Montag, 31. Januar 2011

Opfer und Überlebende

In meinem Profil stelle ich mich vor als „Überlebende sexuellen Missbrauchs“, „Opfer sexueller Nötigung durch meinen Doktorvater“ sowie „Opfer des Strafverfahrens gegen ihn“ – nicht nur Opfer im Strafverfahren. In Diskussionen über Erwachsene, die als Kinder oder Jugendliche sexuellen Missbrauch erlebt haben, wird oft der Begriff „Überlebende“ verwendet (vgl. Warum sprechen wir von „Überlebenden“? von netzwerkB). Ich habe ihn zum ersten Mal im Buch The Courage to Heal: A Guide for Women Survivors of Child Sexual Abuse (deutscher Titel: Trotz allem: Wege zur Selbstheilung für Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben) von Ellen Bass und Laura Davis gelesen.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Strafverfahren: Hannover (2004)

Die genannte Jahrzahl entspricht dem Jahr, in dem der Fall öffentlich bekannt wurde.

Fakten: Ein 60-jähriger Professor für Geisteswissenschaften an der Universität Hannover hat zwei Studentinnen akademische Hilfe gegen Sex angeboten. Eine war eine verheiratete Doktorandin, die Unterstützung bei ihrer Dissertation brauchte. Die andere hatte Probleme mit einer Klausur. Beide Studentinnen lehnten das Angebot ab und haben sich an die Frauenbeauftragte der Uni gewandt. Als Bestrafung wurde das Gehalt des Professors für ein Jahr um 10% gekürzt (insgesamt 5400 Euro), er blieb aber weiter im Amt. Strafrechtlich wurde er wegen Bestechlichkeit zu einer Haftstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Der Professor hat sich bereit erklärt, sich beobachten zu lassen und sich einer Therapie zu unterziehen.

Dienstag, 25. Januar 2011

FAQ über das Disziplinar- und Strafverfahren – Teil 2

6. Warum bist du nur „Zeugin“ in den Verfahren? Du bist das Opfer!

Das Opfer einer Straftat ist Zeuge bzw. Zeugin im Verfahren. Für uns Opfer gelten dieselben Rechte und Pflichten anderer Zeugen, die in einem Verfahren aussagen. In meinem Freundeskreis haben die meisten geglaubt, ein Zeuge sei eine Person, welche die Tat gesehen, etwas darüber gehört hat oder über für das Verfahren relevante Information verfügt, also kein Betroffener. Ich habe ihnen Folgendes erklärt: Ich bin in den Verfahren gegen meinen Professor Zeugin, da ich weiß, dass er eine Straftat begangen hat, weil ich es selbst erlebt habe.

Allerdings hat ein Opfer bestimmter Delikte, darunter sexueller Nötigung, einige Rechte, die nicht betroffene Zeugen nicht haben, wie etwa die Nebenklage. Dies ermöglicht bspw. die Akteneinsicht.

Sonntag, 23. Januar 2011

FAQ über das Disziplinar- und Strafverfahren – Teil 1

Seitdem die Verfahren gegen meinen Doktorvater angefangen haben, haben mir meine Freunde, Familienangehörigen und Bekannten viele Fragen in Bezug darauf gestellt. Niemand in meinem Familien- und Freundeskreis kannte bisher jemanden, der in ein Disziplinar- oder Strafverfahren verwickelt war. Hier liste ich die häufig gestellten Fragen auf:

Montag, 17. Januar 2011

Über meinen Namen

Das von mir ausgewählte Pseudonym ist eine Variante des Namens von Lucretia, einer verheirateten Frau aus der Zeit der römischen Monarchie, die von Sextus Tarquinius, Sohn des damaligen Königs, vergewaltigt wurde. Nachdem sie ihrem Ehemann und ihrem Vater davon erzählt hat, brachte Lucretia sich um.

Ich las über diese Frau zum ersten Mal in einer Kollektion von Biographien berühmter Frauen. Jahre später las ich das Versepos „Die Schändung der Lucretia“ von Shakespeare. Die Geschichte der Lucretia, die von der Antike bis in die Neuzeit immer wieder erzählt und dargestellt wurde, fügt die Macht in Verbindung mit sexueller Gewalt, den Seelenmord, die unheilbaren Wunden des Opfers und dessen Schuldgefühle zusammen, d.h. Elemente, die Opfer sexueller Gewalt gut verstehen können und in der aktuellen Diskussion über sexuelle Delikte öfters erwähnt werden. Dazu gehört auch die Möglichkeit, die Folgen einer Vergewaltigung nicht zu überleben. Die Figur der Lucretia stellt ein klassisches Beispiel für ein Drama dar, das sich immer wieder ereignet.

Sonntag, 16. Januar 2011

Über mein Foto


Das Bild meines Profils entspricht einem Teil eines Fotos von mir in einem Glasfahrstuhl. Ich habe es ausgewählt, weil es mich an meinen sich wiederholenden Albtraum erinnert: Ich bin in einem Fahrstuhl, der abwärts oder aufwärts fährt. Ich weiß nicht, wohin ich fahre und ich kann ihn nicht stoppen und natürlich auch nicht aussteigen.

Man fühlt sich in einem Strafverfahren ähnlich. Man ist in einem geschlossenen und kleinen Raum ohne großen Handlungsspielraum und fährt auf einem von Anderen bestimmten Weg ohne Ausgang. Die Sonne spiegelt sich auf dem Glas. So kann man nicht richtig sehen, was draußen ist und man kann das starke und störende Licht nicht abdecken. Das Glas ist zerkratzt und schmutzig und es ist nicht möglich, frische Luft zu atmen. Im aktuellen Stand des Disziplinar- und Strafverfahrens gegen meinen Doktorvater finde ich das Foto passend, um meine Lage zu illustrieren.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Zehn Gründe für eine Strafanzeige

Zunächst muss ich betonen, dass sexuelle Nötigung und Vergewaltigung Offizialdelikte sind und deshalb eine eingereichte Strafanzeige nicht zurückgezogen werden kann (diese Frage haben mir verschiedene Personen gestellt). Sobald die Polizei oder Staatsanwaltschaft Kenntnis dieser Delikte hat, muss sie auf jeden Fall ermitteln. Deswegen ist das Erstatten einer Strafanzeige eine Entscheidung, die sehr gut überlegt sein sollte und es ist unverzeihbar, was die Universität Hamburg mir angetan hat, als sie diese Strafanzeige gegen meinen Doktorvater ohne meine Zustimmung erstattet hat.

Wie ich in einem vorherigen Post geschrieben habe, denke ich heute, wir Hochschulstudentinnen sollten die Professoren anzeigen, die uns sexuell genötigt oder vergewaltigt haben oder es schon mal versucht haben. Mit zehn Punkten will ich dies begründen:

Montag, 10. Januar 2011

Strafverfahren: Hohenheim (1997)

Fakten: In demselben Jahr, in dem der Bundesgerichtshof die Verurteilung des Konstanzer Hochschullehrers bestätigte, wurde ein Professor für Tierökologie der Universität Hohenheim zu einer Freiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung und zu 20.000 DM Geldbuße verurteilt, weil er eine Diplomandin in einem Fall und eine Doktorandin in vier Fällen sexuell genötigt hat. 1994 hat der Professor die Diplomandin während Arbeiten im Gelände gezwungen, unerwünschte Berührungen an sich zu dulden und an ihm vorzunehmen. Obwohl der Professor die Diplomandin vorher bereits gegen ihren Willen umarmt und geküsst hatte, war nur dieser Vorfall Gegenstand des Verfahrens. Gegenüber der Doktorandin ist es zu sexuellen Handlungen gekommen, während sie ein Fahrzeug auf der Autobahn gesteuert hat. Andere Vorfälle fanden im Gelände statt, wo die Doktorandin für ihre Dissertation geforscht hat. Die Strafanzeige gegen den Professor wurde im November 1995 erstattet. Im März 1997 wurde er vom Landgericht Stuttgart verurteilt. Erst im April 2000 endete das Disziplinarverfahren, das als Folge die Dienstentfernung des Professors hatte.

Sonntag, 9. Januar 2011

Strafverfahren: Konstanz (1997)

Die genannte Jahrzahl entspricht dem Jahr, in dem das Strafverfahren abgeschlossen wurde, nicht dem Jahr der Delikte.

Fakten: Eine Doktorandin der Universität Konstanz wurde mehrmals von ihrem Doktorvater, einem Psychologieprofessor, zu einer Liebesbeziehung gedrängt. Sie hat ihn mehrmals zurückgewiesen. Da er seine Absichten nicht aufgegeben hat, hat die Doktorandin sich vom Arbeitsplatz im Schlaflabor entfernt und nur auf Drohung ihres Doktorvaters mit negativen Folgen für ihre Dissertation hin ist sie zurückgekehrt. Dort kam es zu einem Vorfall sexueller Nötigung, die der Professor unterbrochen hat, weil die Doktorandin angefangen hat zu weinen. Ein weiterer Vorfall geschah im Auto des Professors, wo er sie gegen ihren Willen fest umarmt und geküsst hat. Diese Vorfälle fanden zwischen August und November 1992 statt. Nach dem entsprechenden Strafverfahren (1995-1996) wurde der Professor zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Seine Revision gegen dieses Urteil wurde abgelehnt (1997).

Samstag, 8. Januar 2011

Artikel: „Missbrauch und die Folgen – unser Rechtssystem schützt die Täter“ (im netzwerkB)

Als Betroffene sexuellen Missbrauchs fühle ich mich mit dem Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt identifiziert und verfolge täglich ihre Webseite. Ich bewundere die Arbeit, die Norbert Denef – Sprecher des Netzwerks und selbst Missbrauchsopfer – geleistet hat, damit Opfer eine Stimme haben und für ihre Rechte kämpfen können, und wie er sich bemüht hat, das Schweigen über sexuelle Gewalt zu brechen. Ich mag seine Initiative „Coming-Out der Opfer“ und wenn ich nicht im Moment als Opfer in einem Strafverfahren involviert wäre, hätte ich schon mit meinem wahren Namen und meinem Foto als 13-Jährige mitgemacht.

Im Zusammenhang mit meinem Post „Viel einfacher für den Täter als für das Opfer“ kopiere ich den Link zu einem Artikel, der mich angesprochen hat:


Freitag, 7. Januar 2011

Artikel: „Vergewaltigung – das straflose Verbrechen“ (von Chantal Louis)

In der Herbst-Ausgabe 2010 von EMMA ist der Artikel der Journalistin Chantal Louis mit dem Titel „Vergewaltigung – das straflose Verbrechen“ erschienen. Er handelt von der Problematik der faktischen Straflosigkeit dieses Delikts aufgrund der häufigen Einstellungen der Strafverfahren, der hohen Anzahl von Frauen, die die Tat nicht anzeigen wollen sowie der Mythen der Gesellschaft um die Definition von Vergewaltigung. Einer der berichteten Fälle betrifft eine Doktorandin, die von ihrem Doktorvater vergewaltigt wurde.

Den ganzen Artikel können Sie in der Webseite der Zeitschrift EMMA lesen:


Donnerstag, 6. Januar 2011

Viel einfacher für den Täter als für das Opfer

Im Laufe der Verfahren gegen meinen Doktorvater habe ich viel Überraschendes gesehen. Etwas was mich stark verwundert hat, ist die Behandlung des Täters in Vergleich zum Opfer. Betroffen von sexueller Gewalt zu sein, ist eine zerstörende Erfahrung. Im Zeitraum zwischen dem sexuellen Übergriff und meiner Entscheidung, mich an die Kontaktstelle bei sexueller Diskriminierung und Gewalt der Uni zu wenden, hatte ich Depressionen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Albträume u.a. persönliche Konsequenzen. Meine Leistungen wurden beeinträchtigt. In meinem Heimatland war ich daran gewöhnt, vieles zu machen. Ich arbeitete und studierte gleichzeitig, habe Artikel veröffentlicht, an Kongressen teilgenommen, daneben hatte ich auch Zeit, mich meinen Hobbies zu widmen. Nach dem Erlebnis konnte ich nur noch schwer an meiner Dissertation arbeiten und einen Lehrauftrag durchführen. Wenn ich nicht eine Therapie gesucht hätte, wäre die Situation für mich nicht auszuhalten gewesen. Außerdem war es für mich nicht das erste Mal, dass ich Opfer sexueller Gewalt war. Als 13-Jährige wurde ich in der Schule von einem Lehrer sexuell missbraucht. Nach der Erfahrung mit meinem Doktorvater fühlte ich mich praktisch zerstört. Ich konnte einen schweren Missbrauch überleben und fand Trost in meinem Studium, aber diesmal war mein Studium selbst betroffen, da alles was ich in Deutschland hatte, vom Mann, der mich sexuell genötigt hat, abhängig war.

Eine Strafanzeige ohne meine Zustimmung

Die Entscheidung, eine Strafanzeige zu erstatten, wurde nicht von mir getroffen. So wie mein Doktorvater mich zu unerwünschten sexuellen Handlungen gezwungen hat, hat die Universität Hamburg mich gezwungen, die Tortur eines Prozesses zu erleiden. Heutzutage denke ich, die Erstattung einer Strafanzeige ist der richtige Weg, aber damals war ich nicht sicher. Ich habe mich an die Kontaktstelle bei sexueller Diskriminierung und Gewalt der Universität Hamburg gewandt, um Hilfe zu suchen und mich beraten zu lassen, aber ich wurde den Löwen der rechtlichen Arena vorgeworfen.

Ein schwieriger, unbekannter Weg

Als ich im Büro der Gleichstellungsbeauftragten der Universität Hamburg gehört habe, dass ein Disziplinarverfahren gegen meinen Doktorvater eröffnet und eine Strafanzeige gegen ihn erstattet werden soll, dachte ich, eine Katastrophe würde geschehen. Ich, Ausländerin, Stipendiatin, ohne Familie in Deutschland, ohne Freundinnen vor Ort, denen ich mich zu dieser Zeit anvertraut hatte und mit meinem Ehemann im Ausland, war in ein Strafverfahren verwickelt. Die jungen Juristinnen der Universität, mit denen ich gesprochen habe, haben alles so geschildert, als ob meine Aufgabe nur darin bestehen würde, zu erzählen, was mein Doktorvater mir angetan hatte. Die Gleichstellungsbeauftragte hat mir mehrmals versichert, ich würde mein Promotionsstudium erfolgreich absolvieren. War alles so einfach? Natürlich nicht. Seitdem ich von meinem Doktorvater im Juli 2008 sexuell genötigt wurde und mich im Februar 2010 an die Kontaktstelle bei sexueller Diskriminierung und Gewalt der Universität gewandt habe, habe ich die Hölle erlebt.