine private Beziehung iniitiert hat, denn das ist der eigentliche Problembereich.

    Sonst könnte man ja jeden verleumden. Mir ist es selbst passiert, dass ein Student etwas von mir wollte, er kam in alle meine Seminare, obwohl er sie nicht brauchte, machte meine Vorlesung öfters, versuchte mich auf dem Flur abzupassen, kam ständig vorbei. Mailte mir andauernd etc.

    Also so ohne Weiteres eine Verurteilung durch ein Verwaltungsgericht zu bewirken, ist nicht möglich, sondern der Nachweis zur Aktivität seitens der Lehrperson, ständig Dienstliches und Privates unagemessen zu vermischen, muss schon nachweisbar sein. Durch E-Mails, SMSen, vielleicht Zeugenaussagen. Stellt sich dann aber heraus, dass der Professor oder natürlich auch die Professorin private Interessen verfolgt, dann liegt das Dienstvergehen vor.

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  11. „...ja, nur dies ist auch sehr gefährlich, denn ich wurde auch von meinem Vater ermutigt, meinen Täter anzuzeigen.

    Das wird dann in einem Strafverfahren negativ ausgelegt (...), denn dann heißt es, dass man die Anzeige NICHT aus freien Stücken geschaltet hat.“

    Ich finde es sehr schwierig, dass ein Opfer ohne Ermutigung von Anderen, Begleitung und Unterstützung einfach so eine Strafanzeige erstattet. Wenn ich mich daran erinnere, wie schlecht ich mich direkt nach dem Vorfall fühlte, merke ich, dass ich keinesfalls allein zur Polizei gegangen wäre. Ich hatte zu große Angst. Ich wusste, ich könnte nachher nicht mehr kontrollieren, was passieren würde und hatte keine Ahnung, was dies wäre.

    Es gibt viele Opfer, die verschiedene Leute haben, die sie zu einer Anzeige ermutigen, sie machen es aber nicht. Dies bedeutet nicht, dass sie mitschuldig sind oder dass kein Delikt geschehen ist! Es gibt auch andere Opfer, die aus verschiedenen Gründen von ihren geliebten Menschen eher entmutigt werden. Für diese ist es noch schwieriger. Der Schritt der Anzeigeerstattung ist nicht angenehm und es gegen den Willen von den Personen, die dem Opfer wichtig sind, zu unternehmen ist fast unmöglich. Ich frage mich, wieviele Opfer Strafanzeigen 100% ohne Unterstützung machen (vermutlich fast keins).

    Wenn man auflistet, was in einem Strafverfahren alles negativ gegenüber dem Opfer ausgelegt wird, wird es klar, dass solche Verfahren die Realität des Opfers nicht betrachten. Dies sind die Implikationen der Täterorientierung des Strafrechts. Alle pychologischen Fortschritte bezüglich sexueller Gewalt und Traumaforschung spielen eine sehr geringe Rolle in der juristischen Praxis.

    Ein interessantes Buch, das beide Aspekte verbindet, ist „Trauma und Justiz: Juristische Grundlagen für Psychotherapeuten – psychotherapeutische Grundlagen für Juristen“ von Kirsten Stang und Ulrich Sachsse. Ich bin weder Psychotherapeutin noch Juristin, fand aber das Buch sehr leserfreundlich und einfach zu verstehen, vor allem weil ich mich am Anfang des Verfahrens in einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie befand.

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  12. Ein Strafverfahren ist eine Welt für sich, welche ihre eigenen Regeln haben, welche mit der psychologischen Realität der Menschen nichts zu tun haben.

    http://www.abendblatt.de/region/article1622909/Staatsanwalt-fordert-Freispruch-im-Vergewaltigungsprozess.html

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