Dienstag, 1. März 2011

Über die fehlende Anonymität und andere Indiskretionen


              Ist die Anonymität für Hilfesuchende gewährleistet?

Überall bei Beratungsstellen für Opfer sexueller Gewalt habe ich gelesen, dass man sich „anonym“ an eine solche Hilfeeinrichtung wenden könnte. In meinem Fall sah ich jedoch von dieser Anonymität nichts. Als ich zum ersten Mal bei der Kontaktstelle bei sexueller Diskriminierung und Gewalt der Universität Hamburg angerufen habe, wurde mir mitgeteilt, die Gleichstellungsbeauftragte der Universität sei die einzige Ansprechpartnerin in solchen Fällen. Ich musste sie mehrmals anrufen, bevor ich sie erreichen konnte, da ich mich nicht getraut habe, meine Telefonnummer zu hinterlassen. Wenn ich nicht so überzeugt gewesen wäre, den Vorfall mit meinem Doktorvater zu melden, hätte ich nach dem ersten oder zweiten Versuch, sie zu erreichen, aufgehört.

Die meisten Opfer sexueller Übergriffe schwanken lange, bevor sie den Schritt machen, das Schweigen zu brechen und Hilfe zu suchen. Viele machen dies, nachdem eine andere Person sie dazu ermutigt. Deswegen denke ich, zu viele Hindernisse in der Kommunikation mit den Hilfeeinrichtungen können ein Grund sein, weswegen die Opfer die von ihnen erlebten sexuellen Übergriffe nicht melden. Ein anderer wichtiger Grund dafür könnte die fehlende Anonymität sein. Mir wurde die Möglichkeit anonym zu bleiben nie angeboten. Ich habe bei der Gleichstellungsbeauftragten, den Beratungsstellen für Opfer sexueller Gewalt und anderen Institutionen viel mehr Informationen und persönliche Daten angegeben, als ich das zuvor erwartet habe.

Als Beispiel kann ich meine Erfahrung mit dem Weißen Ring erwähnen. Im März 2010, vor der Eröffnung des Disziplinarverfahrens gegen meinen Doktorvater, habe ich ein paar Mal bei der Zentrale angerufen und niemand hat abgehoben. Danach habe ich nicht mehr versucht bis Juni 2010, als ich mich über eine rechtsanwältliche Vertretung erkundigen wollte. Damals wurde mein Anruf entgegengenommen. Die Mitarbeiterin wollte nicht nur meinen Namen, Adresse und Telefonnummer wissen, sondern auch die Aktenzeichen des Strafverfahrens gegen meinen Professor. Ich fragte, ob sie diese Information wirklich brauche und sie antwortete in einem nicht so sympathischen Ton, dass der Weiße Ring mir ohne diese Daten nicht helfen könne. Ich bin nicht sicher aus welchem Grund sie die Information benötigte und was sie mit ihr gemacht hat.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits die schlechte Erfahrung an der Uni Hamburg gemacht. Ich dachte am Anfang, nachdem ich die Webseite über die Kontaktstelle bei sexueller Diskriminierung und Gewalt gelesen habe, dass ich meine Anonymität bewahren könnte, bis ich sicher war, welche juristischen Schritte ich gegenüber meinem Professor unternehmen wollte. Eigentlich beabsichtigte ich vor allem am Anfang Information über meine Handlungsmöglichkeiten hinsichtlich meiner schwierigen Lage einzuholen. Das Ergebnis war: nach dem ersten persönlichen Gespräch mit der Gleichstellungsbeauftragten kannte sie und eine Anwältin, die auch beim Gespräch anwesend war – was ich auch nicht erwartete – meinen Namen, Heimatland, Fachbereich, den Namen meines Doktorvaters, seine damalige Leitungsstelle an der Uni und viele Daten meiner Zweitgutachterin.

Nach dem zweiten Gespräch bekam ich den Entwurf eines Protokolls, das anonymisiert war, aber in allen anderen Mitteilungen der Uni bezüglich des Disziplinarverfahrens habe ich alle Arten von Daten gesehen: Vollnamen, genaue Adressen, Geburtsdaten und –orte. Einmal wurde ich nach meiner Stipendienzusage mit Angaben über mein genaues monatliches Einkommen gefragt. Ich dachte, das würde gebraucht, um meine Situation mit meinem Stipendiengeber zu lösen, damit ich den Betreuer problemlos wechseln konnte, aber später, als ich Einsicht in die Akten des Strafverfahrens hatte, entdeckte ich diese Zusage unter den Dokumenten, die für die Erstattung der Strafanzeige abgegeben wurden. Ich war fassungslos, weil ich plötzlich den Eindruck hatte, dass mein ganzes Leben in den Händen von Anderen war. Ich wusste nicht was sie mit diesen vielen Informationen machen würden und aus welchem Grund sie gebraucht werden.

Ich habe gelesen (bwsp. in der Opferfibel), dass ein Opfer seinen Wohnort geheim halten könnte, wenn es Angst davor hat, dass der Täter diese Information erfährt. In meinem Fall kannte mein Doktorvater schon meine Anschrift, als ich allein in Hamburg wohnte, aber es gab mehrere Personalien und Informationen, deren Weitergabe ich mir nicht wünschte. Ich habe erlebt, dass mein erster Anwalt sein Mandatsgeheimnis verletzt hat und über meine Polizeivernehmung und den Grund der Beendigung des Mandatsverhältnisses mit Dritten gesprochen hat. Außerdem hat die Polizeibeamtin, die mich vernommen hat, meiner damaligen Zweitgutachterin meinen Familienstand sowie den Wohnort und die Staatsangehörigkeit meines Ehemannes mitgeteilt. Es geht nicht darum, dass ich verbergen möchte, dass ich verheiratet bin, aber ich kannte nichts vom Privatleben dieser Professorin und ich finde keinen Grund weshalb sie meins kennen sollte. Dieser „Informationsaustausch“ geschah später in beide Richtungen. Nach der Einsicht in die Akten kenne ich nun die fünf Namen dieser Professorin, ihre Wohnadresse und ihre private Telefonnummer.

So viele Informationen zu geben finde ich bedenklich, als ob es nicht schon unangenehm genug wäre, eine Menge Details bei diesen Vernehmungen und Anhörungen zu erzählen. Ich frage mich, ob die Anonymität ein Mythos ist oder tatsächlich existiert, obwohl niemand mir erlaubt hat, diese Möglichkeit wahrzunehmen. Hatte ich Pech und bin ich im Laufe dieser Verfahren einfach allen indiskreten Personen begegnet? Ich glaube, man sollte sich zunächst sicher sein, welche Daten für die Beratungsstellen überhaupt notwendig sind und weshalb. So viele Fragen zu beantworten und dann zu erfahren, dass die Daten an Dritte weitergegeben wurden, stärkt das Vertrauen der Opfer keinesfalls und kann zur Folge haben, dass viele aus Angst vor dieser Weitergabe von Information das Schweigen nicht brechen. Nachdem man dies macht, fängt etwas an, was man nicht kontrollieren kann; ein Weg, auf dem man herumtastet, ohne zu wissen, was er ist oder wohin er führt.

1 Kommentar:

  1. Auch ich habe die schlechtesten unglaublichsten Erfahrungen mit dem Weißen Ring gemacht. Es gibt keinerlei Beschwerdemöglichkeiten innerhalb des Vereins, d.h. wenn man mit einer Person dort ein Problem hat (weil sich diese als inkompetent oder nicht geeignet für die eigenen Belange herausstellt) und dies kundtut und offen nach Alternativmöglichkeiten sucht (z.B. einem anderen Berater zugewiesen zu werden), wird man sofort, ähnlich wie in einer Sekte, geblockt, fallengelassen und als "persona non grata" behandelt - es gibt keinerlei funktionierende Strukturen von Qualitätskontrollen der Mitarbeiter dort. Mir sind dort sehr verlogene, unglaubwürde und alles andere als vertrauenswürdige Personen begegnet. Ich kann nur allen raten, äußerst vorsichtig mit diesem "Verein" zu sein.

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