Donnerstag, 6. Januar 2011

Ein schwieriger, unbekannter Weg

Als ich im Büro der Gleichstellungsbeauftragten der Universität Hamburg gehört habe, dass ein Disziplinarverfahren gegen meinen Doktorvater eröffnet und eine Strafanzeige gegen ihn erstattet werden soll, dachte ich, eine Katastrophe würde geschehen. Ich, Ausländerin, Stipendiatin, ohne Familie in Deutschland, ohne Freundinnen vor Ort, denen ich mich zu dieser Zeit anvertraut hatte und mit meinem Ehemann im Ausland, war in ein Strafverfahren verwickelt. Die jungen Juristinnen der Universität, mit denen ich gesprochen habe, haben alles so geschildert, als ob meine Aufgabe nur darin bestehen würde, zu erzählen, was mein Doktorvater mir angetan hatte. Die Gleichstellungsbeauftragte hat mir mehrmals versichert, ich würde mein Promotionsstudium erfolgreich absolvieren. War alles so einfach? Natürlich nicht. Seitdem ich von meinem Doktorvater im Juli 2008 sexuell genötigt wurde und mich im Februar 2010 an die Kontaktstelle bei sexueller Diskriminierung und Gewalt der Universität gewandt habe, habe ich die Hölle erlebt.

Als ich Informationen über das Strafverfahren in sexuellen Delikten suchte, habe ich Beiträge und Erfahrungsberichte aus der Sicht des Opfers vermisst. In der letzten Zeit gab es in Deutschland verschiedene Strafverfahren in Fällen, in denen ein Universitätsprofessor sexuelle Gewalt, Belästigung und Nötigung gegenüber einer Studentin ausgeübt hat. Ich habe vor, die Strafverfahren, die mir bekannt sind, zu kommentieren. Mein Fall wurde von der Universität Hamburg versteckt. Deswegen nehme ich an, es gibt weitere Opfer sexueller Gewalt an Universitäten, deren Fälle nie öffentlicht gemacht wurden, oder die sich überlegen, was sie tun sollen.

Opferhilfeorganisationen wie z.B. Weisser Ring oder Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen bieten Beratung für Betroffene sexueller Gewalt an. Wenn man aber das Opfer eines Universitätsprofessors ist, ist es nicht nur eine Frage der Gewalt selbst, sondern des Machtmissbrauches, und die Erstattung einer Strafanzeige löst nicht das zukünftige akademische Problem. In allen Fällen, über die ich in den deutschen Zeitungen gelesen habe, war der Täter nicht irgendein Professor der Uni, sondern jemand, zu dem das Opfer in einem Abhängigkeitsverhältnis stand. Diese Situation bringt ein zusätzliches Problem zu der sonst schon schwierigen Lage, Opfer eines Delikts zu sein: Was wird mit unseren Dissertationen/Magisterarbeiten/Stellen als wissenschaftliche Mitarbeiter passieren? Und mit unserem beruflichen Fortkommen? Wird uns jemand glauben oder eher denken, dass wir gute Noten und akademische Privilegen mit Hilfe von Sex erreichen wollten?

Mit diesem Blog erhoffe ich, dass meine Erfahrung anderen Studentinnen hilft, sich gegen den Machtsmissbrauch zu wehren und eine Entscheidung zu treffen. Ich werde aufzeigen, wie ein Strafverfahren für ein Opfer aussieht, meine nicht immer so positiven Erfahrungen mit Rechtsanwälten, Kontaktstellen der Universität und andere Leuten, an die ich mich in meiner Suche nach Hilfe gewandt habe. Ich möchte Unterstützung in dieser schwierigen Lage anbieten und die Diskussion über Machtmissbrauch an den Universitäten auf den Tisch bringen.

Was mir geschehen ist, ist kein Einzelfall, sondern ein Zeichen der Vorurteile der Gesellschaft bezüglich sexueller Gewalt, der Umstände, welche es Professoren erleichtern, Täter zu werden und straflos zu bleiben, und die Mängel und Schwächen eines Rechtssystems, das das Verfahren extrem schwierig für die Opfer gestaltet. Trotz allen schlechten Erfahrungen bin ich überzeugt: Das Beste, was man für die Verarbeitung der erlebten Gewalt tun kann ist, das Schweigen zu brechen.

Kommentare:

  1. das beste was man tun kann...ist das Schweigen brechen...ja...!!! Herzlich Sophie

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  2. Du hast Recht, Sophie. Obwohl ich zahlreiche Schwierigkeiten und schmerzhafte Momente wegen der Verfahren (jetzt zusätzlich das Problem mit meinem Promotionsverfahren) erlebt habe und immer noch erlebe, habe ich durch das Brechen des Schweigens eine innere Ruhe, die mir vorher fehlte. Ich bemühe mich nicht mehr darum, ein Geheimnis zu behalten. Ich leide und kämpfe um der Wahrheit willen.

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  3. Liebe Lucrezia,
    ich leide und kämpfe um der Wahrheit willen,oh,ja,das ist treffend ausgedrückt.Ich habe mich im Netz auf meinem Blog so ausgezogen und genauso würde ich es wieder tun.Liebe Menschen antworten manchmal und das tut so gut...macht es doch Mut.Am 29.April ist meine Lesung und seit heute weiß ich,dass Herr Denef auch kommt und mein neuer Anwalt.WIR werden gewinnen,weil es gar nicht anders geht.Am Ende siegt immer die Wahrheit,liebe,liebe Lucrezia....ich habe einen weiteren Blog seit heute,nicht für mich,denn ich habe ja.Für Menschen die ihr Schweigen brechen möchten....wenn Du magst....herzlich Sophie

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