Donnerstag, 13. Januar 2011

Zehn Gründe für eine Strafanzeige

Zunächst muss ich betonen, dass sexuelle Nötigung und Vergewaltigung Offizialdelikte sind und deshalb eine eingereichte Strafanzeige nicht zurückgezogen werden kann (diese Frage haben mir verschiedene Personen gestellt). Sobald die Polizei oder Staatsanwaltschaft Kenntnis dieser Delikte hat, muss sie auf jeden Fall ermitteln. Deswegen ist das Erstatten einer Strafanzeige eine Entscheidung, die sehr gut überlegt sein sollte und es ist unverzeihbar, was die Universität Hamburg mir angetan hat, als sie diese Strafanzeige gegen meinen Doktorvater ohne meine Zustimmung erstattet hat.

Wie ich in einem vorherigen Post geschrieben habe, denke ich heute, wir Hochschulstudentinnen sollten die Professoren anzeigen, die uns sexuell genötigt oder vergewaltigt haben oder es schon mal versucht haben. Mit zehn Punkten will ich dies begründen:

1. Gleichstellung als Bürger
In einem Strafverfahren befinden sich Studenten und Hochschullehrer auf derselben Ebene, obwohl wir jünger sind und weniger Berufserfahrung und Titel haben, als die Professoren, die uns betreuen. Denn die Gesetze sind für alle da. Die unterschiedlichen Hierarchiestufen an der Uni sollten uns nicht daran hindern, uns zu wehren, wenn uns ein Unrecht geschehen ist.

2. Gesellschaftliche Verantwortung
Sobald wir Opfer eines Delikts sind, haben wir eine besondere gesellschaftliche Verantwortung. Wir wissen, dass ein Delikt verübt wurde und wer der Täter ist. Nur schon aus diesem ethisch-moralischen Grund sollten wir eine Anzeige erstatten, wenn wir Opfer sind. Dennoch neigen Opfer oft dazu – vor allem wenn der Täter ihnen bekannt ist –, wegzuschauen.

3. Wiederholung der Tat verhindern
Der Täter könnte sein Delikt wiederholen, nicht nur an uns sondern auch an anderen Frauen. Die freundlichen und diplomatischen Gespräche mit meinem Doktorvater hatten keinen Erfolg. Wenn ich ihn von Anfang an angezeigt hätte, hätte ich mir ein großes Leiden erspart. Meiner Meinung nach gibt die Straflosigkeit dem Täter einen „Freibrief“ und stärkt seine Allmachtsgefühle. Mit Schrecken denke ich oft, dass ich vielleicht Teil einer Kette der Straflosigkeit war und dass ich sie unbewusst unterstützt habe. Der Lehrer, der mich als Jugendliche missbrauchte, wurde schon aufgrund sexuellen Missbrauchs von einer anderen Schule gefeuert, aber da er nie angezeigt wurde, konnte er danach in meiner Schule arbeiten. Kommentare über sein missbräuchliches Verhalten gegenüber Schülerinnen habe ich im Zeitraum vor und nach meiner Erfahrung gehört. Seit mehr als zehn Jahren hat dieser Lehrer eine Stelle an der Uni und ich kann mir vorstellen, dass er jetzt ähnlich wie mein Doktorvater handeln würde, weil wir als seine Opfer uns nie getraut haben, ihn anzuzeigen.

4. Aktuelle Folgen im akademischen und persönlichen Bereich
Vieles was uns beschäftigt ist schon passiert. Dies ist für die Opfer sehr schwierig zu akzeptieren. Wenn eine Studentin von ihrem Betreuer sexuell genötigt oder vergewaltigt wird, kann sie nichts rückgängig machen. Eine objektive Bewertung ihrer Arbeit ist nicht mehr möglich, egal wie friedlich und diplomatisch man die Beziehung zum Professor behalten möchte. Eine Person, die uns so etwas angetan hat, kann nie wieder objektiv sein. Es ist utopisch zu denken, dass man das private und akademische Leben trennen kann, vor allem wenn beide so abhängig voneinander sind.

Denken Sie „Wenn ich den Professor nicht anzeige, wird er nichts Negatives über mich in Gutachten oder Referenzen berichten“? Dies ist nicht unbedingt wahr. Können wir mit einer positiven Einschätzung von einer Person rechnen, die uns vorher so geringgeschätzt und so wenig respektiert hat?

Haben wir Angst, dass unsere Familie, Partner, Freunde, Kommilitonen und Professoren die Tat erfahren und wir keine Unterstützung von ihnen bekommen? Wenn wir anfangs das Delikt verschweigen, bedeutet das nicht, dass andere Leute dies später nicht erfahren werden. Eine Gewalt- und Missbrauchserfahrung ist so stark und beeinflusst das Leben so schwer, dass wir eventuell einen Zusammenbruch erleiden werden oder jemandem davon erzählen und dann können die von uns geliebten Menschen erfahren, was uns passiert ist.

5. Die befreiende Kraft der Wahrheit
Ein Geheimnis zu bewahren ist extrem anstrengend und oft wird man Lügen benutzen müssen, um dieses Geheimnis zu hüten. Dadurch begeben wir uns in einen Teufelkreis und werden gezwungen, mehr Lügen zu erzählen, um die vorherigen zu decken. Wir werden die Tat und deren Folgen herumtragen. Wenn wir nicht unter Druck sind, ein Geheimnis zu bewahren und wenn wir nicht daran denken müssen, dass wir entdeckt werden könnten, wissen wir, wie erleichternd es ist, die Wahrheit zu erzählen.

6. Bedarf an passender Unterstützung
Wenn die Anderen nicht wissen, was uns geschehen ist, kann uns niemand richtig bezüglich unseres Problems beraten und unterstützen. Ich habe oft mit meinen Kolleginnen über das Problem der Betreuung der Dissertation gesprochen, aber niemand konnte wirklich verstehen, weshalb die Gespräche mit meinem Doktorvater immer nutzlos waren. Da ich damals nichts über die Nötigungssituation und die sexuelle Nötigung erzählt hatte, konnte mir niemand wirklich helfen. Aber wenn man das Problem in seiner ganzen Dimension betrachtet – auch die strafrechtliche und disziplinarrechtliche Dimension –, kann man Unterstützung finden.

7. Die Würde zurückgewinnen
Als wir Opfer sexueller Gewalt oder Nötigung waren, hat der Täter uns mit seiner Tat gesagt, dass wir nicht wertvoll sind, dass er das Recht und die Macht hatte, uns anzutun, was er wollte, dass wir Respekt nicht verdienen. Dies vor allem wenn wir bemerken, dass die Professoren viele Studenten pro Semester haben, aber wir im schlechten Sinne die „Auserwählten“ waren. Das ist einer der Gründe weshalb die Gewalterfahrung so zerstörend ist. Mit dem Erstatten der Strafanzeige beantworten wir alle diese negativen Botschaften des Professors mit der Nachricht: „Ich verdiene Respekt, Sie hatten kein Recht, das zu tun, unabhängig von ihrer Stelle und ich habe Anspruch auf Gerechtigkeit und Wiedergutmachung“. So gewinnen wir unsere verlorene Würde als Studentinnen, Frauen und Bürgerinnen zurück.

8. Verarbeitung der Erfahrung
Seit Beginn des Strafverfahrens gegen meinen Doktorvater hatte ich sehr schwierige Momente, ich habe sehr gelitten und oft finde ich, dass ich durch diese Belastung retraumatisiert bin. Aber ich bin überzeugt, dass ich das Richtige getan habe, als ich dieses Delikt gemeldet habe. Jetzt bin ich näher von einer Verarbeitung der Erfahrung als in den eineinhalb Jahren, während ich nur mit meiner Therapeutin über die sexuelle Nötigung gesprochen habe. Aus dieser Krise wird eine positive Änderung hervorgehen. Die Kenntnis, dass ich nach meinen bürgerlichen Prinzipien und nach meinem Gewissen gehandelt habe, gibt mir eine große Ruhe, die es mir erleichtert, über die Erfahrung hinwegzukommen.

9. Verantwortung des Täters
Aufgrund einer Strafanzeige muss der Täter für seine Handlung Verantwortung übernehmen. Alle vorherigen Gründe für die Strafanzeige beziehen sich auf die Auswirkungen auf das Opfer, aber der Täter soll auch wissen, wie er uns geschadet hat und wie schwerwiegend seine Taten waren. Vielleicht wird er dies verleugnen und er will sich selbst überzeugen, dass er nichts Schlechtes getan hat. Aber ein Strafverfahren kann ihm erlauben, über seine Taten nachzudenken und sie – soweit möglich – wiedergutzumachen.

10. Desinteresse der Gesellschaft und der Universität überwinden
Sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch an Hochschulen passieren oft genug, dass es gerechtfertigt ist, sich um diese Delikte zu kümmern. Je mehr Opfer sich wehren und Strafanzeige erstatten, desto wichtiger wird es für die Gesellschaft sein, Maßnahmen zu ergreifen, um Studenten zu schützen, diesen Taten vorzubeugen und sich Gedanken über die Hochschulstrukturen zu machen, die diesen Machtmissbrauch erleichtern. Vor allem die Uni sollte diese Taten nicht ignorieren. Wenn diese nur uni-intern geregelt werden, führt dies zu einer Bagatellisierung der Tat und einer Vertuschung der Delikte innerhalb des Campus.

Natürlich ist die Strafanzeige nur ein Schritt, die gewünschte Gerechtigkeit zu erleben. Das Strafverfahren ist zweifellos ein schwieriges Erlebnis für uns Opfer, aber ist es nicht auch schwierig, was wir erleben, wenn wir schweigen? Waren der Missbrauch bzw. die Nötigung, Vergewaltigung und Belästigung einfach für uns? Sind die Folgen leicht auszuhalten? Ich bin überzeugt, dass der Missbrauch von meinem Lehrer und die spätere gleichgültige Reaktion meiner Familie mich schwächer gemacht haben und mein Risiko erhöht haben, wiederum Opfer zu werden. Wenn wir den Zugang zu Informationen über das Strafverfahren haben und wir erkennen, dass die Verfolgung des Delikts notwendig ist, können wir aus einem Trauma eine wichtige Erfahrung machen, aus der wir gestärkt herauskommen.

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