Sonntag, 9. Januar 2011

Strafverfahren: Konstanz (1997)

Die genannte Jahrzahl entspricht dem Jahr, in dem das Strafverfahren abgeschlossen wurde, nicht dem Jahr der Delikte.

Fakten: Eine Doktorandin der Universität Konstanz wurde mehrmals von ihrem Doktorvater, einem Psychologieprofessor, zu einer Liebesbeziehung gedrängt. Sie hat ihn mehrmals zurückgewiesen. Da er seine Absichten nicht aufgegeben hat, hat die Doktorandin sich vom Arbeitsplatz im Schlaflabor entfernt und nur auf Drohung ihres Doktorvaters mit negativen Folgen für ihre Dissertation hin ist sie zurückgekehrt. Dort kam es zu einem Vorfall sexueller Nötigung, die der Professor unterbrochen hat, weil die Doktorandin angefangen hat zu weinen. Ein weiterer Vorfall geschah im Auto des Professors, wo er sie gegen ihren Willen fest umarmt und geküsst hat. Diese Vorfälle fanden zwischen August und November 1992 statt. Nach dem entsprechenden Strafverfahren (1995-1996) wurde der Professor zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Seine Revision gegen dieses Urteil wurde abgelehnt (1997).

Quellen:

Bundesgerichtshof (1997). Bundesgerichtshof bestätigt Verurteilung eines Hochschullehrers wegen sexueller Nötigung. Mitteilung vom 13.3.1997, Nr. 15/1997 (BGH, Urteil vom 13.3.1997 – 1 StR 772/96). Hier finden Sie das Urteil im Volltext.

Kommentar: Über die Beweisschwierigkeiten in Fällen sexueller Gewalt hören wir immer wieder. Hier besteht eine typische Situation: Aussage gegen Aussage. Obwohl im Urteil keine anderen Beweise außer der Aussage des Opfers (andere Zeugen, schriftliches Material, o.ä.) erwähnt werden, wurde der Professor verurteilt, da das Landgericht die Aussage des Opfers als glaubwürdig empfand. Dies zeigt uns, dass es nicht notwendig ist, dass eine dritte Person die ganze sexuelle Handlung zufällig gesehen hat oder dass der Professor einen handschriftlichen Brief an seine Studentin schreibt, in dem er den ganzen Vorfall ausführlich beschreibt. Beim Delikt muss es sich nicht um eine Vergewaltigung handeln, es muss – wie in diesem Fall von Konstanz – nicht mal zum Geschlechtsverkehr gekommen sein. Der Mangel an Beweisen und der falsche Glaube, der Vorfall sei nicht so schlimm und gravierend, sollte uns nicht daran hindern, die Täter anzuzeigen. Es ist möglich, Gerechtigkeit zu erleben, auch wenn man die Tat nicht direkt anzeigt (beachten Sie den großen Zeitraum zwischen den Vorfällen und dem Beginn des Strafverfahrens) und die Bedingungen schwer sind, aber leider ist dies nicht die Regel.

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