Sonntag, 23. Januar 2011

FAQ über das Disziplinar- und Strafverfahren – Teil 1

Seitdem die Verfahren gegen meinen Doktorvater angefangen haben, haben mir meine Freunde, Familienangehörigen und Bekannten viele Fragen in Bezug darauf gestellt. Niemand in meinem Familien- und Freundeskreis kannte bisher jemanden, der in ein Disziplinar- oder Strafverfahren verwickelt war. Hier liste ich die häufig gestellten Fragen auf:

1. Warum hast du erst ein Jahr nach Beginn deiner Therapie das Schweigen gebrochen und das Delikt gemeldet?

Eineinhalb Jahre lang besuchte ich eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Das Ziel einer Psychotherapie besteht nicht darin, eine Strafanzeige zu erstatten oder ein Delikt zu melden, sondern die Person stark genug zu machen, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Soweit ich das vestehe, sollte kein Therapeut die Patienten unter Druck setzen, etwas zu tun, wozu sie nicht bereit sind. Deswegen kann ich meiner Therapeutin nicht vorwerfen, dass ich so lange gewartet habe oder dass sie mich vorher nicht ermutigt hat, das Schweigen über die sexuelle Nötigung durch meinen Doktorvater zu brechen.

2. Warum hat die Gleichstellungsbeauftragte gesagt, sie würde mit deinem Doktorvater sprechen und hat dies dann nicht getan?
In meinen ersten zwei Gesprächen bei der Gleichstellungsbeauftragten der Universität hat sie mir gesagt, sie und eine Juristin der Kontaktstelle bei sexueller Diskriminierung und Gewalt würden mit meinem Doktorvater über die Vorwürfe sprechen. Beim ersten Termin sprach sie auch über die Möglichkeit, mit ihm darüber zu sprechen, ohne preiszugeben, wer die Vorwürfe gemacht hatte. In meinem dritten und letzten Termin bei dieser Kontaktstelle wurde mir mitgeteilt, ein solches Gespräch mit meinem Doktorvater wäre zwecklos angesichts der Eröffnung des Disziplinarverfahrens.

3. Warum hat die Universität Hamburg ein Disziplinarverfahren eröffnet, vor allem wenn die Tat so schwer zu beweisen ist?

Eine Juristin hat mir gesagt, was mein Doktorvater mir angetan habe, sei so schwer, dass er disziplinar- und strafrechtliche Konsequenzen daraus ziehen sollte. Eine andere Universitätsmitarbeiterin sagte, bei diesen Vorwürfen muss man Strafanzeige erstatten, ansonsten könnte man der Universität Hamburg vorwerfen, den Professor schützen zu wollen. Ob das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt wird oder nicht ist weniger wichtig als die Tatsache, dass die Universität ermittelt und dementsprechend „das Richtige“ in diesem Fall gemacht hat.

4. War die Universität verpflichtet, eine Strafanzeige zu erstatten? Falls ja, warum hat die Beraterin des Akademischen Auslandsamts dies nicht getan?

Meine aktuelle Anwältin und eine Mitarbeiterin einer Opferberatungsstelle haben mir gesagt, die Universität sei nicht dazu verpflichtet und hätte meinen Wille berücksichtigen sollen. Zwei andere Anwälte sagten, die Uni sei doch verpflichtet gewesen. Der entscheidende Punkt ist, ob die Universität eine Anzeigepflicht hat oder nicht. Ein Beamter einer Strafverfolgungsbehörde (wie die Polizei oder die Staatsanwaltschaft) ist immer verpflichtet, ein Delikt zu melden, wenn er Kenntnis davon hat – abgesehen von reinen Antragsdelikten. Einige sagen, die Universität habe auch eine solche Anzeigepflicht und andere sagen das Gegenteil. Das war nicht das erste Mal, dass ich widersprüchliche Antworten auf rechtliche Fragen bekommen habe.

Zwei Monate nach dem Vorfall mit meinem Doktorvater habe ich mich an eine Beraterin des Akademischen Auslandsamts der Universität Hamburg gewandt. Eineinhalb Jahre später, als ich an der Kontaktstelle der Uni war, haben sich alle gewundert, dass diese Beraterin die Tat nicht bei der Universitätsleitung gemeldet hatte. Es kam dann heraus, dass sie mit ihrer direkten Vorgesetzten darüber gesprochen hatte. Beide waren der Meinung, es liege an den Studentinnen zu entscheiden, ob sie Strafanzeige gegen einen Professor erstatten wollen oder nicht. Ich fand die Reaktion dieser Beraterin ziemlich gleichgültig in Anbetracht dessen, was mir passiert ist und ich erwartete mehr Hilfe und Unterstützung. Zurzeit kannte ich mich in Hamburg zu wenig aus und hatte zu viel Angst, um so etwas alleine zu machen. Jetzt frage ich mich, was schlechter war: alles mir selbst zu überlassen oder eine Strafanzeige ohne meine Zustimmung zu erstatten?

5. Kann eine gestellte Strafanzeige zurückgezogen werden?

In meinem Post „Zehn Gründe für eine Strafanzeige“ habe ich bereits geschrieben, dass eine Strafanzeige wegen eines Offizialdelikts – wie die sexuelle Nötigung – nicht zurückgezogen werden kann. Diese Frage wurde mir oft wegen meiner Verzweiflung gestellt, weil die Universität die Strafanzeige ohne meine Zustimmung erstatten wollte. Da meine Antwort zur Frage „Nein“ war, wurde ich gefragt, ob ich nicht sagen könnte, dass alles gelogen war, um den Prozess zu stoppen. Von allen möglichen Fehlern, die jemand in einem Strafverfahren machen kann, halte ich diesen für den Schlimmsten. Diese Wahrheit war zu schwer zu erzählen, um sie danach zu widerrufen. Außerdem ist es auch ein Delikt, falsche Aussagen bei den Ermittlungsbehörden zu machen.

Andere Personen haben mir empfohlen, nicht auszusagen, einer Vorladung keine Folge zu leisten, am besten die Stadt zu verlassen und ins Ausland zu fahren. Obwohl ich große Angst hatte, bevor ich bei der Polizei und an der Uni ausgesagt habe, hätte es absolut keinen Sinn gehabt, verschiedenen Personen zu erzählen, was mein Doktorvater mir angetan hatte, ohne danach auch auszusagen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich auf zum Thema passende Kommentare und konstruktive Beiträge zur Diskussion. Bitte unterlassen Sie persönliche Angriffe und Beleidigungen sowie Spam und Werbung. Wenn Sie über Ihre eigene Erfahrung bezüglich sexueller Gewalt oder Machtmissbrauchs berichten möchten, benutzen Sie bitte keine Namen oder persönliche Daten, mit denen beteiligte Personen eindeutig identifiziert werden können (z.B. Dekan der Fakultät X an der Uni Y).