Donnerstag, 24. Februar 2011

Die Rostocker Doktoranden und die Promotionskrise


Die Abgabe der Dissertation: Ein Glückspiel für die Studenten?

Letztes Wochenende bin ich auf einen Artikel der Zeit gestoßen. Er handelt von sechs Doktoranden, deren Dissertationen durchgefallen sind, weil ihr Betreuer erkrankte und sie die Arbeiten einreichen mussten, ohne sie vorgängig mit den aktuellen Gutachtern zu besprechen. In der Webseite der Zeitung habe ich einen Kommentar zum Artikel geschrieben (Nr. 51).

Nachdem ich über diesen Fall gelesen habe, war es für mich unvermeidbar, an meine eigene Situation zu denken. An der Uni Hamburg wurde mir am Anfang, bevor man über die Eröffnung eines Disziplinarverfahrens gegen meinen Doktorvater gesprochen hat, ein Gespräch mit meinem Doktorvater angeboten, damit wir zu dritt (unter Anwesenheit meiner damaligen Zweit- und heutigen Erstgutachterin) die fachlichen Probleme der Dissertation besprechen könnten. Ich fand es überraschend, dass so eine Lösung in Frage kommen sollte, nachdem ich eine schwere sexuelle Nötigung durch meinen Doktorvater erlebt habe. Dies hätte natürlich auch bedeutet, dass ich weiterhin von ihm abhängig wäre. Selbstverständlich war ich mit einer solchen Lösung nicht einverstanden, da es nicht um „fachliche“ Probleme der Dissertation ging, sondern um eine mangelnde Betreuung, die von der Nötigung geprägt war. Aber was kann man machen, wenn die einzigen Personen, die uns „helfen“, so etwas vorschlagen? Wird man einen schlechten Eindruck machen und die „Unterstützung“ verlieren, wenn man sich beschwert oder sich dem Vorschlag widersetzt? Ich war damit wieder in einer Zwickmühle, ohne zu wissen was zu tun, da die Gleichstellungsbeauftragte den Vorschlag damals gut fand. Obwohl ein Gespräch für fast zwei Monate später vereinbart wurde, fand es nicht statt, da die Uni sich in der Zwischenzeit für das Disziplinarverfahren gegen den Professor entschieden hat.

Dieser Fall der Uni Rostock ist ein Ausdruck des Problems der Abhängigkeit der Doktoranden vom Doktorvater und des Mangels an deutlichen Bewertungskriterien für Doktorarbeiten. Wenn ein Student nach einer langjährigen Promotion bei einer Dissertation durchfällt, bedeutet dies, die Betreuung war mangelhaft. Ein Professor, der eine Arbeit liest und sie von Anfang an betreut, kann einen Doktoranden richtig beraten, damit er die Promotion erfolgreich absolvieren kann. Hier liegt das Problem bei der mangelnden Betreuung, sowohl durch den ehemaligen Doktorvater als auch durch die Ersatzprüfer.

Die Probleme der Betreuung im Allgemeinen begünstigen andere problematische Situationen an Hochschulen wie die Plagiate, ein Thema, das durch die Vorwürfe gegen den Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ganz aktuell wurde.

Seitdem ich angefangen habe zu unterrichten war es für mich ziemlich einfach, Plagiate oder irgendwelche externe „Hilfe“ zu entdecken und ich benötigte keine fortgeschrittene Software dafür. Dies hat nichts mit einem besonderen Talent oder paranormalen Fähigkeiten zu tun. Es reicht, die Arbeit der Studenten sorgfältig zu lesen und sie zu kennen. Schon nach ein paar Seiten kann man den Schreibstil eines Studenten erkennen: seine Lieblingswörter, seine Art die Absätze anzufangen, die Argumentationen zu präsentieren und die Information zu organisieren. Wenn man einen Bruch in diesem Stil findet, ist dies oft ein Zeichen von etwas Seltsamem. In einer Doktorarbeit sollte der Betreuer seine Doktoranden im akademischen Sinne sehr gut kennen und mit ihnen das vorgelegte Material besprechen. Wenn die Studenten nicht genau erklären können, was sie geschrieben haben, wenn man eine Vielfalt von Stilen innerhalb weniger Seiten sieht, sind dies gute Gründe, an ein Plagiat zu denken. Jeder Betreuer, der die Arbeiten der Studenten aufmerksam liest, wäre in der Lage, dies zu bemerken. Wenn die Professoren das nicht schaffen, bedeutet dies Folgendes: a) die Betreuer lesen die Arbeit nicht oder ganz schnell und oberflächlich, weshalb sie alle Zeichen von schlechten Praktiken verpassen; b) es gibt nur eine Betreuung auf dem Papier und die Professoren beraten die Studenten überhaupt nicht d.h. diese arbeiten ganz allein und schreiben eine unbetreute Dissertation, mit der sie bei der Abgabe sozusagen an einem Glücksspiel teilnehmen.

Ich bin der Meinung, hier kann man Symptome einer Krise des Promotionssystems erkennen. Die traditionelle Promotion erleichtert alle Arten von schlechten Praktiken innerhalb des Studiums. Die Arbeit des Betreuers wird nicht kontrolliert, die Professoren haben einen Freibrief und können wirklich alles machen, was sie wollen, wie bspw. Änderungen der Forschungsrichtung bei einer fortgeschrittenen Arbeit verlangen, eine Kritik, die ich sehr häufig höre. Die Betreuung ist oft nachlässig und unbefriedigend, aber die Ansprüche an die Studenten sehr hoch. Die extreme Abhängigkeit vom Doktorvater, dessen Gutachten für Stipendien erforderlich ist oder der auch als Chef der Doktoranden am Lehrstuhl tätig ist – eine doppelte Abhängigkeit –, belässt die Studenten ausgeliefert im Fall einer Nötigung oder Bestechlichkeit des Professors. Die Isolierung der Arbeit bei externen Promovenden bewirkt, dass abgesehen vom betreuenden Professor niemand etwas über die Leistungen und die Arbeit der Studenten sagen kann.

In diesem Sinne finde ich die Promotionsprogramme besser, die den Besuch von Seminaren für Doktoranden, die Veröffentlichung von Artikeln in Fachzeitschriften und die aktive Teilnahme an Tagungen voraussetzen, was im Gegenzug zu der vielleicht längeren Dauer der Promotion ein Netzwerk und positive wissenschaftliche Kontakte zwischen den Doktoranden und den Professoren erlaubt. Dies im Gegensatz zur Isolierung bei einem allmächtigen Doktorvater.

Der Fall der Doktoranden an der Uni Rostock, der bestechlichen Professoren, der Plagiatsvorwürfe und der sexuellen Nötigung von Studentinnen zeigen, dass die Probleme im Zusammenhang mit der Promotion nicht Einzelfälle sind, sondern Grund genug, um sorgfältig darüber nachzudenken und eventuell eine Änderung der Bedingungen des Promotionssystems ins Auge zu fassen.

Die Promotion ist zu wichtig für uns Doktoranden und darf von der Uni nicht behandelt werden, als ob alles egal wäre: Promotion und Stipendium verlieren; keine Betreuung zu haben; Lösungen, die die schwierige Lage der Situation nicht beachten. Wir dürfen nicht der Willkür der Professoren ausgeliefert sein. Eine Universität, die sich für die Qualität der Lehre und die Zukunft der Studenten einsetzt, sollte sich Maßnahmen überlegen, um diese Krise anzugehen.

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