Dienstag, 22. Februar 2011

Strafverfahren: Hannover (2007-2008)

Die genannten Jahrzahlen entsprechen dem Zeitraum zwischen der Erhebung der Anklage gegen den Professor und dessen Verurteilung.

Fakten: Dieser Fall ist nicht zu verwechseln mit dem der Uni Hannover im Jahr 2004, über den ich in einem anderen Post berichtet habe. Hier geht es um einen Juraprofessor, der sich wegen Bestechlichkeit vor Gericht verantworten musste. Eine Studentin war mitangeklagt, da sie im Gegenzug zu sexueller Zuwendung eine gute Note und eine Stelle als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl des Professors bekam, was sie gestanden hatte. Einer anderen Studentin hat der Professor bessere Noten gegen Sex gegeben und einer dritten hat er für dieselbe Gegenleistung einen Schein für ein von ihr nicht besuchtes Seminar angeboten.

Diese Vorfälle mit den Studentinnen waren ein Sekundärpunkt im Verfahren, das sich vor allem mit den Promotionsverfahren beschäftigte, mit denen der Professor Geld verdient hatte. Durch eine Firma für Promotionsberatung wurde der Professor bezahlt, um durch seine Vermittlung und Beratung von Doktorarbeiten mehr als sechzig Kunden zum Doktortitel zu verhelfen. Insgesamt soll er dafür rund 184.000 Euro bekommen haben (*). Die Universität Hannover erstattete Ende 2004 Strafanzeige gegen den Professor. Er wurde 2006 von der Uni suspendiert und saß ab September 2007 wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Im April 2008 wurde der damals 53-jährige Professor zu drei Jahren Haft verurteilt. Die mitangeklagte Studentin wurde bereits vorher mit einer Geldstrafe von 1800 Euro belegt. Ein Jahr später wurde das Urteil (dreieinhalb Jahre Freiheitsstrafe und eine Geldstrafe von 75.000 Euro) gegen den ebenfalls angeklagten Geschäftsführer der Promotionsberatungsfirma rechtskräftig.

(*) Die Anzahl der Bestechlichkeitsfälle, der Doktoranden und die erhaltene Geldsumme variieren in den Presseartikeln über den Fall.

Quellen:


















Kommentar:
Dies ist ein komplizierter Fall, der nicht nur mit Sex als Gegenleistung zu tun hat, sondern mit Bestechlichkeit im weitesten Sinne und Korruption im Allgemeinen. Der Fall, der große Aufmerksamkeit bei der Presse erregte und viel Staub aufwirbelte, entfachte die Diskussion über das Thema „Titelkauf in Deutschland“ und die Möglichkeit, dass viele Studenten, die diesen Titel haben, ihn durch solche Vermittler, mit Geld oder Sex als Gegenleistung oder auf anderen unlauteren Wege erlangt haben. Diese Diskussion ist im Moment aufgrund der Plagiatsvorwürfe gegen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wieder sehr präsent in der Presse.

Bei bestechlichen Professoren gibt es natürlich nicht nur diejenigen Studenten, die die unmoralischen Angebote ablehnen, sondern auch die Personen, die sich vom Angebot „verführen lassen“ und damit in einen Teufelskreis geraten. Natürlich gäbe es keine bestechenden Studenten, wenn es keine bestechlichen Professoren gäbe. Wie immer stärkt die Straflosigkeit das Fortbestehen dieser Kreise, aber in diesem Fall hat sich die Universität Hannover stark für die Gerechtigkeit eingesetzt und alle Beteiligten zur Rechenschaft gezogen. Der Juraprofessor war nicht der Einzige an der Hochschule, der die Konsequenzen tragen musste, sondern auch die Studentin und die von ihm betreuten Doktoranden, die unter Verdacht und Risiko einer Aberkennung ihres  Doktortitels standen. Zufällig habe ich vor kurzem die Zusammenfassung eines Urteils, das einen der Doktoranden betrifft, in der letzten Ausgabe (2/11) der Zeitschrift Forschung und Lehre (S. 138) gelesen.

Interessant finde ich, dass die Uni Hannover auf diesen Professor aufmerksam geworden ist, weil Studentinnen Belästigungen von ihm meldeten und ihren Wunsch anbrachten, nicht von ihm geprüft zu werden, da sie befürchteten, später unter einem schlechten Ruf zu leiden (vgl. „Doktortitel“ 2005, Baumann 2007, „Doktortitel“ 2007, von Lucius 2008). Hervorzuheben ist die wichtige Rolle, die Studenten bei der Entdeckung und Meldung solcher Fälle spielen können, da vor allem sie die Betroffenen sind.

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