Samstag, 26. März 2011

Ein Jahr des Disziplinarverfahrens


Mein Hamburger Kalender vor einem Jahr

Heute vor einem Jahr hat das Disziplinarverfahren gegen meinen Doktorvater angefangen. Es freut mich nicht, an dieses Datum zu denken. Die Erinnerung an dieses Jahr, das vorbeigegangen ist, weckt unangenehme Gefühle in mir. Der 26. März 2010 war ein Freitag und diese Woche eine der schlechtesten, die ich in Hamburg erlebt habe.

Zusammenfassend war dies so: Am Dienstag (23. März) hatte ich ein Treffen im Büro der Gleichstellungsbeauftragten in Anwesenheit von zwei Juristinnen, eine davon die aktuelle Ermittlungsführerin des Disziplinarverfahrens. Dort bekam ich die Nachricht der Eröffnung des Disziplinarverfahrens und der Absicht der Uni Hamburg, eine Strafanzeige zu erstatten. Am Donnerstag (25. März) wollte ich mich umbringen und wurde in das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) eingewiesen. Am Freitag (genau am 26. März) verließ ich das UKE entgegen ärztlichem Rat, mein Ehemann kam aus dem Ausland und das Disziplinarverfahren wurde mit einem Brief, der vom Präsidenten der Uni Hamburg unterschrieben wurde, offiziell eingeleitet.

Der Rest des Jahres war viel weniger bewegt als der Anfang des Verfahrens. Hier eine Chronologie der Ereignisse des Disziplinarverfahrens:

·      26. März: Das Disziplinarverfahren wurde eingeleitet.
·      06. April: Mein Doktorvater erhielt den Brief über die Einleitung des Verfahrens.
·      20. April: Mein Doktorvater gab seine Stellungnahme im Präsidialbüro ab.
·      27. April: Nach der Rückkehr von einer Reise, fand ich einen Brief der Verteidigerin meines Doktorvaters, in der sie mir mit einer Anzeige wegen falscher Anschuldigung und einer einstweiligen Verfügung drohte, falls ich die Anschuldigungen wiederholen würde.
·      25. Mai: Ich wurde zum ersten Mal an der Uni angehört.
·      7. Juli: Ich wurde zum zweiten Mal an der Uni angehört.

Und das war’s.

Das ist alles was im Disziplinarverfahren gegen meinen Doktorvater wegen sexueller Nötigung unter Ausnutzung seiner Stellung als Universitätsprofessor und Erstgutachter meiner Dissertation in einem Jahr passiert ist.

Welcher ist der Stand des Verfahrens? Soweit ich weiß, ist es ausgesetzt bis zur Entscheidung im Strafverfahren. Jemand hat mir gesagt, dass es vielleicht Neuigkeiten gibt und ich einfach nicht informiert wurde. Das wäre möglich, da mein Recht auf Information im Laufe dieses Verfahrens ganz beschränkt ist, wie ich bereits in einem Post erzählt habe.

Dem Jubiläum der Eröffnung des Strafverfahrens kann ich leider keinen Post widmen, da ich nicht weiß, wann diese Strafanzeige erstattet wurde, was ohne meine Zustimmung und ohne Beachtung meines Rechts auf Information gemacht wurde. Als ich Einsicht in die Akte hatte, habe ich natürlich die Strafanzeige gesehen, aber das Datum der Erstattung nicht notiert. Das brauchte ich im Fall des Disziplinarverfahrens nicht. Diese Woche vor einem Jahr war so traumatisch für mich, dass ich mich an dieses Datum erinnern kann, ohne es in meiner Agenda festgehalten zu haben.

Ich fühle mich jetzt nicht so schlecht wie damals, aber ich befinde mich noch in einer großen Ungewissheit. Obwohl ich immer vermutet habe, dass die Verfahren eingestellt werden, wissen wir wirklich nicht, was passieren kann. Seit mindestens sieben Monaten bin ich überzeugt, dass die Uni Hamburg die Sache unter den Teppich kehren will, vor allem nachdem mein Brief an die Unileitung nicht beantwortet wurde. Niemand interessiert sich wirklich für den Fall, für meinen Doktorvater ist alles gleich geblieben, ich wohne nicht mehr in Hamburg und wurde zum Phantom an der Uni.

Die langen Wartezeiten beruhigen mich nicht. Das Verfahren ist wie ein Weg, dem man mit der Geschwindigkeit einer Schildkröte folgen muss und der plötzlich Wendungen wie in einer Achterbahn hat. Kann ich etwas machen, abgesehen davon, weiter abzuwarten?

Kommentare:

  1. Ich bin baff - ich habe eine ganz ähnliche Erfahrung gerade hinter mir. Und ich kämpfe dafür, dass die Gesellschaft für das Thema sensibilisiert wird.

    Es wäre ganz toll, wenn Du Dich bei der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs melden und Deine Erfahrung schildern könntest (www.beauftragte-missbrauch.de), damit es in der Politik auch klar wird, dass sexuelle Gewalt im Abhängigheitsverhältnis in Institutionen auch junge erwachsene Schüler/innen und Student/innen betrifft, und dass dies auch eine Form von Machtmissbrauch ist (ich musste mir so oft anhören, dass ich ja kein Kind mehr gewesen wäre und dass ich mich hätte stärker wehren müssen. Aber wer schlägt einen Professor, selbst aus Notwehr?).

    Da die Politik derzeit erwägt, bei Kindessmissbrauch eine Selbstverpflichtung der Institution zur Strafanzeige flächendeckend einzuführen, wäre es auch gut, wenn die Verantwortlichen wissen würden, was diese Vorgehensweise für die Opfer praktisch bedeutet.

    (Ich selber habe die Strafanzeige alleine ohne die Hochschule gemacht, weil ich der Hochschule nicht mehr vertraut hatte, nachdem ich bei einigen Dozenten über die Tat andeutungsweise gesprochen hatte, nur verletzende Reaktionen bekommen hatte und sehr unter Druck gesetzt wurde, keine Anzeige zu erstatten. Das Strafverfahren wurde ohne weitere Ermittlung eingestellt. Disziplinarverfahren gab es nicht, da der Professor weggelobt wurde, bevor die Sache offiziell wurde. Für den Professor hatte das also nicht viel Konsequenz, außer dass er jetzt woanders eine Stelle hat.)

    Was mir weh tut...... wenn die anderen Opfer des Professors und die weiteren Opfer an der Hochschule auch geredet hätten, und wenn das Kollegium bereit gewesen wären, die Wahrheit zu sagen, dann wäre das Strafverfahren wahrscheinlich anders verlaufen.)

    Deine Erfahrung mit der Gleichstellungsbeauftragten würde mich interessieren. Hat sie sich um Dich gekümmert, oder hattest Du eher das Gefühl, dass Du instrumentaliert wurdest?

    (Gibt es hier eine Mailadresse für privaten Austausch?).

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  2. Nachtrag:

    In einem Strafverfahren, wo es um Professor und Studentin geht, kommt es ganz entscheidend drauf an, ob die Studentin bei der Hochschule zum Zeitpunkt der Tat auch einen Arbeitsvertrag hatte (und sei es nur einen HiWi-Job).

    Denn in dem Moment wo die Frau bei der Hochschule beschäftigt ist, kann sie als eine Mitarbeiterin bewertet werden (statt als Studentin), und als eine Mitarbeiterin wäre sie von ihrem Vorgesetzten "beruflich abhängig" (bei einer Studentin wird nämlich keine berufliche Abhängkeit gesehen!!!).

    Eine Tat, was bei einer Studentin nicht als strafbar gewertet wird, kann somit u.U. bei einer Mitarbeiterin als strafbar gewertet werden. Weil bei einer Mitarbeiterin eine Ausnutzung des Abhängigkeitsverhältnisses gesehen wird, was bei einer (volljährigen) Studentin nicht der Fall ist.

    Ich finde diese Regelung zwar sehr ungerecht(bei mir wurde dies zu meinem Ungunsten ausgelegt), aber vielleicht hilft es Dir weiter.

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  3. Noch mal Nachtrag:

    Als ich hin und her gerissen war wegen der Anzeige, haben mir Anwälte gesagt, dass ich zwei Optionen hätte: 1) wenn ich anzeigen würde, könnte ich nach ihren Erfahrungen meine akademische Laufbahn und den Berufswunsch knicken, egal wie das Verfahren ausgeht 2) schweigen und ggf, in meiner akademischen Laufbahn bleiben und dabei vielleicht gesundheitlich kaputt gehen.

    Der Rat war, dass ich nur dann anzeigen sollte, wenn ich damit leben könnte, auf eine Karriere in meinem gewünschten Berufsfeld zu verzichen und stattdessen sexuelle Gewalt zu meinem Lebensthema zu machen.

    Als ich Deinen Beitrag las, musste ich wieder dran denken....

    Meine Erfahrung an der Hochschule war, dass alle mir eigentlich geglaubt haben. Der Ton war eher, dass Professoren "speziell" sind (in dem Sinne von genial verrückt), und dass ihre fachlichen Leistungen mehr wiegen als das, was sie paar Studentinnen antun. Die Gesellschaft müßte für den wissenschaftlichen Fortschritt und die Erhaltung des Standortes Deutschland auch bereit sein, solche Gewalttaten seitens der Professoren hinzunehmen.

    Für mich war es ein Schlag ins Gesicht in doppelter Hinsicht, zumal man als Opfer in der Gesellschaft ohnehin diskriminiert und abgestempelt wird, selbst wenn man den Berufswunsch wechselt (sie ist Opfer > also leidet sie unter der Tat > also ist sie psychisch gestört > also sollte man von ihr beruflich Abstand halten). Da spielt es auch keine Rolle, ob der Täter verurteilt wurde oder nicht....

    Traurig.

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  4. Liebe Leserin,

    es tut mir sehr leid, dass Du eine ähnliche Erfahrung gemacht hast. Dies zeigt, dass es viele Fälle sexueller Gewalt und Machtmissbrauch an Hochschulen gibt und die Dunkelziffer sehr hoch sein muss.

    Ich habe von der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs gehört, aber mir ist nicht eingefallen, mich an sie zu wenden, da ich davon ausging, dass mein Fall an der Uni Hamburg nicht zu ihrem Aufgabenbereich gehört.

    Ich finde es ganz interessant was Du erzählst. Ich habe mich oft gefragt, ob es mir nicht besser gegangen wäre, wenn ich direkt die Strafanzeige ohne die Uni gemacht hätte. Ich denke ja, obwohl das Ende der Geschichte vielleicht nicht anders gewesen wäre.

    Meine Erfahrung mit der Gleichstellungsbeauftragten war gar nicht gut. Ihre Vermittlung machte alles komplizierter und damit habe ich auch viel Zeit verschwendet (letztes Jahr hatte ich einen großen Zeitdruck aufgrund des nahen Ablaufs meines Stipendiums). Als ich mich an sie gewandt habe, war sie verständnisvoll und das Gespräch war vielversprechend. Ich habe geglaubt, alles würde gut laufen. Die Wahrheit war ganz anders. Am Anfang wollte ich vor allem eine Lösung für meine Dissertation und war nicht für eine Strafanzeige bereit, die ohne meine Zustimmung erstattet wurde. Die erste Lösungsmöglichkeit der Gleichstellungsbeauftragten – mein Doktorvater als Betreuer meiner Diss zu behalten, aber die fachlichen Probleme der Diss mit Begleitung zu besprechen – war nicht nachvollziehbar. Dann hat sie sich darauf konzentriert, meine Zweitgutachterin – eine Person, die mich nie unterstützt hat – zu überzeugen, die Betreuung zu übernehmen. Anscheinend hatte sie damit zu tun, dass das Dekanat diese Professorin gezwungen hat, die Begutachtung – nicht Betreuung – der Diss zu übernehmen, was als Folge die Ablehnung meiner Diss hatte.

    Wenn ich heute von einem anderen Opfer an der Uni erfahren würde, würde ich ihm auf keinen Fall empfehlen, sich an die Gleichstellungsbeauftragte zu wenden. Das halte ich für einen Fehler und ich habe es ihr auch direkt gesagt. Das Schlimme ist, dass die Mitarbeiter der Beratungsstellen, die Professoren und die Psychologinnen mir alle gesagt haben, ich sollte mich an sie wenden, da sie zuständig für solche Probleme wäre.

    Wenn Du – oder jeder Leser – mir schreiben möchtest, kannst Du es an stimmelucrezia[at]gmail.com machen.

    Lucrezia

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  5. Zu Deinem zweiten Kommentar:

    Ich hatte zum Zeitpunkt der Tat keinen Arbeitsvertrag. Erst lange nach dem Vorfall war ich Lehrbeauftragte. Wir Studentinnen ohne Job an der Uni sind nicht unbedingt weniger abhängig als wissenschaftliche Hilfskräfte oder Mitarbeiter, vor allem wenn man bedenkt, dass wir innerhalb der Hochschule weniger geschützt sind. Ich war auch Stipendiatin und praktisch alles was ich in Deutschland hatte, hing von meinem Doktorvater ab. Er wusste, er könnte mir sehr viel – im akademischen und persönlichen Sinne – schaden und er hat nicht gezögert, dies zu tun.

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  6. "Dunkelziffer" ist sehr hoch - bzw. es ist eher ein "offenes Geheimnis", denn hinter vorgehaltener Hand wird geredet. (Dunkelziffer ist es in sofern, weil die Opfer meist unerkannt bleiben wollen.) Da aber ein solcher Professor nicht bei jeder Studentin übergriffig wird (solcher Mensch sucht sich sein Opfer aus), also bei den meisten Studenten auch nichts passiert, denkt man zwar seinen Teil aber geht sonst normal mit ihm um.

    Zu Deinem zweiten Kommentar: ja, ich weiß nur zu gut, dass eine Studentin von Professoren abhängig ist, insbesondere wenn sie leistungs- und karriereorientiert ist. Gerade im akademischen Bereich läuft ja alles über Empfehlungen (Klüngelnetzwerk).

    In Deutschland sind Studenten aber gesetzlich nicht extra geschützt, da der Gesetzgeber einvernehmliches Sex zwischen erwachsenen Student/innen und Professor/innen zulassen wollte (ich kenne sogar Ehen zwischen Student/innen und Professor/innen). Für eine Studentin gilt also der übliche § 177, wo z.B. eine Gewaltanwendung nachgewiesen werden muss - und eine Studentin wehrt sich i.d.R. nicht so stark, wie es für §177 reicht. (Zumal die Justiz den Begriff Gewalt ganz anders definiert als wie man ihn aus dem Alltag kennt. Also kommt es durchaus oft vor, dass was Psychologen unter sexueller Gewalt verstehen, für Juristen keine ist.)

    Und damit kommen wir zu meinem ersten Kommentar:

    Bei der Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten darf man zwar keine direkte Hilfe oder Beratung erwarten, denn es geht bei dieser Anlaufstelle vor allem um die Statistik. Auch ist die Anlaufstelle tatsächlich für den universitären Bereich nicht zuständig.

    Wenn aber viele junge erwachsene Opfer im Abhängigheitsverhältnis dort anrufen würden (Studenten, Berufsschüler, gymnasiale Oberstufenschüler), dann würden die Verantwortlichen diese Problematik irgendwann mal nicht mehr ignorieren können. Das fände ich wichtig, denn die Regierung arbeitet gerade an einer umfangreichen Gesetzesänderung bezüglich sexueller Gewalt. Wahrscheinlich hilft das uns zwar persönlich nicht mehr viel, aber daß wir es immerhin besser haben als die Opfer von vor 30 Jahren verdanken wir unseren Vorkämpfern, und wir sollten auch für die nächste Generation unseren Beitrag leisten, damit wenigstens irgendwas Positives aus unserer Erfahrung rausspringt.

    Ich bin persönlich skeptisch, was diese Gleichstellungsbeauftragte angeht, zumal diese sich in Loyalitätskonflikt befindet, insbesondere wenn sie gleichzeitig selber Prof. an der Uni ist.

    Die geplante Leitlinie des Runden Tisches finde ich daher auch utopisch (dies ist zwar nur für Minderjährige gedacht, aber es ist das gleiche Konzept wie auf der Uni):
    http://www.rundertisch-kindesmissbrauch.de/documents/Leitlinien110308.pdf

    Das setzt ja voraus, dass 1. die Institution sich klar für die Aufklärung einsetzt und 2. die Staatanwaltschaft engagiert arbeitet.

    Es nützt ja nichts, wenn die Institution zwar die Strafverfolgungsbehörde einschaltet, um ihre Verantwortung oberflächlich zu erfüllen, gleichzeitig aber alles dafür tut, um dem Opfer sein Leben schwer zu machen und es unglaubwürdig erscheinen zu lassen. So wird das Opfer zu einem Strafverfahren mehr oder weniger gezwungen, muss es aber letztendlich alleine durchstehen, oder noch schlimmer, es muss dabei sogar auch gegen die Institution kämpfen, welche dieses Verfahren überhaupt ins Rollen gebracht hat.

    Von der Staatsanwaltschaft fühlt man sich als Opfer oft ohnehin im Stich gelassen (bei mir hat die Staatsanwältin sogar Fakten zugunsten des Täters verdreht - sowas hatte ich von einem Verteidiger des Täters erwartet aber nicht von einer Staatsanwältin - sicherlich gibt es auch gute Staatsanwälte, aber das ist reine Glückssache).

    Will damit sagen, dass das Konzept zwar auf dem neuesten "wissenschaftlichen" Stand sein mag, dies aber in der Praxis nicht funktioniert. Und das Opfer muss es ausbaden.

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  7. Weiter:

    Die große Verwirrung wegen sexueller Gewalt resultiert auch davon, dass Begriffe wie sexuelle Nötigung von verschiedenen Berufsgruppen ganz unterschiedlich benutzt werden.

    Es kann also durchaus vorkommen, dass eine Tat, welcher psychologisch als eine Vergewaltigung gewertet wird, strafrechtlich als ein geschlechtstypisches Missverständnis gewertet wird, und verwaltungsrechtlich als eine Schädigung des Ansehens der Institution geahndet wird.

    Für das Opfer ist es hier seelisch also wichtig, die moralische Wertung einer Tat von der gesetzlichen Bewertung zu trennen.

    Bezüglich Glaubwürdigkeit habe ich den Eindruck, dass viele Leute auch hier nur "schwarz" oder "weiß" sehen. Entweder hat das rachesüchtige Opfer alles nur erfunden, oder der Täter ist ein Monster.

    Ich habe in meinem Strafverfahren die Situation so geschildert, wie es war, und nichts übertrieben, weil es mir wichtig war, dass die Wahrheit gewürdigt wird. Als Ergebnis hatte ich den Eindruck, dass das Verfahren eingestellt wurde, weil meine Schilderung relativ unspektakulär klang. Gerade in Schriftform sah die Aussage nach einer Kleinigkeit aus - dabei hatte die Tat gravierende Folgen für mich.

    Da habe ich verstanden, warum manche Opfer bei ihren Vorwürfen lügen oder übertreiben (was nicht heißt, dass ich das gut heiße!!!). Sie haben Angst, dass wenn sie die Wahrheit so erzählen, wie es war, dass sie nicht ernst genommen werden. Und weil die Tat für sie so schlimm war, wollen sie sicher gehen, dass der Täter angeklagt wird - und dichten so manche Details hinzu.

    Z.B. Bei dem Kachelmann-Prozess denke ich, dass es ohne das Messer nicht zu einer Anklage gekommen wäre (und deswegen geht es im Prozess drum, ob dieser Vorwurf erfunden ist oder nicht), aber dass der unspektakulärere Rest das eigentlich Schlimme an der ganzen Sache war (nur reicht dieser restliche Teil nicht für eine strafrechtliche Verurteilung). Und deshalb wird so ein Verfahren zu einem Schauprozess.

    Ich bin wegen der Einstellung meines Strafverfahrens mehr als enttäuscht, aber bin doch froh, dass mein Verfahren nicht in die breite Öffentlichkeit gekommen ist.

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  8. Im Laufe des Strafverfahrens gegen meinen Doktorvater habe ich auch bemerkt, dass die Justiz „Gewalt“ anders definiert und eine schwarz/weiße Perspektive hat. Alle Täter-Opfer-Beziehungen (Arbeitgeber/Angestellte, Unbekannte, Verwandte, Ehe oder Partnerschaft, Professor/Studentin) werden genau gleich behandelt und die Einzelheiten der Beziehung nicht berücksichtigt. In diesem Sinne ist strafrechlich relevant, was das Opfer machte, um sich zu wehren und was sie in Theorie machen konnte, um die Tat nicht über sich ergehen lassen zu müssen.

    Bei mir ist es auch so, dass der Staatsanwalt mehr Gewalt im Sinne von § 177 StGB erwartete und die angedeuteten Drohungen mit akademischen Nachteilen auch nicht als empfindliches Übel i.S.v. § 240 taxierte. Auch das Angebot einer guten Dissertationsnote gegen Sex (Bestechlichkeit nach dem § 332) ist nicht zu beweisen. Für mich war es auch wichtig, die Tat so genau wie möglich darzustellen, weil ich meinen Doktorvater nicht zu Unrecht belasten wollte. Oft habe ich den Eindruck, dass ich vieles zu mild geschildert habe in meiner Mühe nicht zu dramatisieren. Deswegen verstehe ich sehr gut, was Du meinst.

    Das Paradox der Institution bezüglich der Aufklärung der Delikte ist enorm. Sie schaltet die Strafverfolgungsbehörde ein und findet so ihre Aufgabe als „erledigt“ und dann macht sie unser Leben unmöglich (ich frage mich oft, inwiefern die Ablehnung meiner Dissertation eine Strategie war, mich unglaubwürdiger erscheinen zu lassen). Dies macht unsere Situation zu einem Eine-Frau-Kampf gegen die Welt: die Hochschule, den Professor, das Rechtssystem, die nicht unterstützenden Leute, die Vorurteile der Gesellschaft, die potentiellen zukünftigen Arbeitgeber und Betreuer, die uns als Opfer abstempeln und misstrauen.

    Ich denke auch, dass wir den Vorkämpfern im Bereich Opferschutz und gegen sexuellen Missbrauch viel zu verdanken haben, auch allen Opfern, die ihre Erfahrung preisgegeben haben. Natürlich will niemand Zielscheibe der Medien sein, aber die Öffentlichmachung von Fällen wie dem von Bielefeld, Konstanz und Hannover zeigt uns, dass es viele Opfer gibt und die Gerechtigkeit und Unterstützung durch Mitmenschen möglich ist. Wenn wir nichts von diesen Fällen gehört hätten, würden wir nicht wissen, dass wir nicht die Einzigen sind und das wäre noch ein weiterer Grund zu schweigen.

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  9. Hallo liebe anonyme Leserin,

    es ist immer wieder interessant, dass es in Deutschland anscheinend mehrere Frauen gibt, die Ähnliches erlebt haben.
    Wenn Du möchtest, kannst Du Dich auch an mich wenden, ich habe meine Geschichte (Bielefeld) öffentlich gemacht und kämpfe noch immer. Die Autorin dieses Blogs kann Dir meine E-Mail-Adresse geben, wenn Du möchtest!

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  10. Ja, die Gewalt wird in Justiz sehr eng definiert. Bei mir haben bisher alle den Kopf geschüttelt, als sie die Einstellungsbegründung der Staatsanwaltschaft lasen. Da wurde nämlich sogar anerkannt, dass er Sex gegen meinen Willen mit körperlichem Einsatz durchgesetzt hatte, aber da dies aus seiner Sicht keine Gewalt war, sondern eine Hilfestellung, war es eben strafrechtlich keine Gewalt. Da ich in sein Büro gekommen war (ich sollte Unterlagen abholen), musste er davon ausgehen, dass ich mit Sex einverstanden war und nur nicht konnte.

    (Bei keinem anderen Delikt könnte man so argumentieren. Es gab auch weitere, verletzende Argumentation.)

    Das Fatale ist, dass gerade die intelligenten Täter wie Hochschulprofessoren genau wissen, bis wo sie gehen können, um strafrechtlich ungeschoren zu bleiben. Und im deutschen Rechtssystem ist es so (grundsätzlich funktioniert es auch ganz gut), dass nur was im STGB definiert ist, bestraft werden kann.

    Merke: vor Gerichten bekommt man Urteile, keine Gerechtigkeit.

    Und, naja, ich weiß schon, dass ich nicht die Einzige bin. Ich kenne so einige Opfer und Täter aus meinem Bereich persönlich. Es ist eher so, dass weil sowas so oft gibt aber nicht geben darf, wird es tabuisiert.

    Politisch wäre ich dafür, dass die Vergewaltigung als Delikt mit weniger Respekt behandelt wird. Das Problem ist, dass die Mindeststrafe hier 2 Jahre Haft beträgt. Deshalb verurteilt man ungern. Ich muss meinen Prof. auch nicht unbedingt für 2 Jahre ins Gefängnis schicken. Eine mildere Strafe, dafür aber eine Verurteilung, wäre mir aus Opfersicht lieber.

    Meinen Fall will ich nicht für die ganze Welt öffentlich machen. Das ist meine Privatsphäre. Meine Gerechtigkeitsgefühl sagt mir, dass wenn ich den Täter beim Namen nenne, ich meinen Namen auch nennen soll/will. Alles andere ist für mich nicht fair und unglaubwürdig.

    Das Problem bei Veröffentlichung ist, dass dann alle auf der Welt dazu ihre Meinungen kundtun, ohne die Details zu kennen. Bei Kachelmann-Prozeß geht es ja nicht mal mehr um die Sache, sondern das ist ein reiner Schauprozeß und Stimmungsmache geworden. Wer ist netter, und wer sieht besser aus. Dazu ein Kampf zwischen feministischen Aktivisten und Starverteidigern, die selbst profilieren wollen. Das letzte Vertrauen an Gutachtern verliert man, wenn man sieht, dass deutschlandsbester Gutachter auch nur mit seiner Frau experimentieren kann. Davon soll ein Urteil abhängen? Ich kann bei solchen Prozessen weder die Täterseite noch die Opferseite gutheißen.

    (Ich persönlich würde z.B. die anonyme Flyeraktion gegen den Prof. in Bielefeld nicht als eine Unterstützung empfinden, weil solche Vorgehensweise die Sache für mich unglaubwürdig macht. Klar hatte ich selber auch mal ähnliche Fantasien, meinetwegen an Toilettenwände was zu schreiben usw., aber praktisch würde ich sowas nie machen und auch nie wollen.)

    Der Täter mag ein Schwein sein. Aber ich will trotzdem Mensch bleiben, und weiterhin ins Spiegel schauen können.

    Von daher konzentriere ich mich momentan nicht so sehr auf meinen Fall (ich habe ausgesagt, der Rest ist nicht mehr in meiner Verantwortung) sondern mehr auf generelle politische Ebene.

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  11. Das ist richtig, nur hat man ja nicht immer unbedingt Einfluss darauf, ob ein Fall öffentlich wird oder nicht.

    Im meinem Fall in Bielefeld hatte ich es schließlich nicht, ich habe meine Nötigungen erzählt und die Ermittlungen und die innerhalb der Universität entstehende Eigendynamik hat die Verfahren vorangeschoben, das lag eben nicht mehr in meiner Hand. Die Presse wurde weder von der Universität noch von mir informiert.

    Als Opfer kann man sich lediglich an die juristischen Möglichkeiten halten, die einem zustehen: Anzeige, bei Einstellung Beschwerde, bei Einstellung der Beschwerde, eine Klageerzwingung, danach die Verfassungsbeschwerde. Ich bin der Meinung, dass jeder selbst entscheiden muss, was er sich zutraut und was nicht.

    Zu den Flyern in Bielefeld: die Flyeraktionen gehen von den Studenten aus. Dabei geht es auch nicht unbedingt um eine Unterstützung von mir, sondern darum, dass an dieser Universität eine diskriminierungsfreie und anti-sexistische Lehre geschaffen wird.

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  12. Die Beteiligten trauen sich natürlich nicht, sich mit ihrem Namen dahinter zu stellen, da sie negative Konsequenzen befürchten, was ich sehr gut verstehen kann - diese Angst plagte mich über ein Jahr lang.
    Und es ist natürlich auch immer zu unterscheiden, wie schwerwiegend die Belästigungen/Übergriffe sind und in welchem Abhängigkeitsverhältnis man zu dem Lehrenden steht:

    Ist man Studentin und kann eventuell ein anderes Seminar wählen oder ist man bereits durch eine Abschlussarbeit stark an die Person gebunden?

    Ist man Hilfskraft und eigentlich sehr froh darüber, eine der begehrten Stellen innerhalb der Uni zu besitzen? Außerdem darf auch die finanzielle Abhängigkeit nicht unterschätzt werden. Ich weiß aus meiner Studienzeit, dass ich zeitweise drei unterschiedliche Jobs hatte, um mir mein Leben zu finanzieren, wobei ich ganz klar sagen kann, dass ich, sofern mir die Geschichte im Studium widerfahren wäre, ich sofort gekündigt hätte, weil es einfacher ist, einen neuen 400-Euro- oder Teilzeit-Job zu bekommen als eine wissenschaftliche Anstellung als Mitarbeiterin.

    Andere Abhängigkeiten gibt es in Bezug auf den Status als Doktorandin, Projekt-Mitarbeiterin und Lehrstuhlassistentin.

    Was mich allerdings am allermeisten stört, ist das Argument der Justiz: Mit Ihrem tollen Abschluss hätten Sie ja auch an eine andere Uni gehen können.

    Sicher, klar, ich hätte mich wegbewerben können. Doch ohne Empfehlung und mitten in der Promotion? Das erscheint doch jedem auf den ersten Blick suspekt und spätestens im Vorstellungsgespräch müsste ich darlegen, warum ich trotz zwei halber Stellen und Promotionszusage dort weg möchte. Innerhalb der Scientific Community ist es nur allzu wahrscheinlich, dass der vermeintlich neue Arbeitgeber bei dem Professor anruft und fragt, wie ich denn so sei. Man kennt sich doch in der Regel durch Tagungen oder andere Aktivitäten. Da steht man also im Walde und kann nicht einfach an eine andere Uni gehen.

    Des Weiteren finde ich es sogar unverschämt, wenn man das von einer Frau fordert, die ihre gesamte Familie in Bielefeld hat, hier aufgewachsen ist, einen großen Freundeskreis und damit auch seelische Unterstützung hat, einfach das komplette Umfeld aufzugeben.

    Demnach verlangt die Justiz: wenn du vergewaltigt wirst, dann reiß alles ab und versuche woanders eine Stelle zu bekommen. Ziemlich absurd, weil beides aus den oben genannten Gründen nicht einfach mal so funktioniert. Ersteres, weil ein C4-Mann seine Macht auch noch über die Stadtgrenzen hinweg hat, Zweiteres, weil es im Leben nicht nur um die Karriere geht, sondern auch andere - soziale Gründe - mitspielen.

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  13. Nochmal zu den Studierenden: ich finde es natürlich richtig, dass sie ihre Meinung laut äußern und finde, dass es sehr gut ist, wenn sie es in Form eines Offenen Briefes tun:
    http://www.owl-vielfalt.de/home/index.html?id=922

    Auch der Vortrag von Frau Dr. Degen war wirklich ermutigend für Frauen, die dasselbe erlebt haben.

    Manchmal frage ich mich schon, wie mein Leben anders verlaufen wäre, wenn der Fall nicht öffentlich geworden wäre und ich kann ganz klar sagen: schlechter.
    Denn dann gäbe es kein Urteil eines Gerichtes in Bezug auf die Geldstrafe und dann wäre ich, selbst wenn man mich vielleicht stellenmäßig von diesem Lehrstuhl entfernt hätte und durch die Trennung der dienstlichen Abhängigkeit keine Nötigung mehr möglich gewesen wäre (rein theoretisch kann ich natürlich auf der Straße überfallen werden vom selben Täter, doch das schließe ich jetzt mal aus), wäre das Ganze völlig tabuisiert worden.
    Natürlich muss man auf der anderen Seite auch einiges aushalten, denn gerade bei einer Einstellung ist es erstmal traurig, doch wenn man die juristischen Fristen wahrt, hat man noch Möglichkeiten, pragmatisch zu handeln, das tue ich.

    Ich habe übrigens auch bei der Missbrauchsbeauftragten angerufen und meinen Fall geschildert. Ich habe darum gebeten, am Runden Tisch darüber zu diskutieren, ob die Altersgrenze bei sexuellem Missbrauch wirklich gerechtfertigt ist. Dazu siehe Vortrag von Frau Dr. Degen.

    Wenn Du sagst, Du kennst noch viele andere Opfer dieser Art, dann frage ich mich, ob es nicht möglich wäre, die einzelnen Geschichten zu sammeln, auch anonym, um dann mal gesammelt mit dem Problem aufmerksam zu machen.

    In der Kirche hat es ja auch sehr lange gebraucht, bis man den Opfern geglaubt hat.

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  14. Ich habe heute mal rumtelefoniert.

    1. Strafrechtlich gibt es keinen besonderen Schutz für Studenten usw., weil im Erwachsenenalter das Abhängigkeitsverhältnis nicht zählt.

    Wenn also Gewalt nicht nachgewiesen wird, kann der Prof. also disziplinarrechtlich nur dann belangt werden, wenn "einvernehmliche" sexuelle Beziehung oder strafrechtlich nicht relevante sexuelle Belästigung per hochschulinterne Richtlinien verboten ist.

    Die Bundesknferenz der Gleichstellungsbeauftragten fordert wohl schon seit Jahren die Einführung dieser Richtlinien, und ggf. auch die Anpassung des Strafrechts. Sie sind bisher nicht sehr erfolgreich gewesen.

    Vorreiterin auf diesem Gebiet: Gleichstellungsbeauftragte der Uni Bielefeld, gleichzeitig Bundeskomission der Gleichstellungsbeauftragten gegen sexuelle Gewalt. An Uni Bielefeld existiert auch eine hochschulinterte Richtlinie bezüglich sexuelle Kontakte (was an Hamburger Hochschulen noch fehlt).

    2. Das Bundesbildungsministerium vergibt derzeit ja 32 Millionen Forschungsgelder an Hochschulen für Projekte gegen Kindesmissbrauch. Ich habe der Projektgruppe des Ministeriums drauf hingewiesen, dass es auch sexuellen Missbrauch an Hochschulen gibt, dass diese Forschungen also u.U. von "Täterinstitutionen" betrieben werden (z.B. ist Uni Hamburg an einem Projekt beteiligt, "meine" Hochschule hatte vor mehreren Jahren auch Konzepte gegen Missbrauch vorgestellt und gibt als "Expertin"), und dass es wichtig wäre, dass die Hochschulen nicht nur über Kindesmissbrauch forschen, sondern auch bei sich schauen müssten.

    Ich habe zuerst ziemlich abweisende und ungläubige Reaktion erhalten. Zum Schluss hat man mir aber zugehört.

    ---
    Da gibt es natürlich keine individuelle Hilfe oder Rechtsberatung (die deutsche Verfassung würde das verbieten, auch wenn man es wollte), aber es könnte sinnvoll sein, dass die Verantwortlichen merken, dass es viele Fälle von sexuellen Übergriffen an Hochschulen gibt.

    Melde Dich mal, wenn Du genauere Kontaktdaten haben willst.

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  15. Ich stand damals kurz vor meinem Diplomabschluss. Da zu der Vergewaltigung noch einiges dazu kam (auch von anderen Profs), außerdem hatte ich bis dahin keinerlei sexuelle Erfahrung, außerdem kannte ich den Prof seit meiner Kindheit, da ich im Hochbegabtenförderungsprogramm war, war ich zu dem Zeitpunkt sehr verwirrt, und mein Psyche hatte das Problem so gelöst, dass ich mich lange Zeit nicht mehr bewußt an den Vorfall erinnern konnte (stattdessen wurde ich körperlich schwer krank). Und ich habe auf eine Hochschulkarriere verzichten müssen, weil auch in der Prüfung einiges vorgefallen war.

    Die anderen Opfer und die Professoren haben mich gedroht, dass falls ich sie rein ziehen sollte, sie falsch aussagen würden. Von vielen werde ich heute immer noch wie Luft behandelt. Die Staatanwaltschaft hat nur meine Aussage aufgenommen und nicht weiter ermittelt.

    Ich hatte auch sehr lange nichts gesagt, nicht aus Angst vor dem Täter, sondern weil mir die Anwälte gesagt hatten, dass falls mein Fall zur Anklage kommen würde, dies auf der ersten Seite der Bildzeitung stehen würde. Das wollte ich auf keinen Fall, zumal ich dann meinen jetzigen Beruf aufgeben hätte müssen, auch wenn ich mit der Hochschule nicht mehr zu tun habe. In meinem Beruf kennt man sich sowieso, selbst wenn man Freiberufler ist. Und da ich den Prof. möglichst gemieden habe und noch meide, um weitere Vergewaltigungen vorzubeugen, habe ich tatsächlich auch berufliche Nachteile dadurch.

    Tja, mit der Beschwerde und Klageerzwingungsverfahren. Bei mir ist es letzendlich aus finanziellen Gründen gescheitert, und weil man mir sagte, dass man damit in meinem Bundesland keine Erfolgsaussichten hätte (meine Kanzlei ist hier seit 30 Jahren hier tätig und kennt die Richter und die Staatsanwälte).

    Und das war für mich DIE große Ungerechtigkeit - dass ich das Strafverfahren alles letzendlich alleine durchziehen musste, und auf den Kosten sitzen geblieben bin. Ich kam mir vor, als ob ich die Bittstellerin wäre.

    Einige Opfer wollen auch deshalb nichts sagen, weil sie - dadurch dass sie nichts gesagt haben - tatsächlich Hochschulstellen bekommen haben. Und das ist ihnen wichtiger. Da es in meinem Bereich traditionell Vergewaltigungen gab, nimmt man das wohl eher als zum Beruf gehörig dazu. Hinzu kommt, dass der Prof. auch mit mehreren Studentinnen und Professorinnen Affäre hatte, welche von beiden Seiten gewollt haben - und diese Frauen wollen natürlich, dass ihre Seitensprünge geheim gehalten werden.

    Ich kämpfe nunmehr seit mehr als 10 Jahren. Und kann wenigstens sagen, dass die Situation für die Opfer seit paar Jahren merklich verbessert hat. Wenigstens traut sich jetzt keiner offen zu sagen, dass sie vergewaltigungen OK finden. Aber trotzdem werde ich als Opfer diskriminiert.

    Und das macht schon Angst, zumal ich in Deutschland alleine lebe.

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  16. Bei mir war es kurz vor der Abschlussprüfung. Professorwechsel oder Hochschulwechsel nicht mehr möglich, zumal es noch einige Schwierigkeiten dazu kamen. Ich war verwirrt, da ich bis dahin keinerlei sexuelle Erfahrung hatte (ich war Anfang 20), außerdem kannte ich den Prof. seit meiner Kindheit, da ich im Hochbegabtenförderungsprogramm war. Mein Psyche hatte das Problem so gelöst, dass ich mich lange nicht mehr an den Vorfall bewußt erinnern konnte. Stattdessen wurde ich körperlich schwer krank. Und das war noch über 10 Jahre her, wo das Thema viel viel stärker tabuisiert war.

    Bei der Prüfung kamen noch einiges hinzu, und ich habe dann draufhin die Hochschule verlassen, um weitere Übergriffe zu vermeiden.

    Als ich versuchte, das erste Mal drüber zu reden, haben mich die anderen Opfer und Professoren gedroht, dass sie falsch aussagen würden, wenn ich den Prof. anzeigen würde.

    Es gab dazu noch andere Frauen (Studentinnen und Professorinnen), welche mit ihm eine Affäre hatten, und sie wollten natürlich, dass ihre Seitensprünge geheim blieben.

    Einige Frauen hatten auch Stellen durch ihn bekommen, und das war ihnen auch wichtiger.

    Das Strafverfahren war für mich sehr retraumatisierend. Die Beschwerde musste ich auch alleine durchziehen, aus finanziellen Gründen.

    Und meine Kanzlei hat seit 30 Jahren auf diesem gebiet Erfahrung und meinte, dass es hier keine Erfolgsaussichten gäbe mit dem Klageerzwingungsverfahren - sie kennt ja alle Richter und Staatsanwälte.

    Und ja, meine größte Angst bei der Strafanzeige war, dass alle mir gesagt hatten, dass falls es zu einer Gerichtsverhandlung käme, der Fall auf der ersten Seite Bildzeitung stehen würde. Und das wäre für mich fatal gewesen, auch beruflich - zumal ich keinen Arbeitsgeber habe, wo ich etwas geschützt wäre. Außerdem lebe ich in Deutschland alleine.

    Und ich habe auch von manchen Kollegen viel Schlimmes erlebt, so nach dem Motto: "Du bist Vergewaltigungsopfer, also hast Du eine falsche Wahrnehmung, also habe ich Recht." Dadurch habe ich weiteren Machtmissbrauch erlitten.

    Von daher finde ich es schon wichtig, sich selbst zu schützen, damit man nicht noch mehr weh getan wird.

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  17. Hinzu kam in meinem Fall wahrscheinlich, dass mein Täter auch selbst an derselben Hochschule studiert hatte (er war fachlich ein sehr guter Student), und dass die älteren Professoren (einschließlich die Hochschulleitung) ihn aus dieser Zeit kannten.

    Auf jeden Fall leide ich heute mehr unter den Folgen vom Strafverfahren als von der Tat selbst. Ich hatte mich auf alles eingestellt... Aussage gegen Aussagen, Unglaubwürdigkeit, mangelnde Beweise, zu lange her usw. usw... Aber diese Einstellungsbegründung war außerhalb meiner Vorstellungskraft.

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  18. Ja, das kann ich (Bielefeld) sehr gut verstehen, denn natürlich ist man letztlich nicht besonders gesegnet, wenn man auch noch Geld dafür ausgeben muss, obwohl man vergewaltigt wurde.

    Ich habe das Geld investiert, weil es mir um die Prinzipien geht. Und ich werde nun vor das Verfassungsgericht gehen, um endlich Gehör zu bekommen. Ich glaube noch an Gerechtigkeit, mein ehemaliger Doktorvater hat mir damals, als ich ihn fragte, ob er das Buch "Schande" von Coetzee kennen würde, gesagt, ich solle es nicht lesen, da ich "sonst auf dumme Gedanken kommen könne". Ich habe es erst nach der Anzeige gelesen, aber jetzt verstehe ich auch, warum er es mir verboten hat.

    Also wenn Du möchtest, kannst Du auch zu mir Kontakt aufnehmen, sofern Du, liebe anonyme Leserin, das möchtest.

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  19. ... ich finde auch, dass ein Problem ist, dass es leider noch genug Frauen gibt, die so etwas freiwillig machen, weil sie so an Stellen gelangen.

    Bei mir fand die erste Vergewaltigung einen Monat vor meiner Hochzeit statt. Ich bin mittlerweile einige Jahre verheiratet und seit 11 1/2 Jahren mit meinem Mann zusammen. Für mich war dies eine besonders schlimme Demütigung, weil ich nie Sex mit einem anderen Mann hatte und er der einzige bleiben sollte.

    In meiner Geschichte habe ich - wenn auch durch einen hohen Preis - einiges bewegen können, denn der Professor hat eine Geldstrafe zahlen müssen und zugleich wurden ihm Sanktionen auferlegt. Das ist eine harte Strafe für einen C4. Und was die Verfassungsbeschwerde anbelangt, bin ich zuversichtlich, denn ich habe mich in den letzten Wochen sehr gut eingelesen und zugleich glaube ich auch, dass es wichtig ist, einen guten Anwalt zu haben, der versteht, was passiert ist. Ich habe da ein gutes Gefühl.

    Zur Uni: Richtlinien sind das Eine, doch Papier ist geduldig, wie Barbara Degen in ihrem Vortrag erklärt, ist das Problem, dass wenn es um den konkreten Fall geht, es dann heikel wird.

    Ich würde es sehr begrüßen, wenn sich mehr Frauen nach vorne trauen würden und auf die Missstände in der Universität aufmerksam machen würden!!!!! Dann könnte man zeigen, dass das keine Absurdität ist, die dahinter steckt, sondern einzig und allein das Abhängigkeitsverhältnis, das schuld ist.

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  20. Die Einstellungsbegründung (laut Anwalt juristisch normal) klang sinngemäß so:

    - Der Prof sei davon ausgegangen, dass ich mit Sex einverstanden war, da ich abends in sein Büro gekommen war - auch wenn ein Prof sagt, dass ich Unterlagen abholen kommen soll, müsse eine Frau wissen, dass Männer abends nur eins wollen.

    - Dass er mich dann einsperrte, sei strafrechtlich irrelevant, da er auch im Zimmer war, d.h. der Schlüssel auch im Zimmer war, und ich also den Schlüssel hätte suchen und fliehen können.

    - Ich hätte die Fluchtmöglichkeit nicht genutzt (es gab ein Fenster im 2. Stock), daher musste er davon ausgehen, dass ich mit Sex einverstanden war.

    - dass ich am Anfang verwirrt war und er mich über mich herfallen und mich relativ schnell ausziehen konnte, hätte ich ihn damit zum Weitermachen provoziert.

    - ich hätte nicht laut genug um Hilfe geschrien (in den Büros drumherum waren vielleicht noch seine Kollegen, aber ich hätte mich geschämt, wenn sie mich nackt gesehen hätten)

    - ich hätte nicht deutlich genug Nein gesagt (ich kannte den Prof. seit der Kindheit, und "Nein sagen" gegen seine Anweisung war immer verpönt, außerdem kannte er mich gut genug und wußte, dass ich kein Sex wollte, und ich kannte ihn auch gut genug, auch dass er gewalttätig werden kann, d.h. Sachen gegen einen schmeißen oder handgreiflich werden).

    - dass er Sex mit Körpereinsatz durchgesetzt hatte, sei keine Gewalt, weil er davon ausging, dass ich Sex wollte, und nur aus Schüchternheit und wegen strenger Erziehung zu Hause nicht traute, und er mir helfen wollte, eine Frau zu werden.

    - dass er mir während des Sex gesagt hatte, dass er denkt, dass ich keine Lust hätte, sei ein Beweis dafür, dass er keine bösen Absichten hatte, sondern dass er sich nur geirrt hatte.

    - dass er danach weiter machte, sei strafrechtlich irrelevant, weil er davon ausgehen musste, dass ich mich nur gegen bestimmte Sexstellungen wehrte, und nicht gegen Sex an sich.

    - dass ich aus Angst und Schmerzen dann fast bewußtlos war, und ich mich nicht mehr bewegen konnte, sei strafrechtlich irrelevant.

    - dass er mich mit Körpereinsatz runter gedrückt hielt, und Körperteile festhielt und weiter machte, sei strafrechtlich irrelevant.

    - insgesamt war das also ein Missverständnis, weil er fest davon überzeugt war, dass das Erlebnis mir gut tun würde. Da der böse Wille fehlte, sei es keine Straftat.

    merke: das war kein Argument des Strafverteidigers, sondern der Staatsanwältin. Der Oberstaatsanwalt stimmte dem zu.

    Und von einer Professorin habe ich tatsächlich gesagt bekommen, warum ich denn beim Sex keinen Spaß gehabt hätte, sie wäre gerne mit ihm ins Bett gegangen.....

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  21. ...das ist auch wahr. Meine Angst war auch immer, dass er von den ganzen Bedrohungen Gebrauch macht und mich wegen Verleumdung anzeigt. Ich bin sehr froh, dass dies in meinem Fall nicht die Meinung der Justiz ist.

    Ich habe die Taten eine Zeitlang auch immer verdrängt und einfach weiter gelebt, gearbeitet. Das war hart, doch nach und nach bin ich zusammengebrochen, weil ich in Sitzungen mit anderen Kollegen saß und ich hätte kotzen können. Am Wochenende hat er mich zuvor genötigt und dann saß er da und tat so als kämen mir gut miteinander klar. Das war so absurd.

    Ich glaube, dass ich einfach zu spät realisiert hatte, dass er kein Freund für mich war, sondern nur sein kleines Ego damit aufputschen wollte, indem er dem Umfeld in und außerhalb der Uni zeigen wollte, dass er ein toller Hecht sei.

    Ich glaube, ich hatte auch Glück, dass er unter den Studierenden schon vorab den schlechten Ruf hatte und innerhalb der Uni schon dafür bekannt war!
    Ich glaube auch, dass Frauen viel besser mit Macht umgehen können als Männer, denn Frauen (und ich spreche aus Verfahrung, da ich auch einige männliche Absolventen betreut habe), würden niemals die dienstliche Macht ausnutzen, um sie zu verführen. Um Gottes Willen...man fühlt sich doch für die Studierenden verantwortlich in dem Sinne, dass man ihnen etwas beibringen will und zugleich eine Vorbildfunktion hat. Es gibt sicher Männer, die im Zuge der Midlife-Crisis denken, sie seien besonders toll, wenn sie junge Studentinnen nötigen, vielleicht auch nur verführen. Das ist total schade, denn wenn man doch Professor ist, kann man sich doch auch eine Partnerin auf Augenhöhe suchen. Eine abhängige Mitarbeiterin/Studentin/Doktorandin ist dies sicher nicht. Und wenn man sich verliebt, hat man die Verantwortung, Dienstliches und Privates zu trennen, gerade weil man doch weiß, dass die Frau vom Urteil der Dissertation abhängig ist, die Existenz auf dem Spiel steht. Da ist doch eine sexuelle Beziehung in jedem Fall ein Konfliktpotential.

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  22. Eine sexuelle Beziehung zu einer Anhängigen ist disziplinarrechtlich zu sanktionieren, denn so heißt es:
    Nach § 83 Abs. 1 Satz 1 LBG NRW a. F. bzw. § 47 Abs. 1 Satz 1 Beamtenstatusgesetz begeht ein Beamter ein Dienstvergehen, wenn er die ihm obliegenden Pflichten schuldhaft verletzt.

    In Bielefeld war dies der Fall.

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  23. ...und was ich noch hinzufügen möchte: auch in meinem Fall in Bielefeld hatte der Täter dort studiert und promoviert, da gibt es ja irgendwie einen Bonus aufgrund der Zeit. Doch andersherum war und bin ich heute sehr froh über die ganzen Zusprüche von vielen noch dort arbeitenden MitarbeiterInnen, die mir bestätigen, dass sie mir glauben, dass sie den Täter kennen und er charakterlich dazu neigt, siene Contenance zu verlieren.

    Mich hat das stärker gemacht und mir das Gefühl gegeben, dass sehr viele Leute hinter mir stehen und das tun sie alle noch immmer, ermutigen mich zur Verfassungbeschwerde. Das ist toll. Ich kann mit einem guten Gewissen an meinen Arbeitsplatz gehen, auch meine Studierenden haben mich sehr unterstützt, denn als man mir meine Vorlesung wegnehmen wollte, haben sie sich hinter mich gestellt, es war grandios. Es gab Unterschriftenlisten, ich wurde für einen Lehrpreis nominiert. Das hat mir wahnsinnig viel Kraft gegeben.

    Außerdem hat man mir sogar Geld angeboten, sollte ich meine Anzeige zurückziehen: http://www.nw-news.de/lokale_news/bielefeld/bielefeld/3057979_10.000_Euro_Schweigegeld.html
    Auf das Geld habe ich dankend verzichtet, denn käuflich bin ich nicht.

    Auch in der BILD-Zeitung wurde darüber berichtet, es war nicht besonders sachlich, denn dort fragte man sinngemäß, ob er der Prof seine schöne Doktorandin vergewaltigt hatte, dazu ein Foto von ihm. Aber dabei spielt das Alter, die "Schönheit" gar keine Rolle, denn vergewaltigt werden kann jede Frau jeden Alters.

    Ich hätte vorher nie geglaubt, dass MIR so etwas passieren kann, da ich immer geglaubt habe, so etwas passiert nur nachts im Park, im Dunklen, doch ich wurde des Besseren belehrt.

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  24. Toll, dass Du Zuspruch erhalten hast. Bei mir war es anders. Alle haben mir gesagt, dass sie mir glauben, sie kennen den Täter so, aber lass ihn doch mal in Ruhe. Viele meiden mich, weil ich doch was gesagt haben.

    Und so viel Geld habe ich nicht. Der Weiße Ring wollte wegen Erstberatungsscheck alle Infos haben, was ich nicht wollte, weil eine Verwandte von der Außendienstleiterin auch im Metier arbeitet - und sie verplappert zuviel und außerdem wollte sie mich auch zum Schweigen bringen. Und mehr wollten sie ohnehin nicht zahlen. Bei einem verlorenes Klageerzwingungsverfahren kommt ja locker eine 5-stlleige Summe zusammen.

    Irgendwo musste ich zwischen Prinzip und Realität wählen.

    Dispziplinarrechtlich passierte nicht viel, weil er schon vor dem Strafverfahren ohne Disziplinarverfahren weggelobt wurde. Und die Hochschule fühlt sich nicht mehr zuständig, weil er ja nicht da ist. Und wo er jetzt ist, fühlt man sich nicht zuständig, weil ich nicht da war. Außerdem würde da kein Disziplinarrecht greifen sondern Arbeitsrecht.

    Dass in Nordrheinwestfalen "die ohm obliegenden Pflichten" Verbot der sexuellen Kontakte beinhaltet, das wundert mich. Mir hatten die Beratungsstellen und die Gleichstellungsbeauftragten gesagt, dass das in Hamburg nicht der Fall wäre, weil Sex zwischen Mann und Frau erlaubt wäre, solange das freiwillig geschieht.

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  25. Und Disziplinarverfahren ist wohl auch so eine Sache. Hier gibt es einen Sozialgerichtspräsidenten, bei dem ein Verfahren wegen Kinderpornobesitz lief bzw. noch läuft. Das Strafverfahren wurde eingestellt, weil der Rechner ofiziell seiner Lebensgefährten gehörte und man nicht nachweisen konnte, dass er die Dateien selbst runtergeladen hatte. Das Disziplinarverfahren läuft seit 3 Jahren - solange ist er vom Dienst suspendiert beim vollem Gehalt (weil man keine andere geeignete Ersatzarbeitsstelle für ihn finden kann). Und angeblich versucht er, das Disziplinarverfahren in die Länge zu ziehen, weil das für seine Rente besser ist.

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  26. Nachtrag zu Post von 08:36 Uhr

    Und das ist wo es wohl ganz entscheidend wird, ob man nur Studentin war oder auch Mitarbeiterin. Eine Mitarbeiterin hat als Beschäftigte der Hochschule andere arbeitsrechtliche Rechte. Also wenn die Mitarbeiterin über ihren Chef beschwert, muss die Hochschule als ihr Arbeitgeber dann für Abhilfe sorgen.

    Bei einer Studentin wird eine berufliche Abhängigkeit nicht gesehen, daher hat diese diesen Anspruch nicht.

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  27. ...in Bielefeld gibt es explizit Richtlinien, die auch für Studentinnen gelten:
    http://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Ueberblick/Organisation/Verwaltung/Dez_II/Mitteilungsblatt/30-nr-05.html

    Dort heißt es: "1.5
    Die Richtlinie gilt für alle Mitglieder und Angehörige der Hochschule, insbesondere sind Personen einbezogen, die nicht arbeits- oder dienstrechtlich an die Universität gebunden sind und vom Beschäftigtenschutzgesetz nicht oder nicht ausreichend erfasst werden".

    Auch bei mir in der Einstellung hieß es sinngemäß, dass der Täter aufgrund seiner charakterlichen Züge und seiner Funktion als Frauenheld nicht erkennen konnte, dass ich es nicht wollte. Schön, ne?

    Und natürlich das Übliche: ich hätte mich mehr wehren können etc.

    Als ich mich zum ersten Mal offenbart habe, bin ich ohne einen Anwalt und ohne vorher beim Weißen Ring gewesen zu sein, zum Rektor gegangen, weil es mir einzig und allein um meine Gesundheit ging und ich nicht noch einmal genötigt werden wollte. Ich wollte von diesem Mann weg, ich habe gar nicht über die Konsequenzen von Straf- oder Disziplinarverfahren nachgedacht, sondern habe einfach nur da weggewollt.

    Ich habe ein Buch über meine komplette Geschichte geschrieben mit dem Titel: "Rotkäppchen allein im Wald...". Mir hat das sehr geholfen, das Ganze zu verarbeiten und auch meine Gefühle zu schildern, denn vor der Justiz konnte ich das nicht so, wie ich es im Stillen kann, ich habe mich bei der Justiz immer bemüht, möglichst sachlich zu bleiben, was sich im Nachhinein als Fehler rausgestellt hat. Aber ich dachte, wenn ich in Tränen aufgelöst bin, hält man mich einfach nur für eine hysterische Kuh, ich wollte ja, dass der Sachverhalt aufgeklärt wird.

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  28. Ja, in Bielefeld gibt es das. Und deshalb kann die Bielefelder Uni ein Disziplinarverfahren auch bei einvernehmlichen Sex machen.

    In Hamburg gibt es das nicht, obwohl das schon seit Jahren im Gespräch ist.

    Ich bin zuerst weg, und erst dann kamen die Erinnerungen nach und nach hoch. Und da war ich auch bei einer Prefessorin, die mir dann gesagt hatte, dass es auch andere Opfer gibt, aber dass ich nicht anzeigen soll (mir wurde gedroht, dass die Professoren dann kollektiv aussagen würden, dass ich in den Prof. verliebt gewesen wäre).

    Danach war ich dann bei einer Anwältin und WR. Unr mir wurde zunächst von einer Anzeige abgeraten, weil ich bei den Fragen von der Anwältin ohnmächtig zusammen gebrochen war (die Erinnerungen waren zuviel) und ich draufhin ins Krankenhaus musste.

    Dann kamen paar Jahre Therapie, und dann fand sich eine andere, engagierte Anwältin, die mich unterstützten wollte. Aber sie sagte mir auch, wie die Rechtslage ist, und wie ihre Erfahrung mit der Justiz ist. (Da werden Fälle, die viel schlimmer sind als meine, auch bei Minderjährigen, eingestellt oder der Täter freigesprochen).

    Und sie meinte auch, dass ich mich schützen soll, weil man nicht wirklich auf die Justiz bauen kann.

    Hamburg ist nämlich sehr liberal, was Sex angeht. Gerade die Feministinnen sagen, dass Frauen für die Zulassung von Sex selbst verantwortlich sind, denn sonst macht man sich vom Mann abhängig - das ist das modernste Frauenselbstbild.

    Den Kindern wird ja heutezutage auch beigebracht, dass sie sich gegen missbrauchende Lehrer wehren sollen und müssen, und nicht immer Authoritätspersonen zu gehorchen.

    Von daher ist die Institution Hochschule mit ihren Klüngelstrukturen eigentlich die veralteteste Einrichtung.

    Und klar, jetzt, in dieser Zeit, nach allen meinen Erfahrungen, würde ich auch einen Prof. schlagen. Aber damals konnte ich das nicht.

    Und ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass im Strafverfahren was geändert hätte, wenn ich den Prof. geschlagen hätte.

    Ohne Messer oder Pistole hat man da einfach keine Chance.

    Und für mich war es sehr traurig, dass man mir auch gesagt hatte, dass das deutsche Kultur wäre, und wenn ich bis Anfang 20 noch nie Sex hatte und wollte, ich nicht integriert wäre.

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  29. Was für mich eigentlich am Schlimmsten war, war der Ton des Richters bzw. der Staatsanwaltschaft.

    Ich sehe ja ein, dass man nicht nachweisen kann, dass er mit böser Absicht handelte. Was ein Mensch dachte und fühlte, kann ja kein anderer Mensch wirklich wissen.

    Aber statt zu schreiben, dass man eben diese Absicht nicht nachweisen kann, und man deshalb das Strafverfahren einstellen muss, weil wir ja in einem Rechtsstatt leben und nach bestimmten Vorschriften urteilen müssen, schreiben die Behörden, dass der Mann so und so gedacht haben muss, weil ich so und so behandelt hat.

    Als ob die in seinen Kopf gucken können.

    Und das ist für mich verletzend.

    Für mich hatte das zur Folge, dass ich nicht mehr an Justiz glaube.

    Und bin immer wieder erschrocken, dass die Gesellschaft immer noch oft denkt, dass ein Gerichtsurteil die Wahrheit ist. Aber früher war ich ja auch naiv und gläubig, bis ich selbst meine eigenen Erfahrungen mit der Justiz machte.

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  30. Das stimmt auch, denn ich (Bielefeld) wurde mit einem Messer bedroht und er stritt es in seiner ersten Vernehmung ab, danach, auf Nachfrage bei der Staatsanwaltschaft sagte er nur, dass er mir ein 16-18 cm langes Messer "gezeigt" habe, weil es sich um ein Sammelmesser handele. Aber es stimme, dass es in einer Holskiste hinter dem Sofa läge, so wie ich es seit der ersten Vernehmung erklärt habe.

    Also selbst wenn der Prof sagt, er habe ein Messer gezeigt, ist das völlig egal: http://www.nw-news.de/lokale_news/bielefeld/bielefeld/3238885_Sex-Affaere_Professor_soll_doch_vor_Gericht.html?em_index_page=2&set_style=1

    Ich glaube, man muss schon schwer verletzt sein, um Beweise zu haben, alles Andere endet sonst in einer Aussage-gegen-Aussage-Situation.

    Aber jetzt mal eine andere Frage an Euch beide: gibt es nicht die Möglichkeit, dass wir uns zu dritt geschlossen ans Ministerium oder vielleicht auch sonstwohin wenden, um einfach mal darzustellen, dass jeder dieser Fälle kein Einzelfall ist? Man kann doch trotzdem anonym bleiben, selbst im Fernsehen gibt es doch die Möglichkeit mit der Schattenwand und der verzerrten Stimme.

    Vielleicht melden sich dann auch andere Opfer und es ensteht eine Kettenreaktion.

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  31. Hallo liebe Blog-Follower!



    Ich bin durch Zufall während einer recherchiere auf diesen Blog gestoßen und bin fassungslos. Ich bin Reporter für das RTL Regional Magazin „Guten Abend RTL“. Am Wochenende gibt es in Hamburg (und Deutschlandweit) einen „SlutWalk“. Ein Aufschrei aller Opfer und Betroffener, die auf die Banaliserung von sexualisierter Gewalt im Alltag. Wir möchten dieser Message gern ein breites Medium eröffnen. Damit das Thema aber nicht nur mit einer bunten Demo verpufft, würden wir gern auch die Geschichte einer Betroffenen erzählen. So hätte das Thema mehr Tiefgang. Ich weiß nicht wie sie zu RTL stehen kann mir vorstellen das es immer Vorbehalte gibt. Ich möchte sie dennoch ermuntern sich bei mir zu melden, denn unser regional Magazin geht mirt solch sensiblen Thmen immer sehr gut um. Gerne hänge ich ihnen Beiträge von mir/uns an, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen.

    Wenn sich Betroffene melden mögen, wäre ich froh.

    Ich würde mich über ein Telefonat sehr freuen.



    Mit freundlichen Grüßen,



    Nino Seidel



    http://www.rtlregional.de/player.php?id=16380&tag=nino%20seidel&seite=0



    http://www.rtlregional.de/player.php?id=14705&tag=opfer&seite=11

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Ich freue mich auf zum Thema passende Kommentare und konstruktive Beiträge zur Diskussion. Bitte unterlassen Sie persönliche Angriffe und Beleidigungen sowie Spam und Werbung. Wenn Sie über Ihre eigene Erfahrung bezüglich sexueller Gewalt oder Machtmissbrauchs berichten möchten, benutzen Sie bitte keine Namen oder persönliche Daten, mit denen beteiligte Personen eindeutig identifiziert werden können (z.B. Dekan der Fakultät X an der Uni Y).