Montag, 7. Februar 2011

Strafverfahren: Paderborn (2007)

Die genannte Jahrzahl entspricht dem Jahr, in dem der Fall öffentlich bekannt wurde.

Fakten: Ein 59-jähriger Germanistikprofessor hat zwei Studentinnen gefilmt, während sie auf seine Aufforderung hin aufreizende Bewegungen und sexuelle Posen vor laufender Kamera vorführten. Die Teilnahme an diesem Video war eine Bedingung, damit sie eine Bescheinigung für eine von ihm geleitete Lehrveranstaltung bekommen. Nach der Videoaufnahme hat eine der Studentinnen Strafanzeige gegen den Professor erstattet. Er begründete, die Videos dienten einem Forschungsprojekt über nonverbale Kommunikation. Diese Begründung half ihm allerdings nicht. Der Professor wurde mit einem Strafbefehl zu einer Geldbusse von 9000 Euro verurteilt.

Quellen:
Paderborner Professor zwangspensioniert (10. Januar 2007);
Strafbefehl gegen Paderborner Prof. (02. März 2007);
Geldbuße für Germanistikprofessor (07. Mai 2007). In: InFakt [Radionachrichten]. (Alle drei Beiträge sind unter diesem Link zu finden)


„Video-Professor“ Hartig wegen sexueller Nötigung vor Gericht – Verfahren eingestellt (16. Mai 2007). In: AStA Luego – Die Woche, 15. S. 4-5. Abrufbar auf der Webseite des AStA Paderborn: AStA Luego Archiv 2006/2007.

Kommentar:
Obwohl der Paderborner Professor die Studentinnen gar nicht berührt hat, gilt dieser Fall als sexuelle Nötigung, da er den Studentinnen mit der Bescheinigung unter Druck gesetzt hat und eine Drohung abgab, womit er ihre Teilnahme am Videodreh sichern konnte. Die Abhängigkeit von den Professoren macht die Studenten immer anfällig. Sie sehen mit Schrecken, dass die Arbeit eines ganzen Semesters verloren gehen kann, nur weil sie einen Schein vom Seminarleiter nicht bekommen. Oft können die Studenten nicht beweisen, dass sie die dazu erforderlichen Leistungen doch erbracht haben. So erklärt sich, dass die Studentinnen zunächst beim Videodreh mitmachten. Da zwei Studentinnen betroffen waren und die Videos selbst als Beweis galten – womit nicht eine Situation „Aussage gegen Aussage“ vorlag – kam es zu einer Verurteilung.

Der Professor hatte bereits vorher Probleme mit der Uni Paderborn, die mit einer Zwangspensionierung zu tun hatten. Es erweckt den Anschein, dass dieser negative Eindruck des Professors gegen ihn sprach. Es wundert mich, dass sein voller Name in einer Zeitschrift des AStA der Uni sowie in Rundfunkmeldungen der Hochschule erwähnt wird. Dies zeigt, dass die deutschen Universitäten ganz unterschiedliche Reaktionen auf solche Fälle zeigen und Datenschutz nicht immer die Regel ist.

Kommentare:

  1. Hns Harald Hansen21. Mai 2012 um 17:04

    Ich habe bei Professor Matthias Hartig in den Jahren 1982 bis 1987 studiert. Er gab mir wertvolle Anregungen bezüglich der Psychologie in der Sprachverwendung. Noch heute kann ich in meinem Beruf viele wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen.
    Zu meinen Schrecken habe ich die Vorwürfe von Frauen gehört -- nie aber selbst erfahren, obgleich seine Seminare zur damaligen Zeit mit über 80 % von Frauen besucht wurden -- die damals alle vom Professor bezüglich seines Wissens begeistert waren - kann mich sogar daraun erinnern, dass damals von der Nachbaruniversität Bielefeld Teilnehmer kamen, um von seiner Lehre zu profitieren. ER war damals ein Professor "zum Anfassen" mit dem jeder ungezungen reden konnte. Ich kann mir vorstellen, dass leistungsschwache Studentinnen durch solche Behauptungen billig zu Scheinen oder Geld kommen wollen. Mir ist bekannt, dass Herr Professor Hartig, dem weiblichen Geschlecht zugeneigt ist -- aber welcher nicht homosexuelle Mann ist das nicht? Also, er hat Frauen gefilmt, das tat er auch schon damals, aber doch nur, um deren Auftreten (Körpersprache)wissenschaftlich zu untersuchen bzw. Beispiele für seine Kommunidations-Seminare zu sammeln. So wie ich den Professor kennengelernt habe, war er gerade zu Frauen immer sehr geduldig. Ergo, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der hochintelligente Professor Hartig, der schon mit 27 Jahren damals der jüngste Professor der BRD war, dass er mit den Videoaufnahmen irgendwelche sexuelle Abschichten verfolgt hat. Schon zu meiner Zeit tauchten an der Uni merkwürdige Gerüchte auf - wie, dass er nackt mit Frauen durch die nächliche Universität gewandelt sei. Wirklich lachhaft -- schon damals war die Uni total Vidoüberwacht. Also hätte es schon damals dafür Beweisfilme geben müssen. Gab es aber nicht. Professor Hartig ist von Haus aus nicht gerade arm - schon damals wurde er angefeindet. Z.B. dass er einen 911 Porsche fuhr. Neid? Herr Matthias Hartig wohnt in Frankfurt am Main -- circa 300 km von Paderborn entfernt. Prof. Hartig hatte damals eine Gastprofessour an der Goetheunitversität in Frankfurt -- er brauchte schon aus beruflichen Gründen ein solch schnelles Auto. Also ich fand, dass Professor Dr. M. Hartig ein guter Professor war bzw. ist - der wissenschaftlich mit seinen Studenten arbeitet und diese so belehrt.
    Hans Harald Hansen

    AntwortenLöschen
  2. Sehr geehrter Herr Hansen,

    ich danke Ihnen für Ihren Kommentar. Ich kenne den o.g. Professor nicht und kann nicht über seine Person urteilen. Wie man im Post sehen kann, habe ich die Informationen aus Presse-Artikeln genommen, die verlinkt werden.

    Im Allgemeinen ist es nicht selten, dass Täter intelligent, beliebt und populär sind - was auch dazu beiträgt, dass Opfern von ihnen nicht geglaubt wird. Berufliche Leistungen, Ausbildung und Wohlstand spielen auch keine Rolle dabei. Obwohl viele Täter Wiederholungstäter sind, kann ich mir gut vorstellen, dass einige nur einmal etwas Schlechtes gemacht haben und direkt zur Rechenschaft gezogen werden, im Gegenteil zu Anderen, denen trotz mehreren Anzeigen niemand etwas beweisen kann.

    Niemand kann in den Kopf einer anderen Person sehen und wissen, was sie alles in ihrem Leben getan hat. Oft ist man überrascht, wenn man erfährt, was eine Person getan hat, was man von dieser niemals erwartet hätte.

    Herzliche Grüsse
    Lucrezia

    AntwortenLöschen
  3. In manchen Fächern ist die Grenze zwischen Wissenschaft/Lehre und Privatvergnügen/Straftat fließend, und gerade das macht es für die Opfer schwer.

    In künstlerischen Fächern wie Schauspiel oder Oper gehört es zum Unterricht, dass man lernt, wie man auf der Bühne Sex und Liebe darstellt.

    In anderen praktischen Fächern wie Sport oder Instrumentalunterricht gehört es zum Unterricht, dass man lernt, wie man seinen Körper einsetzt. Da gehört körperlicher Kontakt auch zum Unterricht.

    In manchen wissenschaftlichen Fächern wie Literaturwissenschaft oder Kunstwissenschaft gehört es zum Unterricht, dass man mit Themen wie Eros und Gewalt auseinandersetzt.

    In Kunstunterricht gibt es Aktzeichnen. Im Medizinstudium lehrt man über menschliche Körper.

    Wiedermal in anderen Fächern wie Psychologie, Kommunikationswissenschaften, Kriminologie lernt man über Mechanismen der Gewalt.

    In vielen Studenfächern kann es also zu sexuellen Übergriffen kommen, getarnt als Studieninhalt. Oder aber manche Lehrende sind so insensibel, dass sie solche "Projekte" tatsächlich nur als reine Studieninhalte empfinden und nicht mal merken, wie übergriffig sie damit sind.

    Gerade Dozenten, die solche Fächer lehren, müssen daher extra sensibilisiert für das Thema sein, dass sie diese Grenze für sich selbst bewußt machen.

    AntwortenLöschen
  4. Diese Analyse ist sehr interessant und erklärt vielleicht, weshalb viele von den öffentlich gemachten Fällen an Universitäten und Schulen Personen aus diesen Fächern betreffen. Dies erinnert mich auch an eine frühere Diskussion in diesem Blog über die Häufigkeit von Geisteswissenschaftlern in Filmen und Büchern über das Thema.

    Ich bin auch der Meinung, dass die Dozenten von diesen Fächern mehr Sensibilisierung brauchen und ihre Verantwortung auch wahrnehmen sollten. Im akademischen Bereich ist es nicht selten, dass durch eine "wissenschaftliche Objektivität" Engagement gegenüber problematischen Themen verhindert wird.

    AntwortenLöschen
  5. Dr.Renate Bielefeld-Kuschinski1. Juli 2012 um 17:16

    Matthias Hartig war viele Jahre ein Kollege, dem der Neid vieler gewiss war und ich denke, wo solch ein Neid regiert, finden sich immer solche, die Handlangerdienste erledigen. Matthias Hartig war einer der wenigen meiner damaligen Unikollegen, die ich geschätzt habe wegen Integrität, Intelligenz und Unbestechlichkeit. Ich weiss, dass er nicht einmal wollte, dass ihn jemand verteidigt, trotzdem, diese feigen Diffamierungen hat er nicht verdient !!!!!

    AntwortenLöschen

Ich freue mich auf zum Thema passende Kommentare und konstruktive Beiträge zur Diskussion. Bitte unterlassen Sie persönliche Angriffe und Beleidigungen sowie Spam und Werbung. Wenn Sie über Ihre eigene Erfahrung bezüglich sexueller Gewalt oder Machtmissbrauchs berichten möchten, benutzen Sie bitte keine Namen oder persönliche Daten, mit denen beteiligte Personen eindeutig identifiziert werden können (z.B. Dekan der Fakultät X an der Uni Y).