Montag, 31. Januar 2011

Opfer und Überlebende

In meinem Profil stelle ich mich vor als „Überlebende sexuellen Missbrauchs“, „Opfer sexueller Nötigung durch meinen Doktorvater“ sowie „Opfer des Strafverfahrens gegen ihn“ – nicht nur Opfer im Strafverfahren. In Diskussionen über Erwachsene, die als Kinder oder Jugendliche sexuellen Missbrauch erlebt haben, wird oft der Begriff „Überlebende“ verwendet (vgl. Warum sprechen wir von „Überlebenden“? von netzwerkB). Ich habe ihn zum ersten Mal im Buch The Courage to Heal: A Guide for Women Survivors of Child Sexual Abuse (deutscher Titel: Trotz allem: Wege zur Selbstheilung für Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben) von Ellen Bass und Laura Davis gelesen.

So viele Jahre nach meiner Erfahrung bin ich hier, ich habe die sexuellen Übergriffe meines Lehrers und auch die Schulzeit durchgestanden. Ich bin nicht gestorben, obwohl ich mir dies damals oft gewünscht habe. Viele Jahre habe ich geglaubt, ich sei über die Erfahrung hinweggekommen, aber nach dem Erlebnis mit meinem Doktorvater kamen alle Erinnerungen und schmerzlichen Gefühle wieder hoch. Überleben bedeutet auch, dass man kein erfülltes Leben haben konnte, sondern dass man das Leben an sich vorbeiziehen ließ, während man so sehr gelitten hat. Als Jugendliche hatte ich von außen betrachtet alles, trotzdem war ich sehr unglücklich. Ich konnte die schönen Sachen nicht wirklich genießen. Zum Beispiel bin ich mit meiner Familie oft zu schönen Orten gefahren, aber ich war so beschäftigt mit dem Missbrauch durch meinen Lehrer, dass ich kein Vergnügen haben konnte. Ich konnte auch die sonstigen schlechten Erfahrungen nicht verarbeiten, wie die Krankheit und der Tod meines Großvaters, den ich so sehr mochte. Ich habe mich emotional blockiert, weil ansonsten alles zu viel für mich gewesen wäre und ich nicht hätte überleben können.

Heutzutage fühle ich mich als Opfer, auch wenn viele Betroffene diesen Begriff vermeiden, da er mit zahlreichen negativen Attributen verbunden wird (vgl. Was kritisieren wir am Begriff „Opfer“ bzw. am Umgang damit? von netzwerkB). Eine lange Zeit wusste ich nicht, was ich mit dem Problem mit meinem Doktorvater tun sollte. Ich habe mich an viele Hilfsquellen gewandt: Gleichstellungsbeauftragte der Uni, Beratung für ausländische Studierende, Opferberatungsstellen, Rechtsanwalt, Therapeutinnen, andere Professoren. Nichts konnte die Tortur nach dem Brechen des Schweigens verhindern und den Täter zur Rechenschaft ziehen. Inmitten dieser Hiflosigkeit frage ich mich: Was habe ich falsch gemacht? Warum konnten so viele Hilfsquellen mir nicht wirklich helfen (zumindest nicht genügend)? Habe ich mich für die falsche Reihenfolge entschieden, indem ich mich zuerst an die Uni statt an eine externe Rechtsberatung gewandt habe? Sind die Hilfsquellen der Uni nicht ausreichend, um sowohl die akademischen als auch die rechtlichen Probleme der Studenten zu lösen?

Seitdem die Uni mich verpflichtet hat, stillzuschweigen, erlebe ich Hilflosigkeit, Ohnmacht und Schwäche gegenüber der Uni. Ich merke, dass ich als Studentin praktisch keine Rechte habe. Die Lösung für meine Promotion war unbefriedigend und lässt mich verbunden mit einer Institution, die mir in verschiedener Weise so stark geschadet hat. Oft denke ich, dass meine Karriere, meine akademischen Träume und Stärken an der Uni Hamburg den Tod gefunden haben.

Ich fühle mich in einer ähnlichen Situation wie vor 15 Jahren, indem mir dieses Verfahren nicht erlaubt, die guten Momente zu genießen und die schlechten zu verarbeiten. Ich leide immer noch an den Folgen der sexuellen Nötigung durch meinen Doktorvater und oft empfinde ich, dass dieses Verfahren unerträglich ist. Das deutsche Rechtssystem macht es sehr schwierig für die Opfer. Trotzdem bin ich überzeugt, dass ich das Richtige getan habe, als ich das Schweigen gebrochen habe. Wer sagte, dass der richtige Weg der einfachste ist?

Dies ist ein Ausschnitt eines Fotos aus einem Urlaub auf einer karibischen Insel. Wenige Wochen vor diesem Urlaub wurde ich zum ersten Mal sexuell missbraucht.

Kommentare:

  1. Wenn das so weiter geht,dann gelingt uns das Überleben nicht.30 Jahre was soll das denn ?
    Ich wollte nie schreien,aber eine Wahl habe ich nicht.
    Ach - Lucrezia,wie geht es Dir ?
    Ich grüße Dich herzlich ! Sophie

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Sophie,
    solange das Strafverfahren läuft, ist es schwierig, den Schritt vom Opfer zur Überlebenden zu machen. Ich habe oft den Eindruck, dass man keine Wahl hat, wenn man in ein Strafverfahren verwickelt ist. Das Schlimmste ist, dass die Entscheidung in den Händen von Leuten liegt, die uns nicht kennen und sich nicht für uns interessieren.
    Alles Gute und liebe Grüße.

    AntwortenLöschen

Ich freue mich auf zum Thema passende Kommentare und konstruktive Beiträge zur Diskussion. Bitte unterlassen Sie persönliche Angriffe und Beleidigungen sowie Spam und Werbung. Wenn Sie über Ihre eigene Erfahrung bezüglich sexueller Gewalt oder Machtmissbrauchs berichten möchten, benutzen Sie bitte keine Namen oder persönliche Daten, mit denen beteiligte Personen eindeutig identifiziert werden können (z.B. Dekan der Fakultät X an der Uni Y).