Mittwoch, 9. Februar 2011

Das Phantom der Uni

Kurz vor der Eröffnung des Disziplinarverfahrens gegen meinen Doktorvater wurde mir empfohlen, nicht zur Uni zu gehen. Während ich auf die Stellungnahme des Professors wartete, verbrachte ich ein paar Wochen im Ausland, aber ich hatte den Kopf die ganze Zeit in Hamburg. Damals ahnte ich nicht, dass ich zu einem Phantom werden würde.

Mein Doktorvater hat mich von seiner Doktorandenliste auf seiner Homepage gelöscht. Inzwischen war und ist er weiterhin an der Uni tätig. Mein Name wurde zum Tabu im Institut. Ich habe zu hören bekommen, dass nach der Disputation einer meiner Kommilitoninnen die Professoren gefragt hätten, wer der nächste Doktorand des Fachbereiches sein werde, der zur Disputation komme. Eine Doktorandin hat naiv gefragt, ob nicht ich dran sei. Die Antwort war eine Totenstille unter den Professoren. Eine andere Kommilitonin erzählte mir, in der ersten Sitzung eines Seminares habe mein Doktorvater den Studenten gedroht, dass sie mit ihm alles „im Guten“ machen sollten, denn wenn sie es „im Bösen“ machen, würde es ihnen wie einer bestimmten Doktorandin ergehen, die nichts schaffen würde.

Mein Status als Phantom hat sich später vertieft. Als ich zurück in Hamburg war, habe ich bemerkt, dass die Professoren und Doktoranden des Fachbereiches mich ignorierten und oft handelten, als ob ich unsichtbar wäre. Das Einzige, dass ich machen muss, um sie zu erschrecken, ist ihnen entgegenzugehen und nur „Hallo“ oder „Guten Tag“ zu sagen. Diese geistige Fähigkeit, die mir viele erschrockene Gesichter, Zittern und Zaudern zu sehen ermöglicht, macht mir keinen Spaß.

Vor ein paar Monaten verlor ich den Zugang zum virtuellen Raum des Doktorandenkolloquiums. Ich bin noch im virtuellen Raum der Seminare, die ich seit 2007 besuchte und da mein Promotionsverfahren noch nicht zu Ende ist, bin ich noch Doktorandin der Uni Hamburg. Aber in diesem Raum gab es Informationen, die mich mit meinem Doktorvater verbinden und wahrscheinlich gelöscht wurden. Mein Doktorvater ist nicht der Moderator dieses Raumes. Deswegen bin ich nicht sicher, ob die Sperrung auf seine Initiative hin erfolgte.

Anscheinend denkt man an der Uni Hamburg, dass mit der Beseitigung der Ursache die Wirkung aufhöre. In meiner Muttersprache haben wir ein Sprichwort, das wörtlich übersetzt lautet: „Ist der Hund tot, ist die Tollwut vorbei.“ Vermutlich bezichtigt man mich als Ursache des Problems und sobald ich weg bin, werde alles wieder normal. Ich denke auch nicht, dass mein Doktorvater die Ursache des Problems ist. Seine eventuelle Dienstentfernung – was allerdings für die Uni nicht in Frage kommt – könnte das Problem des Machtmissbrauchs und der sexuellen Gewalt an der Uni Hamburg sowieso nicht lösen.

Drei Universitätsmitarbeiter haben mir (unabhängig voneinander) gesagt, es gäbe andere ähnliche Fälle an der Uni und zumindest einer betreffe eine ausländische Studentin. Da es absolut keine Information über solche Fälle in der Presse gibt, frage ich mich: Wo sind diese Studentinnen? Was ist mit diesen Fällen passiert? Ich befürchte, ihr Schicksal war nicht viel anders als meines, zumindest was die Diskriminierung betrifft. Vielleicht gibt es mehrere Phantome an der Uni und wir begegnen uns nicht. Die Maske ist bei uns hinuntergefallen, denn wir können nicht mehr verstecken, dass wir Opfer unserer Professoren sind und kein normales Studium machen können. Es bleibt uns nichts anderes mehr übrig, als über unsere Gefühle zu schreiben und der Welt zu zeigen, was mit uns passiert ist.

Die Uni will nicht zugeben, dass es ein verbreitetes Problem des Machtmissbrauchs gibt, dessen Ursache analysiert werden sollte, sondern sie findet es einfacher, uns aus der Gemeinschaft der Studenten auszusperren. Dies ist auch ein Symptom der Angst, die die Gesellschaft vor den Opfern hat, weil wir Strukturen entdecken, die nicht in Ordnung sind. Wir drohen – wie das Phantom des Musicals von Andrew Lloyd Webber –, den Kronleuchter zu Fall zu bringen und das Theater des Hochschulsystems kaputt zu machen. Deswegen werden wir als Gespenster und Außenseiter ausgegrenzt.

Am New Yorker Times Square habe ich ein Plakat des Musicals „Das Phantom der Oper“ fotografiert.

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