Donnerstag, 10. März 2011

Ein Pyrrhussieg


Anscheinend war die Abgabe meiner Dissertation kein Grund zum Feiern...

Nachdem ich vier Monate lang nicht gewusst habe, wie es mit meiner Dissertation an der Uni Hamburg weitergehen wird, habe ich mich sehr gefreut, als der Promotionsausschuss des Fachbereiches meine damalige Zweitgutachterin als Erstgutachterin meiner Dissertation einsetzte. Dies war nicht einfach zu schaffen und wenn ich nicht dafür gekämpft hätte, hätte ich meine Promotion verloren.

Die Geschichte mit meiner damaligen Zweitgutachterin und heutigen Erstgutachterin war von Anfang an ziemlich unglücklich. Als ich Interesse an einer Promotion im von ihr gelehrten Fach an der Uni Hamburg hatte, habe ich mich per E-Mail an sie gewandt. Sie hat mir nur geschrieben, ich solle mich in ihre Sprechstunde eintragen und äußerte sich nicht über meine Forschungsidee. Leider konnte ich keinen kurzfristigen Termin finden. In der Zwischenzeit habe ich dann meinen Doktorvater kennengelernt. Er zeigte sich sehr interessiert an meinem Forschungsprojekt, hat mir damals sehr geholfen und machte alle Schritte für meine Einschreibung als Promovendin sehr einfach und unbürokratisch. Es ist für mich sehr enttäuschend, dass eine akademische Beziehung, die so gut angefangen hat, zu einem sexuellen Delikt geführt hat.

Ich habe mich von der Liste der Sprechstunde dieser Professorin gelöscht, bevor ich sie kennenlernte. Ich traf sie dann bei der ersten Sitzung des Doktorandenkolloquiums im Sommersemester 2008. Die Doktoranden und viele andere Studenten haben eine sehr positive Meinung von ihr und sagen, sie sei eine hervorragende Betreuerin und biete in ihren Seminaren erstklassigen Unterricht an.

Nach dem sexuellen Übergriff durch meinen Doktorvater wollte ich natürlich den Betreuer wechseln. Ich hatte ein Gespräch mit der Professorin, weil ich sie um ein Gutachten für meinen Stipendiengeber gebeten habe. Damals hat sie mir ganz klar gesagt, sie gebe mir dieses Gutachten nur weil ich es für das Stipendium brauche, aber ich könne keine Beratung von ihr erwarten. Ich fand sie so wenig empfänglich, dass ich mich ihr nicht offenbaren konnte.

Einige Zeit später hat mein Doktorvater mir gesagt, diese Professorin äußere sich oft in negativer Weise über mich. Sie sei dagegen gewesen, dass ich einen Lehrauftrag an der Uni übernehme, weil sie meinte, mein Deutschniveau sei sehr tief. Andererseits habe sie mich nie wie die anderen Doktoranden behandelt, da sie mich immer zu den 15-minütigen Sprechstunden mit den anderen Studenten schickte. Im Gegensatz dazu hätten die Doktoranden von ihr bei ihm immer problemlos einen Termin bekommen. Ich interpretierte dies damals als einen Versuch meines Doktorvaters, Zwietracht zwischen dieser Professorin und mir zu säen. Für ihn, der mich zurzeit nötigte, war es ratsam, mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich keine Hilfe holen könnte und es war klar, dass im Fall eines Betreuerwechsels meine Zweitgutachterin als erste Wahl in Frage kommen würde. Sie und mein Doktorvater sind die einzigen Professoren, die eine Dissertation zum von mir gewählten Thema betreuen konnten.

Im Februar 2010, als ich keinen Ausweg sah, habe ich mich trotzdem an sie gewandt, obwohl ich wusste, es war unwahrscheinlich, dass sie mich betreuen würde. Ich habe ihr meine Ehrlichkeit angeboten, aber keine Details über den Vorfall, weil es mir schwer fiel und ich es peinlich fand, diese intimen Sachen mit einer Professorin zu besprechen, mit der ich bis zu diesem Zeitpunkt nur vier oder fünf Mal gesprochen hatte. Sie war sehr überrascht, lehnte es aber ab, meine Dissertation zu betreuen.

Die Anstrengungen der Gleichstellungsbeauftragten der Uni in Bezug auf meinen Fall konzentrierten sich vor allem darauf, meine Zweitgutachterin zu überzeugen, die Betreuung meiner Dissertation zu übernehmen, was diese immer wieder ablehnte. Anscheinend war dies die beste und einfachste Lösung meines akademischen Problems, vor allem weil sie meine Arbeit bereits kannte. Die Uni hatte mir verboten, meinem Stipendiengeber oder anderen Professoren über die wahre Natur meines Problems mit meinem Doktorvater zu erzählen. Dies verhinderte, dass ich zu einer befriedigenden Lösung mit meinem Stipendiengeber kam, ohne das ganze Stipendium zurückzahlen zu müssen. Deswegen war es für mich nicht möglich, meine Promotion an einer anderen Uni weiter zu führen.

Ich muss zugeben, dass ich selbst darauf gedrängt habe, dass meine Zweitgutachterin meine Arbeit betreut. Schlussendlich hat sie dies auf Aufforderung der Uni hin gemacht, aber mit der Anmerkung, sie wäre nur Erstgutachterin und nicht Betreuerin. Da absolut keine andere Lösung in Sicht war, erklärte ich mich mit der Variante zufrieden und habe die praktisch unbetreute Doktorarbeit abgegeben, ohne im Voraus eine Rückmeldung dieser Professorin oder der anderen Gutachter zu erhalten.

Am Anfang war ich euphorisch, weil ich endlich meine Dissertation einreichen konnte. An diesem Tag habe ich gefeiert und hatte viele Hoffnungen für meine akademische Zukunft. Einen Monat später habe ich bemerkt, was für eine schlechte Entscheidung ich getroffen hatte. Die Dissertation, deren Betreuung von der Nötigung geprägt war, unter solchen Bedingungen abzugeben war ein Sprung ins Leere und ein Glückspiel, ähnlich wie der Fall der Rostocker Doktoranden. Außerdem hatte ich die Gelegenheit des wissenschaftlichen Austausches mit den anderen Professoren verpasst, obwohl ich bereit war, Verbesserungen an meiner Dissertation vorzunehmen.

Wenn sich die Lösung nicht auf diese Professorin konzentriert hätte, sondern auf die Situation mit meinem Stipendium, hätte ich mich an einer anderen Uni einschreiben können. In meinem aktuellen Wohnort – ich wohne nicht mehr in Hamburg – habe ich eine Professorin kennengelernt, die bereit gewesen wäre, die Betreuung meiner Dissertation zu übernehmen. Wenn die Uni mich nicht gezwungen hätte, das Geheimnis zu bewahren, hätte ich die Dissertation bei dieser Professorin weiter schreiben können. Damit wäre die Promotion für mich ein neuer Anfang, mit neuen Kommilitonen, neuen Professoren und einem anderen wissenschaftlichen Ambiente gewesen; entfernt vom Hamburger Drama und dem Strafverfahren gegen meinen Doktorvater.

Die Gelegenheit, meine Dissertation in Hamburg einzureichen, war definitiv ein Pyrrhussieg für mich, der mehr Nachteile als Vorteile gebracht hat. Ich weiß nicht, was mit meiner Dissertation an der Uni Hamburg passieren wird. Nach monatelangem Warten habe ich erfahren, dass die Prüfungskommission sich Mitte Februar getroffen hat, um die Note meiner Dissertation festzulegen. Meine Erstgutachterin weigert sich, mir mitzuteilen, ob die Arbeit angenommen oder abgelehnt worden ist. Dies mit der Begründung, sie sei nicht meine Betreuerin...

Jetzt frage ich mich, ob ich nach einem dreieinhalbjährigen Studium an der Uni Hamburg mit einem Gutachten von dieser Professorin rechnen kann und was ich potentiellen Arbeits- und Stipendiengebern über diese außergewöhnliche Situation erzählen kann. Ich bin auch besorgt, weil mein Doktorvater noch an der Uni Hamburg tätig ist und mit anderen Professoren der Prüfungskommission sprechen kann, während meine Stimme zum Schweigen gebracht wurde.

Ich bedaure, die positive Seite meiner Erstgutachterin nicht kennengelernt zu haben und wünsche mir immer noch, nicht nur schlechte Erinnerungen an die Universität Hamburg und ihre Professoren in mein weiteres Leben mitzunehmen.

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