Sonntag, 13. Februar 2011

Machtmissbrauch an Hochschulen: Rollen, die wir für unsere Professoren spielen

In diesem Blog schildere ich die sexuelle Gewalt durch Universitätprofessoren als ultimativen Ausdruck des Machtmissbrauchs an Hochschulen. Es gibt jedoch verbreitete Praktiken innerhalb der Hochschule, die nicht zwingend etwas mit Sex zu tun haben, aber trotzdem auch Formen der Ausbeutung von Studenten – männlichen und weiblichen – darstellen. Aufgrund unserer Bereitschaft, unseres Strebens nach einer akademischen Laufbahn oder unseres Status als Doktoranden fällt es uns schwer, „Nein“ zu sagen und wir lassen uns von unseren Professoren ausnutzen, indem wir Rollen spielen, die nichts mit unserer Tätigkeit als Studenten zu tun haben. Hier präsentiere ich eine nicht abschließende Liste solcher Rollen:

1.- Ghostwriter: Es trifft häufig zu, dass Doktoranden, Projektmitarbeiter und wissenschaftliche Assistenten Artikel oder Vorträge schreiben, die nur mit dem Namen des Professors unterschrieben sind. Eine weniger schwere Variante besteht darin, dass der Name des Professors und des Studenten zusammen als Autorenbezeichnung erscheinen, obwohl der Professor gar nichts zum Artikel oder Vortrag beigetragen hat.

2.- Ehrenamtliche Lehrer: Damit meine ich, dass der Student Tätigkeiten als Dozent aufnimmt, ohne eine Stelle oder einen Lehrauftrag an der Uni zu haben oder auch andere Aufgaben, die unbezahlt und nicht anerkannt bleiben. Dazu zählen bspw. die Vertretung von Professoren bei Vorlesungen oder Seminarsitzungen sowie die Korrektur von Prüfungen und Hausarbeiten durch Doktoranden oder fortgeschrittene Studenten.

Ich habe zusammen mit meinem Doktorvater ein Seminar unterrichtet. Er hat mir gesagt, es handle sich um einen bezahlten Lehrauftrag. Kurz vor Beginn des Seminars erfuhr ich, dass die Stelle, die ich anscheinend inne hatte, gar nicht existiert. Natürlich wurde ich für meine Arbeit nicht bezahlt. Ich wollte alleine ein Proseminar unterrichten, wie die meisten anderen Doktoranden im Institut auch. Mein Professor stellte die Bedingung auf, dass ich dieses Seminar zusammen mit ihm unterrichte, ansonsten würde ich keine weitere Möglichkeiten bekommen. Wie man in diesem Beispiel sieht, kann eine solche Ausbeutung von Studenten vor oder nach einem Vorfall sexueller Nötigung vorkommen. Jahre früher, in meinem Heimatland, wollte ein Professor, dass ich ihm privaten und kostenlosen Deutschunterricht erteile. Da ich mich geweigert habe, hat er gegenüber anderen Kollegen schlecht über mich gesprochen, obwohl ich nie bei ihm ein Seminar besuchte oder er eine Arbeit von mir betreut hat.

3.- Lektoren und Übersetzer: Lektorat und Übersetzung sind ziemlich teure Arbeiten, aber viele Professoren verzichten gern auf bezahltes Personal und lassen Material von Studenten korrigieren und übersetzen. Ausländische Studierende, Muttersprachler der Zielsprache der Übersetzung oder des zu prüfenden Textes, sind hier am meisten betroffen. Diese Aktivitäten können sehr zeitraubend für die Studenten sein. Fast immer dienen sie für Texte des Professors. Die Studenten erhalten keinerlei Anerkennug oder Bezahlung.

4.- Computertechniker: Viele Professoren kennen sich nicht besonders aus mit dem Computerequipment und auf keinen Fall wollen sie einen professionellen Computertechniker bezahlen, wenn sie Probleme haben. Computerbegabte Studenten geben in diesen Fällen Beratung rund um die Uhr, häufig bei den Professoren zu Hause oder in ihren Büros. Ihre Tätigkeiten sind vielfältig: Software und Hardware installieren, Probleme lösen, oft auch diejenigen Aufgaben erledigen, für die man den Computer benötigt: Excelgraphiken, PowerPoint Präsentationen oder Datenbanken erstellen. Wenn der Student auch Programmierkenntnisse hat, ist es nicht selten, dass er auch Programme für den Professor entwickelt. (Achtung: das Letzte gilt für Studenten, die nicht Verwaltungshilfskraft sind und keine Stelle am Lehrstuhl des Professors haben, die das von ihnen verlangt).

5.- Sekretäre: Diese Rolle überschneidet sich manchmal mit der des Computertechnikers. Zu den Aufgaben gehören: E-Mails des Professors schreiben, lange Arbeiten am Computer, Noten organisieren, Telefonate für den Professor machen, vor allem wenn dies ehrenamtlich geschieht.

6.- Probanden: Dies betrifft solche Experimente oder Forschungen, für die die Professoren Schwierigkeiten hätten, jemanden extern zu finden (entweder weil sie nicht suchen möchten oder Probanden bezahlen müssten). Ein Beispiel dafür ist der Fall der Uni Paderborn, wo die Studentinnen für die Videos zum Zweck der Forschung eines Professors posieren mussten (wobei das Forschungsprojekt eventuell auch nur vorgeschoben war). Manchmal werden die Studenten aufgefordert und praktisch gezwungen, an Umfragen oder anderen Forschungen teilzunehmen und sie haben keine Möglichkeit, dies abzulehnen.

7.- Partyplaner: Für private Veranstaltungen der Professoren ist es nicht selten, dass Studenten (ehrenamtlich) eingestellt werden. Zu ihren Aufgaben kann man zählen: Einladungen basteln, schreiben und zuschicken; Gästeliste führen; Location dekorieren; Essen und Getränke kaufen gehen und Musik auswählen. Die Professoren müssen nichts anderes tun als die Veranstaltung zu genießen.

8.- Köche und Kellner: Diese Rollen werden oft verbunden mit der des Partyplaners. Die Aufgaben umfassen das Kochen von Desserts, die Bereitstellung von Salaten und die Organisation von Buffets für Stammtische oder private Veranstaltungen der Professoren sowie auch das Servieren. Die Kellner beschränken ihre Aktivität nicht nur auf Sonderanlässe, sondern es kommt auch vor, dass sie während der Zusammenarbeit an der Uni für die Professoren Getränke holen und sie bedienen müssen. Das Putzen nach der Bedienung und dem Essen kann dabei auch inbegriffen sein.

9.- Boten: Dies beginnt mit einem Gefallen für den Professor. Die Aufgaben sind so leicht, dass sie harmlos zu sein scheinen. Mit der Zeit wird es fast zu einem unbezahlten und „freiwilligen“ Nebenjob. Dazu gehört bspw. folgendes: Hausarbeiten und Bücher tragen; zur Post, zum Copy-Shop oder zur Bibliothek gehen, um persönliche Sachen des Professors zu erledigen; Dokumente zu anderen Uni-Abteilungen bringen oder abholen.

10.- Chauffeur: Studenten mit eigenem Auto sind beliebt für diese Rolle. Sie stellen ihr Auto zur Verfügung, um den Professor zu fahren oder Gastprofessoren und Vortragende aus anderen Städten abzuholen. Es kann auch sein, dass der Student den Professor in einem Auto der Uni chauffiert, vgl. dazu den Fall der Uni Hohenheim, wo die Studentin ein Fahrzeug gefahren ist, während der Professor sie sexuell belästigt hat.

Das Traurige, wenn wir Studenten diese Rollen spielen, ist, dass die Anderen, die uns von außen sehen, denken, dass wir eine Elite sind, weil wir im Königreich der Professoren dienen dürfen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir aufgefordert sind, diese Rollen zu spielen, beweisen uns die Professoren damit nur, dass sie uns nicht respektieren und dass sie uns als Diener oder kostenlose Arbeitskraft betrachten.

Wenn Sie zwei oder drei dieser Rollen spielen – normalerweise spielt man mehr als eine – und Ihnen bewusst ist, dass Sie ausgebeutet werden, aber Sie machen alles mit der Hoffnung, sie hätten bessere Chancen auf eine akademische Laufbahn oder darauf, Gutachten und Empfehlungen der Professoren zu bekommen, werden Sie leider enttäuscht. Denn viele werden ausgebeutet, aber nur wenige werden auserwählt. Im Rahmen der Hochschulen ist es definitiv ein Machtmissbrauch, wenn wir für unsere unbezahlten und oft nicht akademischen Tätigkeiten bewertet werden und solche Rollen erdulden müssen. Diese verbreiteten Praktiken beweisen nur, dass man als normal bezeichnet, was nicht richtig ist und eine ungerechte Behandlung der Studenten darstellt.

Kommentare:

  1. Leider spielen Professoren dieses Spiel. Als Dokorant muss man leider sehr oft zurückstecken. Dazu kommen die befristeten Arbeitsverträge. Es wird also niemand etwas gegen diese Art der Ausbeutung sagen.

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Liz,
    danke für Deinen Kommentar. Wenn man nichts sagt und einfach so diese Art der Ausbeutung akzeptiert, wird sich nichts ändern. Wir können diese Situationen nur vermeiden, wenn wir sie bekannt machen. Das Tabu zu brechen ist der erste Schritt.

    AntwortenLöschen

Ich freue mich auf zum Thema passende Kommentare und konstruktive Beiträge zur Diskussion. Bitte unterlassen Sie persönliche Angriffe und Beleidigungen sowie Spam und Werbung. Wenn Sie über Ihre eigene Erfahrung bezüglich sexueller Gewalt oder Machtmissbrauchs berichten möchten, benutzen Sie bitte keine Namen oder persönliche Daten, mit denen beteiligte Personen eindeutig identifiziert werden können (z.B. Dekan der Fakultät X an der Uni Y).