Montag, 10. Januar 2011

Strafverfahren: Hohenheim (1997)

Fakten: In demselben Jahr, in dem der Bundesgerichtshof die Verurteilung des Konstanzer Hochschullehrers bestätigte, wurde ein Professor für Tierökologie der Universität Hohenheim zu einer Freiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung und zu 20.000 DM Geldbuße verurteilt, weil er eine Diplomandin in einem Fall und eine Doktorandin in vier Fällen sexuell genötigt hat. 1994 hat der Professor die Diplomandin während Arbeiten im Gelände gezwungen, unerwünschte Berührungen an sich zu dulden und an ihm vorzunehmen. Obwohl der Professor die Diplomandin vorher bereits gegen ihren Willen umarmt und geküsst hatte, war nur dieser Vorfall Gegenstand des Verfahrens. Gegenüber der Doktorandin ist es zu sexuellen Handlungen gekommen, während sie ein Fahrzeug auf der Autobahn gesteuert hat. Andere Vorfälle fanden im Gelände statt, wo die Doktorandin für ihre Dissertation geforscht hat. Die Strafanzeige gegen den Professor wurde im November 1995 erstattet. Im März 1997 wurde er vom Landgericht Stuttgart verurteilt. Erst im April 2000 endete das Disziplinarverfahren, das als Folge die Dienstentfernung des Professors hatte.

Quellen:

Landesarchiv Baden-Württemberg (1997). Hohenheimer Professor verurteilt [Archivalieneinheit]. 20. März 1997.

Auf einen Blick (1997). Berliner Zeitung. 21. März 1997.

Mitteilung vom 7.10.1997, Nr. 70/1997 (BGH, Beschluss vom 30.9.1997 – 1 StR 514/97).

Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg 17. Senat (2000). Dienstentfernung wegen sexueller Nötigung. Urteil vom 03.04.2000 (D 17 S 3/00).


Kommentar:
Entscheidend für diesen Fall war, dass die Studentinnen ihr Schweigen gebrochen und miteinander über die sexuellen Übergriffe gesprochen haben. Man neigt dazu, zu denken, man sei das einzige Opfer. Aber in diesem Fall stellte sich heraus, dass beide Betroffenen in demselben Jahr von demselben Professor sexuell genötigt wurden. Nachdem man das Urteil des Verwaltungsgerichtshofs liest, scheint es, abgesehen von den Aussagen der Betroffenen und der Zeugin, der sie sich anvertraut haben, keine anderen Beweise zu geben. Dies bestätigt, dass man Gerechtigkeit trotz der Beweisschwierigkeiten erreichen kann und der Täter Konsequenzen aus seinem Delikt und dem Machtmissbrauch zu ziehen hat.

Die Gründe der Doktorandin für ihre Unentschlossenheit gegenüber der Anzeige des Professors (im Punkt 30 des Urteils des Verwaltungsgerichtshofs), kann man völlig verstehen, da das Erstatten einer Strafanzeige ein sehr schwieriger Schritt ist. Im Fall von Studentinnen in Betreuungsverhältnissen mit dem Täter gibt es schwere Nachteile im akademischen Bereich. Dass der Professor seine Macht missbraucht hat, wurde vor Gericht im straf- und disziplinarrechtlichen Sinne anerkannt. Es ist nachvollziehbar, dass eine Straflosigkeit in diesem Fall zur Wiederholung der Taten geführt hätte und weitere Studentinnen Opfer dieses Professors hätten werden können.

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