Donnerstag, 6. Januar 2011

Viel einfacher für den Täter als für das Opfer

Im Laufe der Verfahren gegen meinen Doktorvater habe ich viel Überraschendes gesehen. Etwas was mich stark verwundert hat, ist die Behandlung des Täters in Vergleich zum Opfer. Betroffen von sexueller Gewalt zu sein, ist eine zerstörende Erfahrung. Im Zeitraum zwischen dem sexuellen Übergriff und meiner Entscheidung, mich an die Kontaktstelle bei sexueller Diskriminierung und Gewalt der Uni zu wenden, hatte ich Depressionen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Albträume u.a. persönliche Konsequenzen. Meine Leistungen wurden beeinträchtigt. In meinem Heimatland war ich daran gewöhnt, vieles zu machen. Ich arbeitete und studierte gleichzeitig, habe Artikel veröffentlicht, an Kongressen teilgenommen, daneben hatte ich auch Zeit, mich meinen Hobbies zu widmen. Nach dem Erlebnis konnte ich nur noch schwer an meiner Dissertation arbeiten und einen Lehrauftrag durchführen. Wenn ich nicht eine Therapie gesucht hätte, wäre die Situation für mich nicht auszuhalten gewesen. Außerdem war es für mich nicht das erste Mal, dass ich Opfer sexueller Gewalt war. Als 13-Jährige wurde ich in der Schule von einem Lehrer sexuell missbraucht. Nach der Erfahrung mit meinem Doktorvater fühlte ich mich praktisch zerstört. Ich konnte einen schweren Missbrauch überleben und fand Trost in meinem Studium, aber diesmal war mein Studium selbst betroffen, da alles was ich in Deutschland hatte, vom Mann, der mich sexuell genötigt hat, abhängig war.

Während dieser Zeit, in der ich so sehr gelitten habe, hatte mein Doktorvater Vergnügen und ich konnte auch seine Zufriedenheit bemerken, als er mir mit akademischen Nachteilen gedroht hat. Nachdem das Disziplinarverfahren an der Uni eröffnet und die Strafanzeige erstattet wurde, war die Situation nicht besonders schlimm für ihn. Ich musste zu zwei Anhörungen an der Uni gehen, war in einer Polizeivernehmung, hatte eine schlechte Erfahrung mit meinem ersten Anwalt und musste meine Dissertation abgeben, ohne dass sie richtig betreut wurde (monatelang wusste ich nicht, was ich mit meiner fertigen Dissertation machen würde). So viele Folgen in so verschiedenen Lebensbereichen.

Deswegen ist es für mich kaum nachvollziehbar, dass der Angeschuldigte noch an der Uni tätig ist. Der Professor hat nicht ausgesagt – weder an der Uni noch bei der Polizei oder der Staatsanwaltschaft. Er hat nur eine Stellungnahme bei der Präsidialverwaltung abgegeben, die seine Anwältin für ihn geschrieben hat (nicht er selbst!) und dies ist sein Recht als Angeschuldigter. Er braucht nicht auszusagen. Dafür hat er anwaltliche Vertretung. Aber ich bin das Opfer und als Opfer bin ich Zeugin. Als Zeugin muss ich aussagen und habe kein Aussageverweigerungsrecht. Das Recht auf Einsicht in die Akten habe ich nur, weil ich Nebenklägerin bin. Da der Fall noch nicht öffentlich gemacht wurde, kann man auch nicht behaupten, dass der Ruf des Professor geschädigt ist. Abgesehen davon, dass er seine Anwältin bezahlen muss – was für ihn mit seinem Lohn als Professor kein Problem ist –  sehe ich keine Konsequenzen für ihn. Ich habe eine anderthalbjährige Therapie selbst bezahlt und obwohl die Therapiekosten niedriger als eine anwaltliche Vertretung sind, war sie für mich sehr schwierig zu bezahlen mit meinem geringen Einkommen als Stipendiatin.

Es ist einfach nachzuvollziehen, warum die Universitäten nichts öffentlich machen möchten. Sie wollen dem Ruf der Institution nicht schaden (es geht nicht unbedingt um den Ruf des Professors), aber ich bin der Meinung, solche Professoren zu bestrafen wäre positiv für den Ruf der Uni. So würde man zeigen, dass die Richtlinien gegen sexuelle Diskriminierung und Gewalt, die alle deutschen Universitäten haben, nicht leere Wörter sind. Das würde definitiv die Häufigkeit solcher Vorfälle verringern.

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