Freitag, 1. April 2011

Strafverfahren: Bielefeld (seit 2009) – Teil 3

Dieser Post behandelt die Proteste bezüglich der Aufhebung der Suspendierung des ehemaligen Bielefelder Dekans, gegen den ein Strafverfahren wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung einer Doktorandin läuft. Vom Verwaltungsgericht Münster wurde er bereits zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt. Die Legitimität der Proteste – vor allem der studentischen Proteste – sind aktuell ein Thema an der Universität Bielefeld und haben deswegen Aufmerksamkeit verdient. Ich berücksichtige den aktuellen Stand und habe vor, über diesen Fall weiter zu berichten, wenn es Neuigkeiten gibt.

Fakten: Nachdem die Universität Bielefeld die Suspendierung des ehemaligen Dekans aufgehoben hat, haben sich einige Institutionen zur Sache geäußert. Der Weiße Ring, der Frauennotruf, der Verein Wildwasser, die Frauenberatungsstelle und die Frauen-Union der CDU haben im November 2010 einen offenen Protestbrief unterschrieben. In diesem Brief wird der Machtmissbrauch durch diesen Professor an der Uni hervorgehoben und seine Beurlaubung aufgrund seiner disziplinarrechtlichen Verurteilung gefordert. Dieses Jahr gingen die Proteste weiter mit einer Flugblatt-Aktion, die aus einer Initiative von Studenten entstanden ist und zum Boykott aufrief. Die Flyer enthielten Informationen über die Vorwürfe gegen den Professor und verwiesen auf eine Internetseite, welche die Situation im Detail sowie die Schritte zum geplanten Boykott erklärte. Der anonyme Charakter der Flugblätter und der Webseite führte zur Kontroverse. Gemäß Berichten soll die Universität Bielefeld Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts einlegen und bereit sein, je nach Resultat des Strafverfahrens weitere Sanktionen zu ergreifen. Inzwischen wird der Professor im April zur Uni zurückkehren und wieder unterrichten.

Quellen:
Kommentar:
Der in der Presse sogenannte „Sex-Skandal“ der Uni Bielefeld ist praktisch der Fall Kachelmann im Hochschulbereich. Die große Aufmerksamkeit der Medien und die Stellung der öffentlichen Meinung für oder gegen die Doktorandin (nicht für den Professor!) in den vielen Kommentaren zu den Artikeln zeigen die Problematik bei Sexualdelikten, wenn sie an die Öffentlichkeit gebracht werden. Jeder will Richter spielen und anhand der in der Presse vorhandenen Informationen entscheiden, ob die betroffene Frau ein Opfer oder eine Lügnerin ist. Trotz dieser Situation ermöglicht es die Öffentlichkeit, das Tabu um das Thema zu brechen und die Universität sowie die Gesellschaft aufmerksam darauf zu machen, dass es immer wieder solche Fälle gibt und dass man darüber nachdenken muss, wie man richtig mit diesen Fällen umgehen soll.
Bewundernswert finde ich die Solidarität, die die Studenten der Uni Bielefeld gegenüber der Doktorandin gezeigt haben, wie man in einem offenen Brief an die Unileitung und an den Protesten wegen der Rückkehr des verurteilten Professors sehen kann. Es wäre nachvollziehbar, dass sich die Studenten aus Angst vor den Konsequenzen oder weil sie nicht betroffen sind, der Unterstützung enthalten würden, was jedoch nicht der Fall ist.
Proteste, Demonstrationen und Flugblatt-Aktionen sind legitim in einem demokratischen Staat und mehr als die Frage, ob ein Boykott gerechtfertigt ist oder nicht, ist es wichtiger zu erörtern, dass die Studenten die Wahl haben sollten. Wenn sie Information über den Fall haben, können sie entscheiden, ob sie eine Lehrveranstaltung bei diesem Professor besuchen wollen oder nicht.
In Anbetracht der Tatsache, dass der Professor disziplinarrechtlich verurteilt wurde und gegen ihn immer noch ein Strafverfahren läuft, wäre eine weitere Bestrafung noch möglich, was Konsequenzen für die von ihm abhängigen Studenten hätte. Dies sollte den Studenten bewusst sein und es ist besser so, als was in Hamburg passiert, wo die anderen Doktorandinnen und die von meinem Doktorvater betreuten Studentinnen der Uni zu Recht vorwerfen können, dass sie keine Ahnung von den Verfahren gegen ihren Betreuer hatten, was auch ihre akademische und persönliche Zukunft beeinflussen könnte. Weder ich noch diese Doktorandinnen haben die Wahl zu entscheiden, was am besten für unsere Laufbahn ist und was wir mit unseren Promotionsstudien machen wollen. Hingegen hat es die Öffentlichkeit den Studenten der Uni Bielefeld ermöglicht, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.

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