Montag, 14. März 2011

Brief an die Leitung der Universität Hamburg



Am 15. November 2010 sendete ich per E-Mail einen Brief an die Leitung der Universität Hamburg bezüglich der Verfahren gegen meinen Doktorvater. Der Brief ging an den Präsidenten, die Universitätskanzlerin, die Leiterin der Abteilung Recht, Personal und Organisation, den Leiter des Rechtsreferats und die Gleichstellungsbeauftragte. Ich habe nie eine Antwort erhalten. Hier veröffentliche ich den Brief.

Betreff: Verfahren gegen Prof. Dr. [Vollname meines Doktorvaters]

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich richte diesen Brief an Sie, da Sie im Februar-März 2010 erfahren haben, dass ich Opfer sexueller Nötigung durch Prof. Dr. [Vollname meines Doktorvaters], meinen vorherigen Doktorvater, wurde. Wie Sie wissen, hat die Universität Hamburg ein Disziplinarverfahren eingeleitet und eine Strafanzeige gegen den o.g. Professor erstattet.

Von Anfang an hatten die Angaben, die ich gegenüber Frau Prof. Dr. [Gleichstellungsbeauftragte] gemacht habe, viele Folgen und Nachteile für mich. Ich wohnte allein in Hamburg, da mein Ehemann in [Ort; Ausland] arbeitet, und meine einzige Unterstützung kam von meiner Therapeutin, Dipl.-Psych. [Name meiner Therapeutin]. Zunächst war ich mit der Einleitung eines Strafverfahrens nicht einverstanden, da ich nicht wusste, was mich erwartete und ich war sicher, dass es aus Mangel an Beweisen eingestellt würde. Die Schritte bezüglich des Disziplinar- und Strafverfahrens waren für mich nie klar, da verschiedene Leute unterschiedliche Angaben gemacht haben. Ich lebte zwischen März 2010 und August 2010 in einer großen Unsicherheit und war isoliert von der Universität, während ich nur auf Nachrichten über das Verfahren wartete.

Erst im Juli 2010 gab es eine Lösung für meine Dissertation, die seit Oktober 2009 fertig war und aufgrund der Drohungen von Herrn [Nachname meines Doktorvaters] damals nicht abgegeben werden konnte. Die Lösung war leider nicht die ideale und bestand darin, meine Zweitgutachterin, Frau Prof. Dr. [Name der Professorin], als Erstgutachterin zu beauftragen. Frau [Nachname der Professorin] hatte mehrmals erklärt, dass sie das nicht wünschte, und nur auf Aufforderung der Universität hat sie das Erstgutachten übernommen, nicht aber eine Betreuung. Im August 2010 habe ich die Dissertation eingereicht; eine Dissertation, die von Herrn [Nachname meines Doktorvaters] sehr willkürlich betreut wurde, indem er sie einmal lobte, ein anderes Mal schlecht machte, sie aber im Falle einer „privaten Unterredung“ wiederum für gut befinden würde. Damit habe ich die Gelegenheit verloren, eine Arbeit zu schreiben, auf die ich stolz sein kann und gut betreut wurde. Mein Ziel war es nicht, einfach schnell eine Promotion abzuschließen, unabhängig von der Qualität der Arbeit. Als ich 2007 als [Name der Stiftung]-Stipendiatin nach Deutschland kam, strebte ich große akademische Ziele an. Die bis dahin vollbrachten Schritte können Sie aus dem Lebenslauf im Anhang ersehen. Ich war vorher eine ausgezeichnete Studentin, die Freude am Lernen und an der Wissenschaft hatte. Nach der sexuellen Nötigung bin ich eine deprimierte und hoffnungslose Frau, die durch die enorme Belastung des Verfahrens und die Traumatisierung aufgrund dieser Erfahrungen am Boden zerstört ist.

Einige Personen denken, dass mein Ruf zu beschädigt ist, um eine wissenschaftliche Karriere weiter zu verfolgen, weil ich nicht erwarten kann, dass mein ehemaliger Doktorvater in Zukunft etwas Positives über mich sagen wird. Im Gegensatz zu mir hatte das Verfahren für ihn absolut keine Folgen. Er hat nicht ausgesagt, er hat der polizeilichen Vorladung keine Folge geleistet, er war nicht in einer Anhörung an der Universität, während ich zu einer Polizeivernehmung gehen musste, wo ich behandelt wurde, als ob ich die Beschuldigte wäre, und ich im Rechtsreferat in zwei Anhörungen (je 2 1/2 Stunden lang) den Sachverhalt mit Details erzählt habe. Ich wurde unter Druck gesetzt, meine Therapeutin von der Schweigepflicht zu entbinden und erst nachdem ich das machte, wurde mir mitgeteilt, dass ich mit ihr nicht mehr sprechen darf, da man interpretieren könnte, ich wolle eine Zeugin im Strafverfahren manipulieren.

Dieser Vorfall war so schwer und hatte so viele Konsequenzen für mich in verschiedenen Lebensbereichen, dass ich kaum nachvollziehen kann, dass der Täter, Prof. Dr. [Name meines Doktorvaters], noch an der Universität Hamburg tätig ist, bis vor kurzem noch Direktor des Instituts [Name des betreffenden Instituts] war und keine Konsequenzen daraus zu ziehen hat. Dies auch unter der Prämisse, dass seine unglaubwürdige Version der Geschichte wahr wäre: Darf ein Professor sexuellen Kontakt zu einer Doktorandin haben und sie dann weiterhin betreuen, trotz dem offensichtlichen Interessenkonflikt? Müsste dies nicht irgendwelche Konsequenzen nach sich ziehen? Es wäre ja auch möglich, dass ich nicht das einzige Opfer von Herrn [Nachname meines Doktorvaters] bin. Er betreut andere Studentinnen, welche in einer ähnlichen Situation wie ich sind: sie erhalten Stipendien, kommen aus dem Ausland oder aus anderen deutschen Städten und haben keine Familienangehörigen in Hamburg. Andererseits wurde im [Name des betreffenden Instituts] immer wieder kommentiert, dass es Fälle von unfairer Beurteilung (zu hohe oder zu tiefe Noten) gibt und viele Studentinnen Probleme mit seiner Betreuung haben und sich einen Wechsel gewünscht haben. Ich denke, dass es auch im Interesse der Universität ist, herauszufinden, ob es weitere Opfer gibt und zu verhindern, dass jemand anders in dieselbe Lage wie ich gerät. Bis jetzt besteht das Strafverfahren darin, meine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Dabei trage ich das ganze Gewicht des Verfahrens.

Ich weiß, die Universität Hamburg kann nichts mehr für mich machen, aber ich denke, die anderen Studentinnen, die von Herrn [Nachname meines Doktorvaters] betreut werden, sollten die Gelegenheit haben, zu wissen, was passiert ist und sich zur Sache zu äußern, falls sie auch etwas Ähnliches erlebt haben. Stillschweigen schützt nur die Täter und verhindert, dass andere Opfer Unterstützung erhalten. Opfer solcher Delikte schweigen oft, weil sie denken, dass ihnen niemand glauben und helfen wird und sie um ihr berufliches Fortkommen fürchten. Aus diesen Gründen habe ich lange geschwiegen, anstatt den Vorfall im Juli 2008 sofort bei der Polizei zu melden. Dies war ein Fehler, den ich sehr teuer bezahlt habe. Die Tatsache, dass ich aufgrund des Schweigens gezwungen war, ein diplomatisches Verhältnis mit Herrn [Nachname meines Doktorvaters] zu haben und ihn bei guter Laune zu halten, um die Hoffnung einer objektiven Bewertung zu behalten, spricht heute gegen meine Glaubwürdigkeit.

Als ich im September 2008 beim Akademischen Auslandsamt und im Februar 2010 bei der Zentralen Studienberatung den Fall gemeldet habe, wurde mir mitgeteilt, dass ich nicht das einzige Opfer einer sexuellen Nötigung durch einen Professor der Universität Hamburg sei. Deswegen bitte ich die Universität darum, solchen Fällen nachzugehen. Nur Opfer sexueller Gewalt wissen, wie zerstörend eine solche Erfahrung für das Leben einer Person ist. Ich habe den Weißen Ring und die Beratungsstelle Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e.V. über meinen Fall informiert und um Beratung gebeten.

Ich danke Ihnen für die Kenntnisnahme und grüße Sie freundlich

[Mein Name]

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